Über dei Flüsse von Georges-Arthur Goldschmit, 2001, Ammann1.) - 2.)

Über die Flüsse.
Autobiografie von Georges-Arthur Goldschmidt (2001, Ammann - Vorwort Peter Handke).
Besprechung von Michael Amon:

Der Schriftsteller und französische Übersetzer von Peter Handke legt seine Erinnerungen vor. Allein die Schilderung seines jüdischen Elternhauses als zum Protestantismus konvertierte Deutsch-Nationale lohnt die Lektüre dieses Buches. Erinnerungen ohne name dropping.

Weinempfehlung:
Hermitage blanc "Le Chevalier de Sterimberg" 1994 von Jaboulet

Plattenempfehlung:
Steve Earle: Jersusalem, Epic/Sony-Artemis Records, 509480 2

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Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Michael Amon

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Über dei Flüsse von Georges-Arthur Goldschmit, 2001, Ammann2.)

Über die Flüsse.
Autobiografie von Georges-Arthur Goldschmidt (2001, Ammann - Vorwort Peter Handke).
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit, Dezember 2001:

Auf der Schwelle
Arthur Goldschmidt reist vom Land der Täter in das der Opfer

Georges-Arthur Goldschmidt, 1928 als Sohn wohlhabender Hamburger Juden geboren, als Zehnjähriger über Florenz nach Frankreich geschickt und dort bis zu seinem 20. Lebensjahr in Internaten und Verstecken aufgewachsen, bis er, mittlerweile Vollwaise, zum Bürger seines Zufluchtslandes wurde, wo er noch heute in Paris lebt, als, wie er sagt, „Privatgelehrter“: Damit ist schon die Achse gegeben, um die sich seine Übersetzungen, seine Essays und seine erzählenden Texte drehen wie die Schlange um den Äskulapstab.

Goldschmidt ist nach eigener Aussage kein Schriftsteller. Die poetische Sprache als Fremdsprache schlechthin ist ihm keine zweite Heimat geworden; ein „Mann des Wortes“ wurde der von Haus aus eher dem Sehen und Malen Näherstehende durch dies Leben, dessen Substanz in der Sprache liegt. Seine Handke-Übersetzungen bewegten ihn zu Erzählungen, die er im Nachhinein als „aufgebläht“ bezeichnete; auf Deutsch schrieb er Bücher wie Die Aussonderung und Die Aussetzung, die vom Kindheitsexil erzählen, und der brillante Essay Als Freud das Meer sah analysiert das (vor)sprachliche Unbewusste am Übergang zwischen Deutsch und Französisch. In der Autobiografie schildert er das entscheidende Grenzerlebnis so: „Mir die Hand reichend, um mir beim Aussteigen zu helfen, sagte er [der Gepäckträger]: ,Itler, caca.‘ Das Fehlen des betonten ,H‘ fiel mir sofort auf, und zum ersten Mal hatte ich das körperliche Empfinden, in Sicherheit zu sein.“

Den französischen Text hat Goldschmidt selbst übersetzt und mithin über diese Schwelle zurückgetragen: „Das Französische hat mir das Deutsche zurückgeschenkt. Die Sprache blieb erhalten, wieder brauchbar gemacht wurde sie durch die Sprache der Aufnahme und der Rettung, die auch das Menschenbild bewahren konnte.“ Die in dem Freud-Essay untersuchte Übertragungsarbeit mündet dabei allerdings häufig ins Falsche, wenn „Neuheiten“ zu „Neuigkeiten“ werden, eine Villa „beträchtlich“ ist, wenn Lexik und Satzbau verrutschen. Hier hätte der Ammann Verlag das Risiko der Selbstübersetzung mildern müssen.

Die eindrücklichsten Passagen finden sich dort, wo die Herkunft noch eine Heimat ist, in der Kindheit, die gleichwohl schon von Schwellenerfahrungen gekennzeichnet ist, den rätselhaften Übergängen von einer Landschaft zur anderen, von drinnen zu draußen, von hell zu dunkel; der Lieblingplatz des Kindes war der Spalt einer Doppeltür, wo es „zwei Räume zugleich an den ausgestreckten Armen halten“ konnte. Ebenso deutlich die Verlusterfahrungen: Mit abrupten Schwankungen zwischen Zu- und Abwendung erzeugt die an Depressionen leidende Mutter bei dem Kind einen Mangel an Selbstgewissheit, den es durch Wutanfälle und Strafbedürfnis kompensiert, bevor ihm mit der Flucht der Boden des Daseins ganz unter den Füßen weggezogen wird.

Der Wechsel in die andere Sprache und Umgebung korrespondiert einem anderen existenziellen Übergangsphänomen, der Pubertät. „Wer nicht seine ersten sexuellen Verwirrungen in einer Zweitsprache erlebt hat, wird jene Sprache wahrscheinlich nie von Grund seines Wesens auf beherrschen.“ Einmal mehr enthüllt der Autor jene obsessive Verbindung von Lust und Strafe, Nacktheit und Prügeln, die die brutalen exhibitionistischen Züchtigungsmaßnahmen im Privatinternat bewirkten. Statt des Weges von der Repression der Sexualität zum faschistischen Vernichtungswillen, den Klaus Theweleit für die Täterseite analysiert hat, erkennt Goldschmidt in seinen französischen Erfahrungen eine Möglichkeit, der Existenzangst zu entrinnen. Als Märtyrer in der „Schule des Sadismus“ konnte sich der Zögling eine Fantasiewelt aufbauen, die ihn „vor dem Zusammenbruch im unheilbaren Schmerz der Waisenkinder geschützt“ hat. Demselben Mechanismus gehorchen die sprachlichen Übertretungen, allen voran der Wunsch, „bei frischer Lüge“ ertappt zu werden.

Als Geschichte eines Entkommenen inszeniert das Buch notwendigerweise mehr den Verlust als das Wiederfinden. Noch am Anfang des letzten Kapitels sieht sich der Siebzigjährige als verwirrten Jüngling und „nutzlosen Esser, gut für die Vergasung“: Die traumatische Zwischenexistenz eines Nicht-ganz-Opfers aus dem Land der Täter im Land der Überfallenen und Befreier bindet Goldschmidts Selbsterzählung an jene Schwellenthematik, die seine früheren Schriften umkreisen. Daher ist die Kennzeichnung als Autobiografie wenig überzeugend. Die magischen Kindheitslandschaften, die Delirien in der Zwangswelt des Internats, die Bilder aus der Innenwelt eines zwischen Allmachtswunsch und Ohnmachtsbewusstsein festgespannten Ausgesetzten und die Exkursionen in die Grenzregion zwischen Sprachen und Mentalitäten werden komplettiert durch ein loses, von Wiederholungen und Redundanzen gekennzeichnetes Patchwork aus historischen Fetzen, sprunghaft aneinander gereihten Anekdoten, nutzlos vorbeidefilierenden Namen und oft klischeehaft verkürzten Exkursen. Ein auf die Hälfte reduziertes Konzentrat – als janusköpfiges Porträt einer erschütterten und erschütternden Jugend – hätte uns noch mehr gegeben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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