Über Raben von Paulus Hochgatterer, 2002, Deuticke1.) - 2.)

Über Raben.
Roman von Paulus Hochgatterer (2002, Deuticke).
Besprechung von Franz Haas in Neue Zürcher Zeitung vom 5.06.2002:

Die Schule des Verschwindens
Paulus Hochgatterers vortrefflicher Roman «Über Raben»

Solange es Romane und Schüler gibt, wird es den Schulroman geben. Er hat in hundert Jahren (von Hermann Hesse bis Norbert Niemann) nichts an Aktualität verloren, und dazu brauchte es nicht die Massaker von Littleton und Erfurt. In Paulus Hochgatterers hervorragendem neuem Roman «Über Raben» ist das Unbehagen an der Schule und am Leben gerecht aufgeteilt zwischen einem Deutschlehrer und seiner 13-jährigen Schülerin. Die rasch wechselnden Kapitel, die anfangs scheinbar nichts miteinander zu tun haben, skandieren einerseits den Schulalltag des sonderbaren Mädchens während einer Woche im Winter kurz vor den Semesterferien an einem renommierten Gymnasium der Wiener Innenstadt, andererseits den stillen Amoklauf des Lehrers, der sich zur selben Zeit in einer Höhle oberhalb einer Gebirgswand verschanzt hat. Gesellschaft leistet ihm ein Rabe, der dort sein Nest hat. Das Präzisionsgewehr, das der leidenschaftliche Alpinist bei sich hat, wird er bis zum Schluss nicht brauchen, denn seine imaginierten «Verfolger», vor allem die Lehrerschaft des Gymnasiums, bleiben aus. Das Ende ist offen, lässt aber nichts Gutes ahnen, für beide nicht.

Paulus Hochgatterer (Jahrgang 1961) ist praktizierender Psychiater für Kinder und Jugendliche in einer Wiener Klinik. Daneben schreibt er Literatur, die in Österreich zum Besten der letzten Jahre zählt. Dass dies nebenbei geschieht, hat offensichtlich den Vorteil, dass er sich nicht im Gerangel des Literaturbetriebs verzetteln muss. Auch in seinen letzten zwei Büchern, dem Roman «Caretta Caretta» (1999) und der Erzählung «Wildwasser» (1995), hat er gezeigt, wie gut er die raue Schale und die ramponierte Psyche von Jugendlichen kennt und beschreiben kann. Die Widmung des neuen Romans «Über Raben» lautet: «Für die bösen Kinder und die schlechten Lehrer». Damit ist das Übel schon angedeutet, die Katze, die sich in den Schwanz beisst, das Perpetuum mobile aus Misstrauen und Indifferenz, das auch in besseren Schulen zum Inventar gehört. - Wendig erzählt Hochgatterer abwechselnd aus beiden Perspektiven, mit dem bockigen Zungenschlag der Jugend und der abgeklärten Lässigkeit der Erwachsenen. Seine Schüler sind nicht nur verzogene Monster, seine Lehrer nicht nur geifernde Pädagogen, seine Wahrheit liegt irgendwo verzwickt dazwischen.

Vom flüchtigen Lehrer, dem abgängigen «Professor Schneider», ist in der 3. Person die Rede: Er ist ins Gebirge ausgerissen, klettert mit schwerer Ausrüstung und viel Proviant eine senkrechte Wand hoch, verletzt sich an einer Hand, verkriecht sich in eine Höhle und wartet mit griffbereitem Gewehr auf seine «Verfolger». Diese Kollegen aus der Schule malt er sich in phantastischer Lächerlichkeit aus. Manchmal denkt er an «das Mädchen» mit den abstehenden Ohren, an ihre befremdlichen Sätze in Deutschaufsätzen. Sehr vermisst er seinen kleinen Sohn, seine Ex-Frau und die Sommersprossen auf ihrem Hintern. Aus seinen Gedanken und Erinnerungen entsteht das Bild eines recht durchschnittlichen Mannes, eines begeisterten Bergsteigers und lauen Lehrers. Er erinnert sich in allen Details an lange zurückliegende Klettertouren, die Schule hingegen ist in seinem Kopf eine ziemlich verschwommene Sache. Haargenau und seitenlang werden die Handgriffe beim Klettern erklärt (und der Laie kann an diesem Alpinisten-Latein nur die präzise Grammatik bewundern), der Schulbetrieb ist eher eine Nebensache in seinem Leben. Warum er sich so sehr verrannt hat, wird nie direkt ausgesprochen, aber Indizien sind über den ganzen Roman verstreut. Bei schmerzstillenden Tabletten und Dosenproviant hockt er nun in einer kalten Hölle, einsam wie der Rabe....Fortsetzung

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Über Raben von Paulus Hochgatterer, 2002, Deuticke2.)

Über Raben.
Roman von Paulus Hochgatterer (2002, Deuticke).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau vom 12.02.2003:

Der Mann und das Mädchen
"Über Raben": Paulus Hochgatterer bedient den Psychiater-Effekt der Literatur

In der Literatur sind Erfahrungen so wirklich wie Einbildungen. Sie wertet nicht zwischen dem, was der Fall ist, und dem, was bloßer Einfall ist. Sie nimmt den Wahn und die Obsession so selbstverständlich wie die Banalität des Alltags. Sie schaut in Menschen hinein, beobachtet, wie es in ihnen brodelt und kocht, wie sie vom Gleichmut überfallen und von der Krise bedroht reagieren, und sie schaut aus Menschen heraus auf die Welt, um zu sehen, wie diese die Wirklichkeit sehen. Nun ist allerdings die Rede von einem Roman, der auf das Abbilden von Welt verzichtet. Aber er sucht sich Menschen, in denen sich das Drama der Weltverstoßung ereignet.

Paulus Hochgatterer arbeitet als Kinderpsychiater in Wien und versteht sich gleichzeitig als Schriftsteller. Nein, er schreibt nicht "nebenbei", um als Mediziner etwas Abwechslung zu haben. Er zählt zu den ernsthaften Autoren, die das Zeug dazu haben, die deutschsprachige Literatur ein bisschen aufzumischen. Sein jüngster Roman Über Raben jedenfalls ist zu wertvoll, als dass er als Prosa eines exotischen Österreichers untergehen darf.

Es sieht so aus, als würde die Parallelgeschichte zweier Menschen erzählt, die beide gut geborgen in ihrem Wahn hausen. Einmal zieht sich ein Lehrer im tiefen Winter während des Schuljahres ins Hochgebirge zurück, ein Erzähler, nah am Geschehen, berichtet diese obskure Geschichte eines Aufstiegs und eines Ausstiegs. Das andere Mal führt eine Schülerin von Montag bis Freitag Tagebuch über die Ereignisse in der Schule und in ihrer Freizeit, doch klug wird man aus diesem Mädchen so wenig wie aus dem desorientierten Mann. Die beiden sind Fremdkörper in einer Gesellschaft, die für abweichendes Verhalten keinen Sinn hat.

Er plant etwas, das der Vernunft nicht zugänglich ist. Er stellt sein Auto ab, packt seine Ausrüstung, Proviant und ein Gewehr mit Zielfernrohr zusammen und verkriecht sich fern von den Menschen in einem finsteren, kalten Versteck. Ein Rabe ist das einzige Lebewesen in seiner Nähe, ansonsten läuft ein Film der Erinnerung ab, in dem Menschen keine besonders gute Figur machen. Wir lesen von einem einsamen Menschen, der sich eine Opferrolle zuschreibt und sich um sein Leben betrogen fühlt. Und oben in den Bergen wartet er auf die vermeintlichen Verfolger, mit denen er wohl abzurechnen im Sinn hat. Eine Ehe ist gescheitert, sein Sohn fehlt ihm, die Kollegen empfindet er als Widerlinge. So beschließt er, Rache zu üben. Wie er sich geschickt alle Hindernisse überwindend durchs Gelände bewegt, wirkt er wie die verkorkste männliche Variante einer Geierwally, die auszieht, verlorene Gerechtigkeit wieder herzustellen. Der Rest ist großes Welttheater im eigenen Kopf.

Sie plant etwas, das der Vernunft nicht zugänglich ist. Sie geht jeden Tag in die Schule, spielt oberflächlich mit, und unterhält sich mit ihrer Freundin über mögliche Todesarten. "Wie stirbt ein Trafikant?, frage ich Simone." Sie lebt offenbar allein mit einem Kater, der Telefonanschluss ist gekappt worden, sie kümmert sich nebenbei um eine behinderte alte Frau, deren Bankomatkarte sie plündert und besorgt sich auffallend viel Gift aus Apotheken. Regelmäßig beobachtet sie eine Amsel, die Großstadtvariante eines Raben. In der Wohnung der alten Dame gibt es einen künstlichen Vogel, den man auf Gesang programmieren kann. Das Mädchen plant etwas, wovon nie recht zu erfahren ist, was es damit auf sich hat, sie macht sich wie eine Geierwally ihre eigene Gesetze, verbirgt Grausamkeit hinter Sanftmut.

Die beiden Figuren, deren Wahnexistenzen jeweils beschrieben werden, gehören eng zusammen. Beide rasten sie auf eine sehr disziplinierte, überlegte Weise aus. Sie fühlen sich den anderen überlegen und schlagen der Welt, die ihnen nicht gefällt, ein Schnippchen. Sie brauchen kein Motiv, sie sind nur sich selber verantwortlich. Das ist der Psychiater-Effekt in der Literatur: Das Leben verzieht sich immer tiefer nach innen. Der Leser bekommt ein genaues Bild von Störungen einer Psyche, die Außenwelt aber bleibt fremd und unnahbar, totes Gelände. Das führt zu Schwächen in der Gestaltung. Dabei unternimmt der Erzähler riesige Anstrengungen, Natur ins Bild zu setzen. Er verwendet eine Präzisionssprache, greift auf den Bergsteiger-Jargon zurück: "Die Verschneidung steilte sich umso mehr auf, je näher man an sie herankam. . . Dass die Verschneidung zugleich, ganz egal wie das Wetter war, ab jenem bestimmten Punkt ein Stück von ihrer Düsternis verlor und wirkte, als sei sie von einem hellgelben Schimmer überzogen, war einzigartig und überraschte ihn immer wieder. Er sah den Querriss im untersten Teil, er sah den winzigen Absatz mit dem Hollerbusch, er sah den Trichter und er sah jenen Spalt parallel zur westlichen Trichterkante."
Der Roman ist nach einem Kontrastmodell gestaltet. Die Einsamkeit der Außenseiter steht gegen die Gemeinschaft der Lehrer und Schüler, Natur gegen Zivilisation, Vernunft gegen Wahn. Der Autor belässt die Figuren in ihrer gestörten Wahrnehmung von Welt. Ihr Denken und Tun wird nie in Frage gestellt. Das eröffnet völlig neue Fragen. Handelt es sich bei den beiden Erzählgestalten tatsächlich um zwei Figuren? Fallen nicht vielmehr die beiden unterschiedlichen Personen in einer einzigen zusammen? Wie weit geht der Wahn? Eignet er sich vielleicht eine andere Identität kraft Behauptung einfach an? Was geht vor in einem Kopf, wenn jemand mit den Menschen nichts mehr zu schaffen haben will? Erfindet er sich ein paralleles Leben, in dem noch einmal starke Gründe zusammen kommen, sich von der Welt der Menschen zu verabschieden?

Beide Figuren hängen eng zusammen, sind durch Motivverkettungen miteinander verbunden. Ein gemeinsames Geheimnis lastet auf dem Lehrer und der Schülerin. Das Mädchen verkriecht sich in der Kuhle des Bettes, der Mann in einer Schneehöhle. Das Mädchen denkt sich Sätze aus, um sie zu analysieren, der Mann führt Zettel mit sich herum mit Satzanalysen und Aufsätzen. Das Mädchen legt sich auf den Balkon, "Schnee liegt auf meinem Gesicht", gerade so, als ob sie im Gebirge nächtigen würde. Beide, das Mädchen und der Mann, sind auf Improvisation angewiesen, um die Kälte auszuhalten. "Er kroch in die Kleider und begann Schnee zu schmelzen." Das Mädchen notiert: "Ich schließe das Fenster, stelle das Backrohr des Küchenherdes auf zweihundertfünfzig Grad Heißluft, lasse es einige Minuten anlaufen und öffne es dann." Das Mädchen ist die Erfindung eines Pädagogen, der vor dem Vorwurf die Flucht ergriff, "seine Beziehung zu den Kindern sei zu eng". Jetzt liegt es an den Lesern, einen starken Autor zu entdecken.

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