Und Gott sah... von Otto Weiss, 2002, WallsteinUnd Gott sah, daß es schlecht war.
Erzählung aus Theresienstadt von Otto Weiss (2002, Wallstein-Verlag, mit Illustrationen v
on Helga Weissová - Übertragung Jiri Burgerstein).
Besprechung von Michael Wuliger aus Jüdische Allgemeine:

Gott in Theresienstadt
Otto Weiss’ bitterböse Novelle aus dem Jahr 1943

Wo war Gott während der Schoa?, lautet eine beliebte vulgärtheologische Frage. Die Antwort liefert jetzt eine kleine Novelle: ER war Häftling in Theresienstadt.

Dorthin hatte der HERR sich begeben, um nachzuforschen, warum ein Freßpaket, das ER seinem treuen Diener Siegfried Taussig ins Lager geschickt hatte, bei diesem nie angekommen war.
Was es mit dem verschwundenen Paket auf sich hat, erfährt Gott, alias Aaron Gottesmann, Transportnummer EZ 205, bald: jemand in der Poststelle hat es geklaut. Das ist in Theresienstadt üblich. Wobei der Dieb kein SS-Mann war, sondern ein Mithäftling. Unter den Juden im Lager herrscht nämlich eine brutale Klassengesellschaft: Die gewöhnlichen Insassen hausen in Massenbaracken, haben kaum zu fressen und frieren in ihren Lumpen, während die korrupte jüdische Lagerelite und ihre Büttel, die Funktionshäftlinge, gut behaust, gut genährt und gut gekleidet sich an Kulturveranstaltungen erfreuen und dafür sorgen, daß, wenn die Transporte Richtung Osten gehen, sie und ihre Angehörigen verschont bleiben.
Gott ist entsetzt. Warum hat IHN niemand informiert? Aber ER kann nichts machen. In Theresienstadt ist SEINE Allmacht offensichtlich außer Kraft gesetzt. Nicht einmal kleine Wunder mehr kann ER bewirken: Als in seiner Baracke der Strom gesperrt wird und alle in der Finsternis herumsitzen, spricht der HERR: Es werde Licht. Aber es bleibt dunkel.
Entstanden ist diese bitterböse Geschichte am Ort des Geschehens selbst, in Theresienstadt. Der Häftling Otto Weiss hat sie 1943 als Geburtstagsgeschenk für seine ebenfalls internierte Frau geschrieben, seine damals zwölfjährige Tochter Helga hat sie illustriert. Otto Weiss war kein Schriftsteller. Er war Bankbeamter. Aber seine kleine Novelle ist große Literatur. Lakonisch, unaufdringlich und sprachlich perfekt, vermittelt sie mehr vom realen Grauen des Lageralltags als fast alles, was bisher literarisch zu diesem Thema veröffentlicht wurde. In ihrer schriftstellerischen Qualität reicht diese Geschichte heran an Werke eines anderen Prager Juden derselben Generation, Franz Kafka.
Otto Weiss wurde, nicht lange, nachdem er seine Novelle geschrieben hatte, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Seine Tochter Helga, heute eine renommierte Illustratorin, hat die Schoa überlebt. Ihres Vaters Manuskript hat sie jetzt, fast sechzig Jahre nachdem es verfaßt wurde, zur Veröffentlichung freigegeben. Man sollte es unbedingt lesen.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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