Über Heidegger.
Buch von Günther Anders (2001, Beck).
Besprechung von Rahel Jaeggi in der Frankfurter Rundschau, 13.4.2002:

Leiblos umherlaufen
Günther Anders' kritische Auseinandersetzung mit seinem Lehrer Heidegger

Günther Anders hatte ein Talent für pointierte Formulierungen. Mit Begriffen wie dem der "Apokalypseblindheit", der Rede von der "Antiquiertheit des Menschen" oder von der "prometheischen Scham", die die Menschen angesichts der von ihnen selbst hergestellten technisch-zivilisatorischen Erzeugnisse befalle, hat der Philosoph früh schon Formeln geprägt, die später der Friedens- wie der Ökologiebewegung Munition liefern konnten - und wohl auch sollten. Er war immer schon ein Denker "im Handgemenge", wie sein Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten bezeugt, stets auf Einmischung aus - manchmal so provokativ, dass er, Adorno-Preisträger der Stadt Frankfurt, aus dem akademischen wie öffentlichen Leben beinahe wieder ausgebürgert worden wäre.

Diese Begabung zur erhellenden sprachlichen Zuspitzung findet sich auch in einem Band wieder, der eine weniger bekannte Seite des Technik- und Zivilisationskritikers dokumentiert: Die seiner philosophischen Herkunft aus der Existenzphilosophie Martin Heideggers. Der Band, der Reden und Vorträge, teils veröffentlichte, teils bisher unveröffentlichte Manuskripte umfasst (die meisten aus dem Zeitraum zwischen 1933 und 1954), bezeugt die intensive und früh schon kritische Auseinandersetzung mit dem einstigen Lehrer. Dafür bildet Heideggers NS-Engagement zwar den Hintergrund; interessiert ist Anders aber an den philosophischen Wurzeln dieses Engagements, am "reaktionären Potential der Lehre selbst".

Mit der berühmt gewordenen Formulierung von der "Pseudo-Konkretheit" der Heidegger'schen Philosophie oder mit deren Entlarvung als einer "reaktionären Lehre im umstürzlerischen Gewand" trifft Anders dabei nicht nur den Punkt, der die Faszination an Heidegger für Generationen von Schülern ausgemacht haben mag. Er umkreist in der Auseinandersetzung mit Heidegger auch das Problem, das ihn selber ein Leben lang umgetrieben hat: das der Vermittlung von Theorie und Praxis. Und wo Hannah Arendt in ihrer späten Rede zu Heideggers 80. Geburtstag dessen politische Verfehlung mit der geradezu vorpolitischen Haltung dessen, der als Philosoph seinen "Wohnsitz im Denken", eingenommen habe, zu verstehen versucht hatte, markiert die damit bezeichnete Ferne von den "menschlichen Angelegenheiten" nach Anders entschiedenem Urteil ein Defizit der Philosophie selbst - ein Versagen der Philosophie auch und gerade als Philosophie.

In den teilweise fragmentarischen Vorträgen und Aufsätzen des Bandes kristallisiert sich so eine Art von Linksheideggerianismus heraus, der erstaunliche Parallelen zum Linkshegelianismus aufweist. Wo Marx Hegel "vom Kopf auf die Füße" stellen wollte, fordert Anders gegenüber Heidegger die Konkretheit, Faktizität und Materialität der Welt ein. Und auch hier wäre es ein Missverständnis zu glauben, es ginge dem Kritiker gegenüber einer sich an die Verhältnisse "akkomodierenden" Lehre lediglich darum, "die Welt zu verändern". Entscheidend ist, sie schon als praktischen Zusammenhang verstehen zu können.

Anders' Kritik setzt mit Heidegger gegen Heidegger an: Zwar hätte Heideggers Ansatz beim alltäglichen "In-der-Welt-Sein" des "Daseins", das sich immer schon in Tätigkeitsvollzügen befindet und sich mittels dieser in der Welt orientiert, den Weg zu einem philosophischen Verständnis von Welt eröffnen können. Heidegger aber habe - so Anders' These - dieses Potential nicht ausgeschöpft. Die gegen die traditionelle Vorherrschaft des theoretischen Weltzugangs gerichtete Hinwendung zu den praktischen Weltvollzügen werde von einer gegenläufigen Tendenz untergraben: von der Entwirklichung nämlich eben jener Welt und jenes Daseins. Heideggers Welt sei, so Anders, nur scheinbar konkret, in Wahrheit jedoch eine "Gespensterwelt". Statt materiell, faktisch, widerständig zu sein ist sie, als Entwurf des Daseins aufgefasst, "vom Dasein bereits verschlungen". Diese Welt ist keine wirkliche Welt - und in ihr leben keine wirklichen Menschen. Heideggers "Dasein", so formuliert Anders, kennt "keine Instinkte und keine Zahnschmerzen". Es liebt nicht und läuft "leiblos umher".

Es ist nun vor allem die hierin liegende Ausblendung der Natur und der Naturhaftigkeit menschlicher Existenz, gegen die Anders seine eigene Position stellt. Damit bietet der Band nicht nur eine rhetorisch äußerst zugespitzte Konfrontation mit Heidegger, die immer wieder durch die Unbekümmertheit und den nüchternen Scharfsinn besticht, mit der Anders Heidegger'sche Denkfiguren zu übersetzen vermag - vielleicht die einzig mögliche Weise, dem Heidegger-typischen Pathos zu widerstehen. Der Gewinn der Edition liegt darüber hinaus darin, ein genuines Stück von Anders' eigenem philosophischen Denken zugänglich zu machen. Erkennbar wird hier nämlich der, wenn auch fragmentarische, Entwurf einer anthropologischen Transformation der Existenzialontologie, die an der Abhängigkeit und Bedürftigkeit menschlicher Lebewesen orientiert ist. Die von Heidegger herausgearbeitete "Sorgestruktur" des Daseins fundiert Anders in einer Theorie der Bedürfnisse und der Bedürftigkeit. Angemahnt wird hiermit gegen den Antinaturalismus der Existenzphilosophie die naturale Grundlage menschlicher Existenz; eingeklagt wird ein Materialismus, auf dessen Grundlage nach Anders' Überzeugung das Verständnis der gesellschaftlich-politischen Bedingungen menschlicher Existenz überhaupt erst gewonnen werden kann.

Selbst da, wo Anders gegenüber Heideggers "Scheinkonkretheit" manchmal allzu konkret wird und der von ihm vertretene Naturalismus fast naiv wirkt, hat sein Insistieren auf der Dimension von Faktizität und Unverfügbarkeit eine interessante Pointe: Gerade die Leugnung der Unverfügbarkeit nämlich, so liegt es in der Logik seiner Darstellung, führt zur Abhängigkeit von undurchschaubaren Gewalten. Gerade die von Heidegger unwillkürlich wiedereingeführte Selbstbezüglichkeit und Selbstermächtigung des Subjekts - die Haltung des "einsamen und trotzigen self-made man", den Anders durch das Heidegger'sche Eigentlichkeitspathos geistern sieht - führt zu seiner realen Machtlosigkeit.

Heideggers Dasein hat nicht nur "keine Zahnschmerzen", es kann sich zu den Verhältnissen, in denen es lebt und die es bedingen, nicht ins Verhältnis setzen, weil es mit den natürlichen Bedingtheiten auch die konkrete historische Situation und die gesellschaftlichen Machtverhältnisse ausblendet. Herrschaftsverhältnisse werden, so Anders, unter dem Vorwand ontologischer Fundamentalkritik weggeleugnet. Und wo es manchmal so aussieht, als gehe es Anders - in Vorwegnahme seiner späteren Themen - ausschließlich um das "nackte Überleben" der Menschheit, wird hier seine Orientierung an einer emanzipatorischen Version des "eigentlichen Daseins" erkennbar, das, als politisch-gesellschaftliches Wesen, "eine dem Menschen angemessene eigentliche Welt" erst zu schaffen habe.

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