Über Nacht von Sabine Gruber, 2007, Beck1.) - 2.)

Über Nacht.
Roman von Sabine Gruber (2007, Beck).
Besprechung von
Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 21.3.2007:

Lebensmacht Todesmacht
Sabine Grubers unsentimentaler Roman «Über Nacht»

Der Himmel weiss, was es bedeutet. Vom Blau über Rom heben sich die Schwärme der Vögel ab, in immer neuen Formationen ziehen die Stare über die Stadt. Wenn früher die Auguren den Vogelflug zu deuten wussten, dann stehen jetzt zwei Frauen um die vierzig unter diesem Schauspiel und dabei mitten in Sabine Grubers neuem Roman «Über Nacht». Nicht nur anagrammatisch über ihre Namen sind Irma und Mira verbunden. Der Roman spiegelt das Leben der einen in dem der anderen. Er macht eine Geschichte aus dem Geschick zweier Menschen, die sich nicht kennen. Irma lebt in Wien, Mira in Rom. Die eine hat harte Jahre als Dialyse-Patientin hinter sich und fängt gerade mit einer Spenderniere ein neues Leben an. Die andere ist Krankenpflegerin in einem Altenheim und sieht, wie ihr bisheriges Leben zerfällt.

Erzählen, was ist

Sabine Gruber, die Südtirolerin, die schon lange in Wien wohnt, kennt die italienischen Topographien so gut wie die österreichischen. Mit ihren Figuren bewegt sie sich auf dem festen Grund eines literarischen wie weltanschaulichen Realismus. Den weiblichen Protagonistinnen des Romans «Über Nacht» macht niemand etwas vor. Nicht Vittorio, der in Rom einen schlechtgehenden Handel mit Sechziger-Jahre-Designermöbeln betreibt und der Mira schon seit langem auf Distanz hält. Und nicht Friedrich, der in Wien geradezu vom Gegenteil besessen ist: Irma zu halten und zu umklammern. Zwischen allen steht Rino, der sich verleugnende Vater von Irmas Kind, das bei einer flüchtigen Begegnung entstanden ist. Mit Rino, dem Vorstadt-Don-Juan, fängt Miras Affäre gerade erst an.

Sabine Grubers Realismus arbeitet mit sanfter Ironie, aber er kennt keine Sentimentalität. Was ist, das ist zu erzählen. Irma hält sich mit einem wissenschaftlichen Projekt über aussterbendes Handwerk über Wasser. Die Protagonisten unbrauchbar gewordener Berufe sitzen ihr in Wien bei Interviews gegenüber. Im römischen Pflegeheim, der Casa di riposo, wo Mira arbeitet, sind von den Alten nur noch ihre Eigenwilligkeiten und Gesten geblieben. Jetzt, wo alles andere schwindet, werden sie durch diese kenntlich wie durch Striche einer flüchtigen Skizze.

Der Roman, der die südliche Geschäftigkeit Roms ebenso spürbar macht wie die wienerische Melancholie, ist offen für die kleinsten Regungen eines grossen Themas: der Vergänglichkeit. Wenn Irma mit einem neuen Transplantat weiterlebt, dann ist dafür jemand anders gestorben. Ein Skandalon bleibt der Punkt, an dem sich die Biografien zweier Menschen berühren, die sich nie gekannt haben. Es ist eine Trennung und zugleich eine Verdoppelung, eine existenzielle und zugleich literarische Chiffre, die Sabine Grubers Roman hier dekonstruiert. «Über Nacht» tut das mit grosser atmosphärischer Dichte und mit mathematischer Präzision.

Am Ende des Romans laufen alle Wege zusammen. Die Strassen Roms mit ihren in der Sommerhitze noch schwärzer erscheinenden Steinen und die kleinen Gassen der Wiener Leopoldstadt. Das Bild der Figuren wird zum überraschenden Gruppenbild, wenn der Schluss die Erzählstränge zusammenführt. Was ist darauf zu sehen? Eine Spiegelung des Lebens oder eine Luftspiegelung? Irma und Mira? Die Beziehungen, wie sie sind, oder eine Fata Morgana?

Phänomene des Verschwindens

Zwischen Anwesenheit und Abwesenheit scheinen Sabine Grubers Figuren zu changieren. Schon ihr letzter Roman, «Die Zumutung», hat die Phänomene des Verschwindens beschrieben. Die Hauptfigur dieses Buches taucht auch jetzt wieder auf. Wie von fern, ein Schatten ihrer selbst. Das Projekt der Schriftstellerin ist wie ein grosser Versuch, das zwischen Sein und Nichtsein schwebende Leben festzuhalten, darin das Muster zu erkennen. «Der Zufall, diese Lebensmacht, diese Todesmacht», heisst es in «Über Nacht».

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Über Nacht von Sabine Gruber, 2007, Beck2.)

Über Nacht.
Roman von Sabine Gruber (2007, Beck).
Besprechung von
Barbara Rieder aus Rezensionen-online *biblio*, 2007:

Geschichte zweier Frauen, deren Leben frappierende Parallelen aufweist. (DR)

Die Puzzlesteinchen, aus denen sich die Biografien von Irma und Mira zusammensetzen, ähneln sich auf erstaunliche Weise. Irma lebt als alleinerziehende Mutter in Wien, ist Dialysepatientin und wartet auf eine Spenderniere. Sie schreibt Reportagen über aussterbende Berufe. Die Altenpflegerin Mira lebt in Rom, verheiratet, kinderlos. Seit geraumer Zeit sucht sie nach Erklärungen für das abweisende Verhalten ihres Mannes, eines Möbelhändlers. Steinchen für Steinchen fügen sich die Lebensstränge der beiden Frauen aneinander. So lernte z.B. Irma den Vater ihres Kindes in Rom kennen – den wir an anderer Stelle des Buches als Angehörigen eines Patienten in Miras Altenheim wiedertreffen. Die tägliche Nähe zum Tod ist bei beiden Frauen spürbar. Irma kämpft mit den seelischen Narben nach der Nierentransplantation, der Gedanke an das Schicksal des Spenders lässt sie nicht los. Mira pflegt tagtäglich Alte und Leidende mit einer geradezu stoischen Gelassenheit. Dass beide Protagonistinnen ein Problem mit ihren Beziehungen haben, ist augenfällig, ebenso wie das beiderseitige Faible für Vögel. Der Pfad, auf dem die LeserInnen durch das Leben der Frauen geführt werden, ist kunstvoll verschlungen. Die Namen Irma und Mira bestehen aus den selben „Buchstaben“ - das tatsächliche Ausmaß der Beziehung zwischen den Frauen enthüllt die Autorin erst am Ende des Buches. Trotz der ernsten Grundstimmung ist Sabine Grubers Roman leicht und flüssig zu lesen, die Autorin versteht sich darauf, das Leben trotz aller Widrigkeiten positiv und schwerelos zu beschreiben. La vita è bella – trotz allem.

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