Unauslöschlich.
Roman von Akira
Yoshimura (2002, Beck -
Übertragung Sabine Mangold).
Besprechung von Ludger Lütkehaus in der Neue
Züricher Zeitung vom 15.08.2002:
Der
Lauf des Verhängnisses
Akira Yoshimuras Roman
«Unauslöschlich»
Als sich in der Neuübersetzung Svetlana Geiers Dostojewskis «Schuld und Sühne» in «Verbrechen und Strafe» zurückverwandelte, da war das nicht nur wortgetreuer als der alte Titel; mit dem Wechsel von den moralphilosophisch und metaphysisch aufgeladenen Begriffen zu kriminologischen und juristischen ging auch eine Veränderung der Perspektive einher: Es wurde ein kälterer, weniger identifikatorischer Blick von aussen auf Raskolnikow geworfen.
«Verbrechen und Strafe» hätte auch der Titel von Akira Yoshimuras Roman «Unauslöschlich» lauten können - jedenfalls unter keinen Umständen «Schuld und Sühne». Erzählt wird von einem Kapitalverbrechen, aber keiner Reue, nur von einer harten Strafe, die bis zur Wiederkehr des Verbrechens führt. Einen japanischen Anti-Raskolnikow muss man Yoshimuras Roman deswegen noch nicht nennen. Vermutlich täte man dem im deutschen Sprachraum bis auf seinen Roman «Schiffbruch» noch weitgehend unbekannten Autor (Jahrgang 1927) damit keinen Gefallen. Aber es handelt sich um ein bemerkenswertes Werk.
Kikutani, Lehrer an einer Schule in der japanischen Provinz, hat seine Frau Emiko mit ihrem Liebhaber Mochizuki in flagranti, brutaler: auf dem Höhepunkt ihres Orgasmus-Geschreis, erwischt. Er ersticht seine Frau, verletzt den fliehenden Liebhaber und zündet das Wohnhaus an, in dem er ihn vermutet. Aber nur Mochizukis alte Mutter verbrennt. Kikutani wird wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Es hätte auch die Todesstrafe sein können. Doch es werden ihm mildernde Umstände zugebilligt, weil der Mord nicht vorsätzlich begangen wurde - allerdings nach Kikutanis Selbsteinschätzung auch nicht eigentlich im Affekt geschah, sondern kühl und im höchsten Masse sachlich. Da war nur - und das will nicht recht zu diesem Befund passen - dieses Zinnoberrot von seinen Augen . . .
Das liegt nun anderthalb Jahrzehnte zurück. Und der inzwischen 50-jährige Kikutani wird wegen guter Führung, auch weil er seine Tat zu bereuen scheint, auf Bewährung entlassen. Der Rückweg in eine auf das Fremdeste modernisierte, technisierte, kommerzialisierte, betonverbaute Welt kommt einer zweiten Geburt, aber in Schrecken, gleich. Innerlich ist Kikutanis Entwicklungsgeschichte stehengeblieben, als er die Freiheit verlor. Doch zwei Bewährungshelfer, deren humane Kontur an Gestalten Yasushi Inoues erinnert, mildern den Schrecken der neuen Welt.. ...Fortsetzung
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