1.) - 2.)
Über Wasser.
Passagen von Christoph
Geiser (2003, Ammann).
Besprechung von Sibylle
Birrer in Neue
Zürcher Zeitung vom 8.01.2004:
Radikal und eigenständig
«Über Wasser» - der
neue Prosaband von Christoph Geiser
Gleich zweimal wird einer ausgesandt, um zu beobachten. Er überquert den Ozean, reist von Europa nach Nordamerika, erschrickt sich in New York, harrt aus, quert erneut das Meer und weilt darauf in Dresden, Stadtschreiber seines Zeichens. Zwei Orte, zwei Passagen: Derweil hält sich der Ich-Erzähler - redend, nicht berichtend - über Wasser. Er bleibt, während er reist und die Wasser quert, immer in sich gefangen: Das Erleben reizt, das heisst, es reizt das Denken, setzt Denkbewegungen in Gang, diskursive Galoppaden durch kulturgeschichtliches Wissen. Das Erleben versetzt in Erregungszustände,die sich aus Erinnerungen und Imaginationen nähren. In permanenter Selbsterregung redet sich der Erzähler von «Über Wasser» durch seine Welt.
Sprachskepsis
Seit 15 Jahren schreibt sich Christoph Geiser weg von der Erzähltradition des sanften Realismus, hinein in eine Sprache der Selbsterregung, indem er immerfort an den Wörtern und ihren Bedeutungen herumfingert, die Hüllen lüftet, verschiedene Ebenen und Tiefen kurz sichtbar macht und zugleich verhüllt. Christoph Geiser hat sich in den vergangenen Jahren des Schreibens immer dezidierter von den Erzählkonventionen verabschiedet und sich zugleich an der Geschichte der Ästhetik gerieben. Denn sein Schreiben ist viel weniger experimentell denn eigenwillig traditionell, indem es an die künstlerischen Intentionen der Moderne anknüpft. An der Sprachskepsis nährt auch Geiser seine Lust, als Literaturschaffender die eigentliche Produktivität der Sprache freizulegen.
Als Christoph Geiser vor fünf Jahren seinen letzten Prosaband, «Die Baumeister. Eine Fiktion», vorlegte, unternahm er darin wortwörtlich die Weg- und Entführung des Schreibenden in seine Imagination: Über das Druckbild der «Carceri» von Giovanni Battista Piranesi gebeugt, verlor sich der Erzähler in der Betrachtung und stieg hinab in die Tiefen der Phantasie. Umso kompromissloser war «Die Baumeister» eine Verabschiedung des Erzählers ins Innere der Sprache - eine beeindruckende, tollkühne Allmachtsphantasie des Künstlers und eine verzweifelte Rhapsodie von dessen Scheitern zugleich.
«Wohin des Weges, Autor?», fragte sich die Leserschaft angesichts der Autofiktion und -destruktion zwangsläufig - vorausgesetzt, sie hatte den wild wortspielenden, sprachzwirbelnden, lamentierenden wie kalauernden Erzähler nicht schon nach wenigen Buchseiten aus den Augen verloren. Es schien, als hätte sich Geiser an einen Rand - oder treffender: in eine Tiefe - geschrieben, von der die Rückkehr ungewiss anmutete.
Umso erfreulicher ist es, dem Autor mit neuer Prosa wieder zu begegnen. «Über Wasser» handelt vom Reisen und damit also von einer Bewegung hinaus, nach aussen - auch wenn dieses Aussen bei Christoph Geiser selbstredend eine Reiz- und Projektionsfläche für das Innen ist. Die «Passagen», so die Textbezeichnung, seien unterwegs entstanden, aus dem Bedürfnis, für einmal «sofort auf die Begebenheiten der Aussenwelt literarisch zu reagieren», erläutert Geiser zum Geleit. Umso ambivalenter und zugleich poetologisch pointierter liest sich im Wachstuchheft des Ich-Erzählers die Notiz: «Um Wahr-heit geht's uns hier nicht; nur um Wahr-nehmung. Optisch vornehmlich; akustisch im übrigen, linguistisch, semantisch - u. U. semiotisch, eventuell hermeneutisch -: nicht quasi haptisch.»
Hinter dem Selbstversuch des Erzählers als Wahrnehmender steckt reales Erleben: 1999 weilt Christoph Geiser während sechs Monaten als Stipendiat in einem Atelier in New York, anschliessend amtet er für ein halbes Jahr als Stadtschreiber in Dresden. «Über Wasser» setzt mit der Schiffspassage über den Atlantik ein und ist von Anfang an der Bericht von einem, der auszieht, das Fürchten zu lernen. Mit «Nein» beginnt der erste Hefteintrag, der symptomatisch die Differenzen und Parallelen zwischen seinem New-York-Erlebnis und demjenigen aus Franz Kafkas Amerika-Roman konstatiert. Ohnehin ist die europäische Literaturgeschichte ein permanentes Werkzeug beim Umgang mit Wahrnehmung und Wirklichkeit. Denn: Wie geht der Schriftsteller mit der Wirklichkeit um? Stellt er sich ihr? Oder interpretiert er sie und schafft sich selbstredend seine eigene?
Geisers Erzähler ist ein glücklicher Hans im Unglück. Sarkastisch fällt hüben wie drüben die Kontrastierung der einstigen Utopien mit der jetzigen Wirklichkeit aus. In New York provoziert die Diskrepanz zwischen der Gegenwart und dem Postulat von «Freedom and Democracy» permanente Widerrede und Reibung. In Dresden weiss der Erzähler das Vakuum, das die Entsorgung des Realsozialismus hinterlassen hat, nur mit seinen vertrauten Mitteln zu durchbrechen: Er verabschiedet sich in jene Wirklichkeit, die er sich bei Museumsbesuchen aus der Kunst erfindet....Fortsetzung
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Leseprobe I Buchbestellung 0104 LYRIKwelt © NZZ
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2.)
Über Wasser.
Passagen von Christoph
Geiser (2003, Ammann).
Besprechung von Georges-Arthur
Goldschmidt aus der Frankfurter
Rundschau, 4.2.2004:
Ein Buch, wie man es selten zu lesen bekommt, wie
aus der eigenen "Körpersprache" entstanden. Es werden nebensächliche
Begleiterscheinungen, Unbeachtetes, das sonst wortlos bleibt, wiedergegeben.
Daraus aber macht Christoph Geiser Sprachabenteuer und Welterlebnisse. Eine
Lesereise in die USA und zurück nach Dresden, "mit Sack und Pack"
wird da erzählt, mit allem Zubehör an Kleinigkeiten, unbedeutenden Malheurs
und winzigen Unpässlichkeiten, bei denen es einem vor Lachen kalt den Rücken
hinunterläuft, denn die Komik des Buches grenzt an das Infernale, da, wo man an
die Undurchdringlichkeit des Alltags stößt. "Nur die Gesetzesmäßigkeiten
der Verdammnis, die sind ihm vertraut." Es ist eine parodistische
Selbsttour, auf die der Erzähler den Leser mitnimmt durch die Wirrnisse des
Alltagsüberlebens hindurch.
Sack und Pack schleppt der Erzähler bis zum Frachter, auf dem er als einziger
Passagier sich nach Amerika einschifft: "Auwä Pussy! Die Säulen des
Herkules; das schrankenlose Meer, den Weltrund, das Rund!" und vor sich
tagelang den "siedenden Horizont" vor Augen hat, bis zur Ankunft in
New York, und so wird die Sprache zu einem sinnlichen Erlebnis. Die gewohnte
grammatisch logische Form wird zuweilen aufgegeben zugunsten des einzelnen
Wortes, das jedes Mal mit seiner ganzen Bedeutungsfülle vorgeführt wird. Es
ist ein richtiger Sprachroman; man begleitet die Sprache auf Fahrt von Ausdruck
zu Ausdruck durch ihren ganzen Reichtum an Empfindungen hindurch.
Die Wörter werden sozusagen ausgezogen, auf ihr Sosein reduziert, wie sie da
stehen: "Im Schiefen gelandet! Im Schrägen - und war doch grade noch so
schön auf hoher See, jenseits der Borderline quasi - und's wäre Fiktion
gewesen?! - Gischt im Schnauz! - Schaum vorm Mund, le haut mal quasi, schäumend
im Kellerloch gelandet?! Im Kerker?! In der Hölle?!", man hört mit, was
man liest, die Sprache wird physisch, bekommt ein Angesicht und wird
quicklebendig, sie erlangt, möchte man schreiben, eine hörbare Gestalt, sie
wird fast sichtbar.
Und so wird der Leser mitgenommen bis ins Hotel in New York und geniert sich vor
lauter Sprachhaftigkeit, als sei man Komplize und Kumpel des Unwohlseins des
Selbsterzählers. Alles wird um so schärfer vernommen, als die Sprache immer so
liegt, wie man es nicht erwartet hätte und doch jeweils des Pudels Kern trifft.
Der Stil Christoph Geisers geht der Sprache auf den Grund, da wo sie zwischen
Jean Paul und James Joyce liegt. Es ist immer, "als säß der
Bildbetrachter, dieser Voyeur in einem asiatischen Puff. Und - ab in die Dose,
in eine der vielen. Von Andy".
Das Auge spricht und sieht die Welt so sonderbar auf vielfältige, unerschöpfliche
Weise verfehlt, und dabei steht immer ein fast aberwitziges Wortgeräusch zur
Verfügung, so dass das Ganze einen teuflisch clownesken Anstrich bekommt,
getrieben wird das Buch von der erotischen Kraft der Ficktion-Fiction. Die Wörter
werden nackt ausgezogen: "Ja, sagen Se mal!, sind denn nicht auch unsere
schönen Trucks nichts als (...) Quitsch! auch wenn sie nicht quietschen! und
niemals! gut geölt & geschmiert, wie sie sind! und das heißt man kann sie
- künstlerisch - nicht umsetzen."
Die Worte sind geballte Erzählungen,
zusammengedrängte Eindrücke, Spracherlebnisse, die weit über den bloßen
Wortsinn greifen, und wieder "mit Sack und Pack" macht sich der Erzähler
auf den Weg über Belgien nach Dresden, und vor lauter Kunstschätzen kommt er
nicht mehr aus dem Staunen heraus: "Nicht einfach staunend stehen bleiben.
Sitzen bleiben, staunend. Es staunend einfach so im Raume hängen lassen?"
Orte auch des Wahnsinns und des Verbrechens wie jeder andere, wo zum Beispiel
ein Schüler eine Lehrerin mit 23 Messerstichen absticht. Die Worte zeugen von
einer Welt der Groteske und des heiteren Entsetzens, wo aber am Ende der
Kunstreise der Stadtschreiber mit "ein leichtes Geschlechte das da herumlümmelt
auf leicht vibrierenden Stühlchen, gespreizt leicht" stößt und,
"Kahn, Knaben schnelle Fahrt" mit den Knaben, so lautet der letzte
Satz, ins Bad springt. "Und 'rin ins Badevergnügen! Diesen Heidenspaß!"
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