Um Haus und Hof von Hans Georg Bulla, 2014, San Marco HandpresseUm Haus und Hof.
Gedichte von Hans Georg Bulla (
2014, San Marco Handpresse PeterMarggraf, Im Winkel 5, D-31535 Neustadt).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, September 2014:

„ich kann nicht mehr/ schlafen, nicht über, / nicht unter der Erde

Es ist das erste Mal, dass mich Gedichte wie die von Hans Georg Bulla in seinem traumhaft schönen Buch „Um Haus und Hof“ auf besondere Weise berührt und getröstet haben, obwohl es um das Ende des Lebens, das Sterben und den Tod geht, in stillen ausdrucksstarken Versen, wie zur Selbstvergewisserung notiert, mit einem Dennoch, dem Ja zum Leben, zärtlich, offenkundig und klug.

Das Leben in seinen Grenzen, beschreiben diese klaren, schnörkellosen Texte, die ohne Pathos auskommen, und seine Entgrenzung in der Erinnerung wie im Tod.

„Nachtzug// All deine Toten siehst/ du zu Deiner Linken/ tief im vollen Mond, / der fährt im Fenster mit./ Sie leuchten, sie glänzen/ zwischen den fliehenden/ laublosen Ästen der/ Schattenbäume entlang/ der Strecke“.

Wir werden mit alten Männern, Mädchen und Jungen, mit dem Sterben einer jungen Frau, mit Hund und Katze, mit Erinnerungen an eine Kindheit und Kirchenritualen und Krankenbesuchen bekannt gemacht, als ständen wir dabei und daneben, ohne wie der Dichter die treffenden Worte zu finden, um die Situationen zu beschreiben.

„Nach dem Besuch// Die Kranke, die wir verlassen, / sie teilt ihr Bett mit vielen.// Ein langer Gedanke/ läßt sie nicht los, / dem stolpert sie hinterher/ mit zögerlichem Herzschlag.// Käme vom Fenster das/ Licht, es wäre noch/ Tag.“

Sorgfältig hat der Dichter Worte gesucht und gefunden, auf ihre Tauglichkeit abgeklopft wie der Steinmetz den Stein, den er bearbeiten will und so Gedichte geschrieben, die an Deutlichkeit nichts übrig lassen, obwohl sie eher verhalten und leise schleichend daherkommen und im wahrsten Sinne „Aufs Wort“ Herz und Seele des Lesers öffnen:

„Zitat auf Zitat, an der/ Betonmauer entlang, / ein Stolpern, ein Stürzen, / ein halber Fall// Die Hunde auf der/ Straße, sie liegen schief/ beinander zu dritt, recken/ trist ihre Schädel// Dem fahren die Hände/ aus den Taschen, die/ Seele aus dem Leib, der/ vornüber stürzt, auf Staub, / auf Stein, aufs alte Wort“.

Diese Gedichte spiegeln beharrlich und genau Geschichten von  Kindheit und Alter, als wären es Reisen, von denen berichtet wird „In aller Stille“:

Eine andere Stadt, die Musik/ zieht weiter, der Zug ist/ pünktlich. Ein Augenpaar// Wartet im Apparat, schlafende/ Bilder. Glücklicher jetzt, / die Hände liegen ruhig/ auf dem Fensterrahmen. / Alter Spiegel./ Sternenhimmel./ Die Ohren sind geschlossen.“

Sie zeigen den Dichter als aufmerksamen Beobachter und mitfühlenden Menschen, der Zeugnis ablegt als Augenzeuge und Betroffener, der um Vergänglichkeit weiß und auf seine Art und Weise damit zu recht zu kommen versucht im Wort, wo sonst?

Erinnerung// Wie die Katze, die sich/ langsam verabschiedete./ Sie blieb länger im Sessel, / lag dichter neben mir, / sie wurde blind und stieß/ sich an den Möbeln./ Von Zimmer zu Zimmer/ trug ich sie, zeigte ihr/ noch einmal den Garten, / ihren Platz draußen./ Wo ich sie schließlich/ begraben habe.“

Diese Gedichte sind unaufdringlich. Sie beeindrucken mich wie ein Kammerspiel, das mich traurig, aber nicht ratlos zurücklässt, sondern, mit Gewissheit versehen, um Banges erleichtert, auf eine befreiende Art fast euphorisch, ein „Kleiner Gruss“:

„Ein Winter, der nicht zum/ Ende kommt, im Baum/ vor dem Fenster zwei/ Krähen, das alte Paar./ Das alte unsterbliche Paar.“

Hans Georg Bulla, der begnadete Dichter, schreibt, denke ich, sagen zu dürfen, begnadete, wunderbare und intensive Gedichte, die mit den genialen Kohlezeichnungen unter dem Titel „Die Angst vor dem Weggehen“ von Peter Marggraf in Dialog treten, als wäre Beides, losgelöst voneinander, geschaffen worden, um sich zu ergänzen. Froh und dankbar bin ich, dieses Buch, eine Kostbarkeit, immer wieder neu entdecken zu dürfen. Es ist ein wirklicher Trost.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0914 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Michael Starcke