Überlebnis.
Prosa von Ulla Berkéwicz (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von Stephan Sattler aus dem
FOCUS,
17/2008:
Angesichts des Todes
Ulla Berkéwicz, die Witwe des legendären
Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, hat ein bewegendes Buch über das Sterben
geschrieben
Ein Buch der heutigen Suhrkamp-Chefin über ihren
Mann, der am 26. Oktober 2002 starb, über dessen Krankheit und Tod – ist das
keine Sensation, die die Literaturwelt erregen muss? Nach Bayreuth steht doch
der Name Suhrkamp – zumindest in deutschen Feuilletons – für die brisante
Mischung aus Hochkultur und Familientragödie.
Wer nun Erwartungen in dieser Richtung hegte, wird nicht bedient. Kein Bericht
über die letzten Tage einer großen Verlegerpersönlichkeit, seinen Letzten Willen
oder sein Erbe liegt vor. Und alle Spekulationen um die seit 2003 tätige
Suhrkamp-Verlegerin bleiben so unerwähnt wie die recht heftigen Angriffe ihrer
missgünstigen Kritikerschar, die zu jeder Gelegenheit das Krisengeschrei
anstimmte.
Womit haben wir es aber dann zu tun? Schon der Titel „Überlebnis“, ein Kunstwort
aus Überleben und Erlebnis, kündigt ein hochambitioniertes Stück Prosa an. Der
Verarbeitung von Erlebnissen und Erinnerungen in einer ganz persönlichen,
eigensinnigen Sprache, die sich bewusst vom Alltagsjargon abhebt und sich an
lyrische und dramatische Diktion anlehnt, gilt das ganze Bemühen der Autorin.
Dafür beispielhaft lautet der Eingangssatz: „Die Angst, die ich immer noch habe,
ist die zu vergessen. Vergessen ist Verlieren, ist Verlorensein.“
Im Zentrum des Buches steht der lapidar „Mann“ genannte Lebensgefährte,
erheblich älter als die Ich-Erzählerin, der schwer erkrankt ist und nach einem
längeren Klinikaufenthalt zu Hause stirbt. Der Vorgang des Sterbens, das Ende
des geliebten Menschen, die Wucht des Erlebnisses, die die Zurückbleibende
trifft, all das wird in solcher Intensität beschworen, dass der Leser bald
sämtliche Assoziationen mit der zeitgeschichtlichen Figur Siegfried Unseld
hinter sich lässt.
Durch die pathetische Sprachgebärde wird er in das Nachdenken über Sterben und
Tod hineingezogen. Plötzlich wird ihm deutlich, wie unfähig wir heute sind, mit
der eigentlichen Katastrophe unseres Lebens, dem eigenen Ende, umzugehen.
Ulla Berkéwicz scheint fest daran zu glauben, dass die Erfahrung des Todes des
Pathos, des tiefen Gefühls, der hohen Sprache bedarf, wie wir es aus der antiken
Tragödie kennen. Die Ich-Erzählerin bekennt sich dazu, durch das Sterben des
„Mannes“ ganz außer Sinnen gebracht worden zu sein. Aber sie glaubt, der Angst
standhalten zu können, weil sie auf etwas setzt, was sie schon seit der Kindheit
antreibt: die Suche nach dem, was hinter allen Erscheinungen und Wirklichkeiten
zu finden wäre, die Suche nach dem „Spalt“, der ins Jenseits weist.
Alltagsverbundene Menschen werden es schwer haben, der Ich-Erzählerin hierbei zu
folgen. Atheisten und Agnostiker werden ihr religiöse Zumutungen vorwerfen.
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