Unbehaust von A.J.Weigoni, 2003, Uräus-HandpresseUnbehaust.
Buch von A. J. Weigoni (2003, Uräus-Handpresse).
Besprechung von Holger Benkel für LYRIKwelt.de:

Rettungsversuche der Literatur im digitalen Raum

Wer keinen künstlerischen Trends folgt, kann Nebenflüsse schaffen, Mäanderströme der Kultur. Haimo Hieronymus und A. J. Weigoni versuchen in ihrem Künstlerbuch die Erlösung von Erfahrungswelten durch virtuelle Neukomposition. Die Gedichte nehmen Strukturen und Ausdrucksweisen moderner Medien und Kommunikationstechniken auf und transformieren sie mit aufklärerischem Anspruch, indem sie öffentliche Sprache spielerisch virtuos verwenden zugleich kritisch reflexiv ihren Funktionswert hinterfragen.

Die Texte selbst nähern sich grafischen Formen. "Ein Strich in der Landschaft", lehrt uns der Volksmund, sei ein dünner Mensch. Tritt man etwas weiter zurück, wird aus dem Strich eine Linie und der Betrachter sieht sich vor die Fragen gestellt: Wo endet die Schrift, wo beginnt die Zeichnung, wo geht sie ins Zeichen über, das übers Sichtbare hinausweist?

Die expressive Farbigkeit von Haimo Hieronymus, die man als vital bis aggressiv empfinden kann, korrespondiert mit dem Stachel der Analyse in Weigonis Texten wie umgekehrt die relativierende Denkhaltung derselben mit den ambivalenten Bedeutungen der Farben Schwarz, Rot und Weiß, die zusammenwirken, während sie Kontraste bilden. Der Ernst paart sich indes mit Leichtigkeit. Praktisch alle Techniken dieses Buches, die aphoristische Struktur, der gestische Duktus, die ironischen Untertöne, die Unterwanderung vorgeprägter Sprache, die umgedeuteten Sprichwörter, die filmischen Momentaufnahmen, dienen einem reflexiv vom Intellekt gelenkten und dabei häufig parodistischen Spiel. Indem Weigoni Postulaten, die ihm abstrakt erscheinen, ob Mythen, Moralvorgaben oder Utopien, mißtraut, doch zugleich den Mangel an ideell Gelebtem in vorgefundener Wirklichkeit konstatiert, verweist er auf ein Grundproblem postmoderner Intellektualität. Sarkasmus und Ironie sind so auch ein Refugium gegen totale Ernüchterung, obwohl, oder weil, manche Stellen dem kaltgenauen Blick Heiner Müllers oder Ernst Jüngers allerdings schon nahekommen.

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