Über Franz Hessel.
Erinnerungen, Porträts, Rezensionen zu Franz Hessel (2001, Igel-Verlag, hrsg. Gregor Ackermann und Hartmut Vollmer).
Besprechung von Momme Bordersen in der Frankfurter Rundschau, 26.01.2001:

Kein ganz einfacher Fall
Der Schriftsteller Franz Hessel: Zart und sensibel nannten ihn die einen, wetterfest die anderen. Eine Anthologie lädt ein zur Erkundung seines Werks

Warum eigentlich gehört dieser Franz Hessel nicht zu unseren meistgelesenen Autoren? Diese Frage drängt sich förmlich auf nach der Lektüre eines Bandes mit Erinnerungen, Porträts und Besprechungen aus dem Zeitraum 1905 - 2000. Denn was ihm die hier versammelten Dichter und Erzähler, Verleger, Wissenschaftler und Publizisten - von Franz Blei und Erich Mühsam über Stefan Großmann und Lion Feuchtwanger bis hin zu Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und Hans Sahl - bescheinigen, ist beinahe einhelliges Lob.

Vorbehalte kommen allenfalls auf ganz leisen Sohlen daher. Beispielsweise im Wort Hermann Hesses von der "vielleicht ein klein wenig überpflegten" Sprache Hessels, die seine Prosastücke beinahe schon in die Nähe des Kunstgewerbes rückten. Oder Peter Suhrkamp, dem seinerzeit (1929) die Karriere als erfolgreicher Verleger noch bevorstand: Ihm schienen die Erzählungen, Skizzen und Feuilletons in Hessels Nachfeier zwar in jeder Hinsicht filigran - "immer zart und sensibel" -, aber eben auch "niemals ganz frisch", und ihre Lektüre verstricke in "müde Wehmut", mache "mutlos" und es falle danach "schwer, sich wieder in die Gegenwart zu finden". (Ironie des Schicksals - eine durchaus erfreuliche -, dass ausgerechnet sein Verlag in den 80er Jahren wenigstens Hessels Romane neu auflegte.)

Überhaupt die deutschen Verleger! Noch lange nach seinem Tod, 1941, wollten sie an Hessel gar nicht heran. Und als sie dann endlich genügend Initiative entwickelten, hatten sie wenig fortune mit ihm. Von Ledig-Rowohlt wird überliefert, er habe zwar zu den Bewunderern Hessels gehört, aber den ehemaligen Lektor, Übersetzer und Autor seines Verlags mit einer postumen Werkausgabe noch einmal zu ehren, dazu mochte er sich nicht durchringen. Ihm schien die liebenswürdig-anmutige Prosa von Werken wie Pariser Romanze, Ermunterungen zum Genuß und Spazieren in Berlin mittlerweile schon "ein wenig welk" geworden. Als man dann ab den 60er Jahren doch begann, einzelne Werke Hessels wiederaufzulegen, geriet jedem Haus - von Rogner & Bernhard über Brinkmann & Bose bis hin zu "Arsenal" und Dtv - das Unternehmen rasch ins Stocken.

Es blieb alles Stückwerk, bis sich am Ende ein kleiner, freilich umso couragierterer Verlag im Oldenburgischen Hessels mit einer gediegenen 5bändigen Werkausgabe annahm. Seither ist dieser Autor, der nach seiner Vertreibung 1938 schließlich im fernen französischen Sanary-sur-Mer, nur wenige Monate nach seiner Entlassung aus dem berüchtigten Internierungslager Les Milles, zu Grabe getragen wurde, im deutschen Sprachraum endgültig wieder eingebürgert. Und damit kann die ohnehin schon begonnene systematische Erforschung von Zeit und Werk Hessels statthaben. Insofern darf man die vorliegende Anthologie mit "erinnerungsliterarischen und rezensierenden Auseinandersetzungen" (wie es - nur an dieser Stelle des Nachwortes - etwas hölzern heißt) nicht nur als Ergänzung zur Edition der Hesselschen opera omnia verstehen, sondern auch als Einladung zu dieser Exploration.

Eine Erkundung, deren Weg dornenreich genug sein wird. Denn, wie schon Kurt Tucholsky 1929 meinte: Hessel ist "kein ganz einfacher Fall". Man hat es hier mit einem schriftstellerischen Außenseitertum zu tun, das nur einem ersten, allzu oberflächlichen Blick Weltflucht dünken kann, mit einer Reinheit und Zartheit der Sprache, die alles andere als seicht ist und wirkungslos bleiben muss, und man hat es mit einem Autor zu tun, der sich durchaus "wetterfest" in den politischen Tagesstürmen behauptet - nur machte "er nicht noch selber Wind dazu" (D. Hildebrandt). Ob sich ein solcher Mann, zu dessen Lebens- und Arbeits-Mottos ein nur scheinbar weltfremdes "Genieße froh, was du nicht hast" gehörte, heute überhaupt noch gefragt ist, mag dahingestellt sein. Es zu erweisen, lohnte sich allemal!

Die Herausgeber haben ihre Sammelleidenschaft zu zügeln gewusst, weshalb sich in diesem Band keine Beiträge zu Hessels umfassender Übersetzertätigkeit finden. Für eine solche Entscheidung gibt es eigentlich nur gute Gründe, denn andernfalls wäre das Ganze nur ausgeufert. Gleichwohl haben sie sich dadurch um ein ziemlich einzigartiges Dokument gebracht. Es stammt aus der Feder Friedrich Burschells, erschien 1927 in der legendären Literarischen Welt und gilt der im selben Jahr erschienenen Proust-Übertragung Hessels und Benjamins. Ein Leserbrief, mehr "Referat" jedoch, das - ein äußerst seltener Fall - ausschließlich der Übersetzer-Leistung gewidmet ist.

Und in ihm steht der schöne Satz, Hessel sei gegenüber dem eher subtilen, präzisen, unablässig bohrenden, mit keiner Lösung zufriedenen Benjamin "wesentlich der liebenswürdige, anschmiegsame, intuitiv erfassende Teil, jenem charmanten Proust zugekehrt, dem lateinisch sicheren, ironischen schöpferisch überlegenen Kenner, dem Genie der bezaubernden, verzaubernden Einzelheit, des Takts und der Delikatesse der Ausführung". Bildung (wirkliche und umfassende), virtuos gehandhabte Ironie, Schöpfertum und Originalität, Takt und Delikatesse: Sind das nicht Werte und Eigenschaften, die man heute wieder besonders kultivieren sollte? Der von Gregor Ackermann und Hartmut Vollmer vorbildlich edierte Band ist ein Plädoyer dafür und verdient schon deshalb unsere besondere Aufmerksamkeit.

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