Tupolew
134.
Roman von Antje
Rávic Strubel (2004, Beck).
Besprechung von Sibylle
Birrer in Neue
Züricher Zeitung vom 19.4.2004:
Die Realität als
Variationensatz
Ein eindrücklicher Roman von
Antje Rávic Strubel
Eigentlich waren die Erwartungen längst geschürt: Vor Jahren tauchten hier und dort in Literaturzeitschriften Texte von einer jungen Schreibenden auf, die mit präzise gearbeiteten Dialogsequenzen und stilsicher angedeuteten Beziehungskonstellationen auf sich aufmerksam machte. Antje Rávic Strubel hiess die Jungautorin, 1974 in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen, als Literaturwissenschafterin und Reisende spürbar geprägt vom Erzählfluss amerikanischer Gegenwartsliteratur.
Doch Strubels Débutroman von 2001, «Offene Blende», vermochte kaum zu überzeugen. Bereits konziser gearbeitet präsentierte sich, nur ein halbes Jahr später, ihr Episodenroman «Unter Schnee» (2002) - erneut zeigte sich darin Strubels sichere Hand beim Arrangieren zwischenmenschlicher Abgründe. Gut 300 Seiten stark ist nun der Beweis, dass mit Antje Rávic Strubel als Autorin zukünftig zu rechnen ist. «Tupolew 134» lautet der schlichte Titel, hinter dem sich nicht nur ein Stück noch unverheilter deutsch-deutscher Zeitgeschichte, sondern auch ein literarisch-philosophisches Spiel mit dem Begriff der «Wirklichkeit» verbirgt.
Die Erfindung der Wirklichkeit
Den Anlass zu «Tupolew 134» bietet ein reales Ereignis vom 30. August 1978: Ein Bürger der DDR, begleitet von einer jungen Frau, entführt mit Hilfe einer Spielzeugpistole eine polnische Linienmaschine auf dem Flug von Danzig nach Berlin-Schönefeld und erzwingt stattdessen die Landung auf dem Westberliner Flughafen Tempelhof. Doch was ein Jahr zuvor noch als mustergültige Ostflucht gutgeheissen worden wäre, bringt jetzt die Vertreter der Bundesrepublik in grösste Verlegenheit. Denn als Reaktion auf die Terrorattacken im «Deutschen Herbst» 1977 hatte man verschärfte Sicherheitsbestimmungen eingeführt, die auch die sofortige Auslieferung von Flugzeugentführern vorsahen.
Was also tun mit diesen unbedarft naiven Ostflüchtlingen? Nach einigem Hin und Her findet man für die Entführer der Tupolew 134 eine strategische Notlösung: Ihr Fall wird den in Tempelhof stationierten Amerikanern überantwortet, die wiederum - zur Inszenierung der perfekten Realität - auf dem Flughafen-Sperrbezirk einen amerikanischen Gerichtssaal nachbauen lassen. Dort werden die beiden Monate später freigesprochen und in die westlichen Freiheiten entlassen.
Eigentlich wären diese wenigen Fakten Stoff genug für eine politische Tragikomödie zur jüngsten Geschichte. Doch Antje Rávic Strubel interessiert vielmehr die menschliche Topographie unterhalb der historischen Bausteine - zumal letztlich der menschliche Untergrund bestimmt, wie die historischen Bausteine geschichtet werden: Jede Realität, so führt es Strubel im Verlauf von «Tupolew 134» kontinuierlich vor, ist eine fragile Erfindung, die «funktioniert, weil wir daran glauben». Formgebend wirkt stets, wer «die Hoheit des Erzählens» hat - und also changiert die Autorin erzähltechnisch konsequent die Perspektiven, schafft Verwerfungen, Schicht- und Sichtverschiebungen, placiert unablässig leise Ungewissheiten im trotzdem ruhigen Duktus ihrer «comédie humaine».
Dass sie sich mit ihrer Hinterfragung der Wirklichkeit in die europäische Erzähltradition der Moderne einordnet, scheint Antje Rávic Strubel sehr wohl bewusst zu sein. Umso konzentrierter und präziser bearbeitet sie die Momente der gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Realitäts-Inszenierung, indem sie ihre Protagonisten immer wieder einzeln ins Auge fasst und auf ihre je eigene Wirklichkeitskonstruktion hin untersucht. Und genau darin liegt das Bestechende dieses Romans: Es gelingen der Autorin Porträts, die in ihrer Sensibilität und Lebenswärme literarisch durchwegs überzeugen und beeindrucken.
Da ist zum einen Katja, die junge Frau, die zur Entführerin wird, weil sie sich in ihrem Alltag nicht mehr zurechtfindet und ihr Unbehagen in der Gesellschaftsordnung sowie ihren Freiheitsdrang im unscheinbaren, aber dringlichen Satz zusammenfasst: «Ich lebe nicht mehr gern so.» Da ist zum anderen Lutz, Katjas Arbeitskollege, der bei ihrem Fluchtversuch zum Mitläufer und unversehens zum Hauptakteur wird, obwohl seine Motivation immer im Dunkeln bleibt. Und sinnigerweise ist noch Hans Meerkopf mit im Spiel, ein westdeutscher Ingenieur, von Katja geangelt, verführt - vielleicht auch geliebt -, der vom «Authentischen» der Ostmädchen fasziniert ist und sich in die Rolle des Fluchthelfers schickt. Doch Meerkopf wird verraten, und nur deshalb, zufällig und spontan also, entschliessen sich Katja und Lutz zur geschichtsträchtigen Flugzeugentführung. Wer den Verrat begangen hat, bleibt bis zum Schluss ungewiss - konsequenterweise hat auch diese Realität ihre verschiedenen Auslegemöglichkeiten.
Zeitbild
Blind und unwissend straucheln alle Akteure in «Tupolew 134» über die kleine Bühne von Antje Rávic Strubels längst gottlosem Welttheater. Jedem gibt sie dabei eine Sprache, die ganz der «Wirklichkeit» abgehorcht erscheint - eine Dialogsprache, geprägt von Ost und West, mündlicher Unbefangenheit und handfestem Alltag.
Vorwärts und rückwärts lässt die Autorin ihre Protagonisten auf der Zeitachse spielen. In Schnitten und Sequenzen konstruiert Antje Rávic Strubel so Erzählvarianten zur Vor- und Nachgeschichte der spektakulären Flucht. Überspannt sie dabei auch zuweilen ihre eigene Erzählkonstruktion, so ist der Roman dennoch der beeindruckende Talentbeweis einer 30-jährigen Autorin, die man - mit ihrem dritten Buch - gerne als Debütantin feiern möchte. Denn abgesehen von den eindrücklichen Porträts und den tragikomischen Realien der Historie liefert «Tupolew 134» auch ein beeindruckendes Zeitbild vom Leben, Lieben und Reden in einer mittlerweile verschwundenen Republik - ein präzises und zugleich poetisches Zeitbild aus dem Osten, so realitätsnah, wie es eben nur die Literatur vermag.
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