1.) - 2.)
Ulrike Maria
Stuart.
Theaterstück von Elfriede
Jelinek (2007, Münchner Kammerspiele).
Besprechung von Sabine
Dultz im Münchner
Merkur, 31.3.2007:
Die
Jelinek stellt die Frauenfrage
Münchner Kammerspiele: Jossi Wieler
inszenierte „Ulrike Maria Stuart”
Da haben wir den Salat. Immer wieder mischt ihn die Mutter/Großmutter in der großen Schüssel. Aber keiner will ihn. Nicht der Vater/Großvater, nicht die halbwüchsigen Enkel/ Sohn und Tochter. Als gutbürgerliche Familie, die Alten als die schicken Rebellen von einst, sitzen sie um den reich gedeckten Tisch. Wein, ein Berg von Garnelen.
Jossi Wieler, der Spezialist für bürgerliche
Befindlichkeiten, hat aus dem, wie‘s bei Jelinek heißt, „Chor der Greise”
ein Generationen übergreifendes Spießer-Quartett gemacht, wo die Kinder im
ironisierten Märchenton fragen: „Sag uns, ist die Mutter tot?” Und der Papa
antwortet: „Nein, sie ist heimgesucht.”
Das zieht sich in der Münchner Aufführung eine gute Weile so hin. Fragen nach
den Legenden der RAF, Verklärung inbegriffen, und Antworten, die keine sind.
Die Geschichte ist ein Supermarkt, jeder nimmt sich aus den Regalen, was ihm
gerade passt. „Was ist jetzt daran wahr, was nicht? Das weiß wohl keiner hier
im Laden.” So oder so ähnlich heißt es jedenfalls im nicht frei verfügbaren
Text, den die Literatur-Nobelpreisträgerin aus spleenigem Grund als Lesestoff
strikt gesperrt hat.
Na und? Spannender wird die Sache nicht dadurch. Die erste halbe Stunde:
gepflegte Langeweile. Da taucht wie ein bebrilltes Gespenst aus Nebelschwaden
die Titelfigur auf: Ulrike Maria Meinhof lässt in trauriger Insistenz ein paar
ideologische Pamphlete los, schön gesetzt in edle Sprache, schlägt mit dem
Kopf an die Wand, stilisiert sich zur Medea und bleibt schließlich erschrocken
an der Rampe stehen, als Gudrun Elisabeth Ensslin mit einigem Karacho auftritt:
weiß geschminktes Gesicht, ein kokettes Gespenst aus ferner Zeit. Mit einem
Ruck reißt sie das Tischtuch runter, knallt die Pistole auf die Platte. Dann
die Erinnerungssuada auf den lächerlichen Umstand ihrer einstigen Verhaftung:
beim Pulloverkauf in einer Hamburger Boutique.
Die Alten und die Jungen sind erschreckt, weichen zurück, sondern aus
berühmten Zitaten konstruierten Sprechblasensalat ab wie: „Aus der Freiheit
hat noch keiner geschafft, eine Notwendigkeit zu machen.” Oder: „Das Volk
schläft nie.”, was man von dem Premierenpublikum allerdings nicht so genau
weiß. Und: „Es ist doch alles schlecht, so wie es ist.”
Was nun auch wieder nicht stimmt. Bleibt zwar die Inszenierung bis dahin
ziemlich fad und im Zwielicht der Gegenwart, wird sie in dem Moment erhellt,
wenn‘s um die Vergangenheit geht; wenn der Gefängnistrakt von oben
herunterfährt. Ein tolles Bühnenbild, das Treppenhaus von Stammheim, über
dessen Stufen und an den Geländern entlang sich körperlich schwerfällig
Gudrun Elisabeth quält.
Endlich der Hauptteil des Stücks, die Paraphrase auf jene Szene aus Schillers
Drama „Maria Stuart”, in der sich die beiden Königinnen das erste und
einzige Mal begegnen. Bei Jelinek gibt es kein Streitgespräch, keinen Dialog,
eigentlich nur Monologe, aber so aneinandergefügt, dass sie doch ebenso
spannend sind wie der Klassiker. Und behauptet die Autorin im Programmheft,
nichts von der Welt, nichts vom Leben, nichts von den Figuren zu wissen und zu
verstehen, so hat sie doch in Wieler auch hier wieder den Regisseur gefunden,
der einbringt, was ihr fehlt: die Psychologie.
Großartig die Schauspielerinnen, die in dieser Szene mit der typischen
Halskrause der elisabethanischen Zeit versehen sind. Brigitte Hobmeier ist die
kalte, kokette, eitle Frau, Gudrun Ensslin und Königin Elisabeth zusammen, aber
auch die sich die Blut befleckten Hände reibende Lady Macbeth, die schamlose
Buhlerin um Mann und Macht. Aus der Gosse der Geschichte, aus der Versenkung der
Bühne krallt sich die andere herauf, die hier für Maria Stuart und Ulrike
Meinhof steht. Bettina Stucky, erstmals in München zu sehen, spielt in ihrer
körperlichen Massigkeit diese Rolle mit bezwingender, stiller Intensität. Sie
ist die intellektuell Überlegene, in Liebesdingen Unterlegene. Sie ist die von
den so affigen wie gefährlichen Selbstbespieglern unter den Terroristen wie
Ensslin und Andreas Baader (eine glänzend gebotene Parodie: Sebastian Rudolph)
Ausgeschlossene, Gemobbte, in den Selbstmord Getriebene.
Was aber will Elfriede Jelinek mit diesem Stück? Anhand der mörderischen
Revolte der ideologisch durchgeknallten und zu Terroristinnen verkommenen
Achtundsechzigerinnen stellt sie die Frauenfrage. Dazu dient ihr Schillers
Drama als Muster. Sind Frauen von ihrer angeblich spezifischen Gefühlslage her
geeignet für politische Machtausübung? Werden sie im Falle des Herrschens
über Leben und Tod Popanze ihres Geschlechts? Nein, opportun sind solche Fragen
nicht. Sie sind absolut altmodisch, völlig überholt, passen nicht ins
emanzipatorische Bild. Darum umso mutiger gestellt.
Doch alles ist hier so schrecklich moderat. Man fragt sich am Ende, ob die
Inszenierung Jossi Wielers nicht ein bisschen Grellheit und Panoptikum gebraucht
hätte. Etwas von der verzweifelten Lächerlichkeit dieser zweifelhaften
Geschichts-Ikonen, die, welch Zufall, durch die gegenwärtige Diskussion um
Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar eine Extra-Aktualität erfahren haben.
Die Handlung
Der „Chor der Greise” wird heimgesucht von einer Untoten namens Ulrike
Maria. Außerdem bricht ein aus dem Jenseits ins Heute Gudrun Elisabeth. Die
Gesellschaft flieht erschrocken. In Königinnenart à la Schiller bekriegen sich
zwei Flintenweiber um die Macht und den Mann.
Die Besetzung
Regie: Jossi Wieler. Bühne: Jens Kilian. Kostüme: Anja Rabes. Musik: Wolfgang
Siuda. Darsteller: Bettina Stucky (Ulrike Maria); Hildegard Schmahl, Werner Rehm,
Katharina Schubert, Sebastian Rudolph (Chor der Greise); Brigitte Hobmeier
(Gudrun Elisabeth).
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0307 LYRIKwelt © Münchner Merkur
***
2.)
Ulrike Maria
Stuart.
Theaterstück von Elfriede
Jelinek (2007, Münchner Kammerspiele).
Besprechung von Alexander Altmann aus den Nürnberger
Nachrichten vom 2.04.2007:
Zickenkrieg im
Hochsicherheitstrakt
Elfriede Jelineks neues Stück «Ulrike
Maria Stuart» an den Münchner Kammerspielen
Der heutige Umgang mit den
RAF-Tätern ist ein derzeit viel diskutiertes Thema. Mit dem «deutschen Herbst»
befasst sich auch das neue Stück von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede
Jelinek, das nun in München Premiere hatte und dort nicht überzeugen konnte.
Sind es wirklich die Gespenster von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, die hier
auftreten? Nein, die spielen nur auf den ersten Blick die Hauptrollen in
Elfriede Jelineks neuem Stück «Ulrike Maria Stuart», das jetzt an den Münchner
Kammerspielen Premiere hatte. In Wirklichkeit ist es der Geist Friedrich
Schillers, der über dieser Aufführung schwebt, und um das deutlich zu
sagen: es ist kein allzu guter Geist.
Den vollständigen Artikel von Alexander Altmann finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten