Ullsteinroman von Sten Nadolny, 2003, UllsteinUllsteinroman.
Roman von Sten Nadolny (2003, Ullstein).
Besprechung von Maike Albath in Neue Zürcher Zeitung vom 18.12.2003:

Der Romancier als Historiker
Sten Nadolny porträtiert die Verlegerfamilie Ullstein

Der Aufstieg einer jüdischen Familie zur Kaiserzeit, Patriarchen und ihre Söhne, ein Verlagsimperium im swingenden Berlin der Weimarer Republik, geniale Geschäftsideen, Zwistigkeiten unter Brüdern, Scheidungen, Morphiumsucht und Rotationsdruckmaschinen - welch eine Fundgrube für einen Romancier! Das mag sich Sten Nadolny gedacht haben, als er mit der Arbeit an seinem Familienporträt begann. «Ullsteinroman» nennt er sein Buch und kündigt damit schon im Titel die Fiktionalisierung der vorgefundenen Wirklichkeit an. Dennoch: Man wird das Gefühl nicht los, als habe ihm die real existierende Familie manchmal im Weg gestanden.

Nadolny hat fleissig recherchiert, in Archiven gesessen, unzählige Briefe und Dokumente eingesehen, ganze Jahrgänge der «Berliner Zeitung», der «Berliner Illustrierten», der «Berliner Morgenpost» gewälzt, in alten «Tempo»-Nummern gestöbert, die ersten Ullstein-Bücher begutachtet und mit Nachkommen der Dynastie gesprochen. Die gründliche Forschungsarbeit merkt man dem dickleibigen Roman an. Den Erzählfluss hemmt dies zunächst nicht: Solange der Zeitungsgründer Leopold die Geschicke bestimmt, existiert ein strahlkräftiger Fluchtpunkt - der umtriebige Leopold gibt die Richtung vor, auf ihn laufen sämtliche Handlungsstränge zu. In diesen Passagen erzählt Nadolny so, wie wir es von ihm kennen: farbenfroh, mit epischer Breite, lebhaft und ein wenig altmodisch. Souverän jongliert er mit seinem Personal, taucht bald in diese, bald in jene Figur ein, gruppiert sämtliche Beteiligte um den nimmermüden Patriarchen herum und benutzt ihn als Scharnier zwischen den Generationen. Gleich in der ersten Szene lässt Nadolny sein Lieblingstransportmittel auftauchen: die Eisenbahn, zugleich eine Chiffre für den kommenden Industrialisierungsschub und die neue Mobilität.

Der Vater Leopolds, der Fürther Papiergrosshändler Hajum Hirsch Ullstein, frommer Jude und tüchtiger Geschäftsmann, nimmt mit seinen Kindern an der Eisenbahneinweihungsfahrt zwischen Fürth und Nürnberg teil. Anders als seine bequemen Brüder begeistert sich Leopold für die Technik und wächst zu einem ehrgeizigen jungen Mann heran: Ein Aufenthalt in England bringt ihn auf neue Ideen. Eine Frau namens Matilda hat er dort aufgetrieben, und er hat etwas über Aufbruch, Fortschritt und «Sachlichkeit» gelernt. Ein gewisser Paul Julius Reuter, Betreiber der ersten Telegrafenverbindungen, empfiehlt ihm, mit der Firma seines Vaters nach Berlin umzuziehen, wo die Gesellschaft im Umbruch und der Markt lebendiger sei. Der Plan gelingt, die Papierhandlung prosperiert, Matilda, eine ätherische Schönheit, bringt einen kleinen Ullstein nach dem anderen zur Welt, Leopold befreundet sich mit Rudolf Virchow, schreibt kluge Sätze, mitunter auch Gedichte, in Oktavhefte, wird zu einem engagierten Bürger der expandierenden preussischen Metropole und setzt sich als Stadtverordneter für Kanalisation und gemeinnützige Einrichtungen ein. Es gelingt Nadolny, Leopold mit seinem Gespür für Macht, seinem Erweckungsdrang und Geschäftssinn als einen ambivalenten Charakter darzustellen, der einem dennoch nicht unsympathisch ist. Matilda stirbt nach drei Söhnen und drei Töchtern im siebten Wochenbett, Leopold heiratet nach einigen Jahren das Kindermädchen und zeugt noch einmal drei Kinder. An Nachkommen herrscht kein Mangel, die Dynastie ist begründet. Fehlt nur noch ein Projekt, eine gemeinsame Mission. Als Leopold von seinem Amt beim Stadtparlament abgewählt wird, übernimmt er kurzerhand ein, zwei, drei Zeitungen, macht sie zu liberalen Blättern, zieht seine Söhne zu Mitarbeitern heran und krempelt nach und nach die Berliner Presselandschaft um.

Und da sind wir schon mittendrin im quirligen Berlin der Jahrhundertwende: jour fixe in der Königin-Augusta-Strasse, knatternde Automobile, Neubauten im Grunewald, radelnde Damen, rauchende Herren. Zahlreiche Genrebilder sorgen für Zeitkolorit, erfundene Szenen illustrieren die historischen Ereignisse, Stammbäume und ein Personenregister helfen uns bei der Orientierung in der weitverzweigten Familie, deren verwandtschaftliche Verbindungen man aber spätestens im letzten Drittel des Buches aus den Augen verliert. Neben Anhängen in Kursivschrift, die Erläuterungen zu den politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten zusammenfassen und wie ein Bühnenbild den Hintergrund beleben sollen, arbeitet Nadolny immer wieder Kapitel ein, die einzelnen Ullsteins gewidmet sind. Obwohl einige der Söhne Leopolds durchaus ein Profil gewinnen, bricht an diesen Stellen das Gebilde auseinander: zu verwirrend sind die Einzelschicksale, zu viele romanträchtige Geschichten werden nur angerissen. Einige dieser Kapitel wirken wie mit angezogener Handbremse geschrieben, so als habe sich Nadolny angesichts der Materialflut nicht entscheiden können, welcher Figur er sich nun anvertrauen soll. Die Ullstein-Saga wird zum Korsett: Die Fülle an Fakten, Anekdoten und familiären Verwicklungen scheint die erzählerische Imagination und die Souveränität des Autors zu behindern, und man weiss als Leser nicht mehr, um wen es eigentlich geht....Fortsetzung

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