Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen von Alexander von Humboldt, 2006, EichbornÜber einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen.
Bericht von Alexander von Humboldt (2006, Eichborn, Hrsg.
von Oliver Lubrich und Ottmar Ette)
Besprechung von Marlies Haase aus der NRZ vom 4.02.2007:

Wo Weiße die einzigen Nichtsnutze waren
Wie Alexander von Humboldt den Chimborazo nicht bestieg und darüber schrieb. 

"Der kurze Aufenthalt in der ungeheuren Höhe, zu der wir aufgestiegen sind, war höchst trist und furchterregend; wir waren von einem Nebel umhüllt, der uns von Zeit zu Zeit die fürchterlichen Abgründe erahnen ließ, die uns umgaben". Alexander von Humboldt schrieb dies aus Lima an seinen Bruder Wilhelm im Jahre 1802. Alexander hatte den damals (vermeintlich) höchsten Berg der Welt erstiegen: den Chimborazo - und das mit kurzen Stiefeln, einfacher Kleidung, ohne Handschuhe. Die indianischen Träger gaben bald auf, sie sagten, sie würden vor Atemnot sterben. Sein Diener aber blieb bei ihm, ebenso zwei Freunde.

Der Weg war entsetzlich

Mit 6310 Metern ist der Chimborazo, ein erloschener Vulkan, zwar der höchste Berg Ecuadors - aber keineswegs der Welt. Immerhin, der Weg war entsetzlich, "aber noch unangenehmer war, daß alle Übelkeit, einen Drang, sich zu erbrechen, verspürten. Außerdem bluteten uns das Zahnfleisch und die Lippen, das Weiße unserer Augen war blutunterlaufen". Doch sie gehen weiter, oft auf einem Pfad der nur fünf Zentimeter breit ist. Unweit des Gipfels versperrt eine riesige Spalte den Weg - der Gipfel bleibt verwehrt. Er wird erst 1880 erstiegen.

Dennoch wird Humboldt mit dieser Expedition berühmt, schreibt aber erst 35 Jahre später darüber und dann keineswegs im Stile einer Heldentat. Er nennt seinen Aufsatz "Versuch, den Gipfel des Chimborazo zu besteigen".

Warum diese Bescheidenheit? Nun, Humboldt hatte nicht den Wunsch moderner Bergsteiger, einen erreichten Gipfel durch den nächst höheren zu toppen. Das Nichterreichen von Zielen war Teil seines Weltverständnisses ebenso wie das Gelingen, Großmannssucht lag ihm ohnehin völlig fern. Für Humboldt war der Erkenntnisgewinn das Wichtigste. Und da hatte der Chimborazo einfach zu wenig zu bieten. Der Gipfel war in Nebel gehüllt, das übrige kannte er schon oder war einfach nicht interessant genug.

Der vorliegende Band, der zum ersten Male (weltweit erstmalig, schreibt der Eichborn Verlag) auch die vollständige Edition von Humboldts Tagebuch der Reise zum Chimborazo bringt, nebst einem Humboldt-Porträt beider Autoren, lässt einen tiefen Blick tun. Wir erkennen Humboldts außerordentliche Präzision, seine Fähigkeit, trotz aller naturwissenschaftlichen Genauigkeit lebhaft und farbig zu erzählen, seinen Blick auch für Volksbräuche. So erzählt er von den Teufelsspielen der Indianer, bei denen manchmal ein ganzes Dorf zerstört wurde. Und seine Kritik ist klar und treffend. Nachdem er vom Fleiß der Indianer berichtet, schreibt er kurz und bündig: "Es gibt keine Nichtsnutze außer den Weißen." (NRZ) 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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