Tropen. Über das Erhabene.
Gedichte von Raoul Schrott (1998, Hanser).
Besprechung von Michael Braun in freitag 03 vom 15.1.1999:

Das Gedicht als erkenntnistheoretische Maschine
EXTREME DES WAHRNEHMENS "TROPEN" Raoul Schrotts Annäherungen an das Erhabene

Es sind schon wieder zehn Jahre her, daß sich die philosophische Elite Frankreichs mit großer Begeisterung auf einen verschollen geglaubten Begriff stürzte. »Le sublime est à la mode« - »Das Erhabene ist in Mode«: so kommentierte damals der französische Intellektuelle Jean-Luc Nancy die plötzliche Wiederkehr eines Phänomens, das in Deutschland spätestens seit der Monumentalisierung von Kunst und Architektur im Faschismus unter Ideologieverdacht steht. Aber die Franzosen kennen bekanntlich keine Berührungsängste gegenüber politisch anrüchiger Ästhetik, und so betrieb man emsig, unter Rückgriff auf Immanuel Kant und Martin Heidegger, das Comeback des Erhabenen in Philosophie und Kunst.

Mit der Restaurierung des Erhabenen korrespondierte eine neue Faszination an ästhetischen Momenten der Erschütterung, des Rausches, der überwältigenden Affektivität. Denn ein Kennzeichen des Erhabenen in der Kunst ist ja die Befreiung aus den hehren Vorstellungen von Maß und Wert des wohlproportionierten Schönen. Das Erhabene sucht immer die rauschhafte Grenzüberschreitung, und jedes »seltsame Gefühl des Schwindels«, von dem der Hegelianer Friedrich Theodor Vischer gesagt hat, es führe »eine Art von wollüstiger Begierde mit sich, sein Leben in die unabsehbaren Gründe hinabzustürzen«.

So verzehrte man sich einige Jahre in wachsender Faszination am Erhabenen, bis sie schließlich auch nach Deutschland hinüberschwappte. Doch die intellektuellen Moden wechseln schnell, nach dem hundertsten Symposion über das Erhabene verlor der Gegenstand alsbald an Reiz - und so sah man das Erhabene schon wieder auf dem Weg zum philosophischen Auslaufmodell dahinschwinden.

Aber nun hat ausgerechnet Raoul Schrott, der vielbestaunte Lyrik-Archäologe, polyglotte Übersetzer, interkontinentale Sprachweltreisende und ehrgeizige Universalgelehrte, dem Erhabenen in seinem jüngsten Werk zu neuen Weihen verholfen. Tropen. Über das Erhabene, ist in schönem Doppelsinn sein neues Buch betitelt. Es trägt keine Gattungsbezeichnung und strebt auch in seinen einzelnen Teilen die Überschreitung der Gattungsgrenzen an. Mit rund 70 Gedichten, die flankiert werden durch ein Heer von Glossen, historischen und philologischen Erörterungen, Vor- und Nachworten, versucht Raoul Schrott das mysteriöse Erhabene einzukreisen. Er hat seine Tropen in fünf große »Stücke« gegliedert, die wiederum einzelne Zyklen enthalten und sich zu einer Universalgeschichte der poetischen Elemente zusammenschließen. Dabei bilden die traditionellen Stoffe des Erhabenen nur ein »Stück« innerhalb dieser poetischen Expeditionsreise. Nur in der ersten und zweiten Abteilung des Buches finden sich nämlich jene Evokationen von erhabener Natur: also von »Dämmerungserscheinungen«, Lichtphänomenen, Landschafts- und Wettermetamorphosen, die nach Kant und Heidegger zu den signifikanten Charakteristika des Erhabenen zu rechnen sind. »Kühn überhangende, gleichsam drohende Felsen, am Himmel sich auftürmende Donnerwolken, mit Blitzen und Krachen einherziehend ... der grenzenlose Ozean, in Empörung gesetzt, ein hoher Wasserfall u.d.gl.«, hatte Kant als Erscheinungsformen des Erhabenen aufgezählt.

Raoul Schrott sucht in seinem »ersten Stück«, der Physikalischen Optik, diese erhabenen Naturphänomene mit den Mitteln des Gedichts zu vermessen, das heißt sie in poetischen Bildern von großer Leuchtkraft und Plastizität zu veranschaulichen. »Ein Bild hinstellen«, hatte einst Ezra Pound gefordert, der in vielerlei Hinsicht als Raoul Schrotts Galionsfigur gelten kann: »Ein Bild hinstellen: Wir sind keine Malerschule, aber wir glauben, daß Dichtung Details exakt wiedergeben und sich nicht mit vagen Allgemeinheiten befassen sollte«. An dieser Poetik des sinnlichen »Imagismus«, die Pound 1913 formulierte, sind auch die Langverse und aufgerauhten Odenstrophen der Tropen orientiert. Auf seiner Suche nach Bildern von hoher sinnlicher Konkretion wird der Lyriker Raoul Schrott zum Landschaftsmaler, der die Elemente der Natur - Wind, Himmel, Regen, Meer - in kräftige Farben taucht. Im ersten »Stück« werden so die »Tropen« in doppeltem Sinn avisiert: Diese Gedichte beschwören die Natur-Gewalten auf Madagaskar, also die geographischen Tropen nahe des Äquators. Zugleich werden in den Randglossen die Tropen als Stilfiguren der Poesie aus den Lehrbüchern der Rhetorik herbeizitiert. In dieser Abteilung des Bandes, die je drei Gedichte »über das Erhabene« und über »eine Geschichte der Schrift« enthalten, finden sich die intensivsten Texte des Buches: »wo der fluß über die felsplatten rinnt wächst das weiß / der blasen in den ocker der gischt. das überfressene grün / wo das wasser im rechteck der felder steht treibt den reis / heraus in den rauch der von den buschfeuern herzieht / am nachmittag dann kommen die gewitter und verbrühn / sich an den eukalypten. die hitze rodet sich ihr gebiet / und bäckt die lehmigen weiden zu klumpen aus laterit / die flammen färben das eisen an den graswurzeln rot / und spülen das ufer ins meer...«. Wo Schrott vor den Einzelheiten als Beobachter verweilt, da sprühen seine Gedichte vor Sinnlichkeit, da gelingt es ihm, seine Wahrnehmungen in poetische Augenblicke zu transformieren. Wo er aber der Versuchung nachgibt, seine Wahrnehmungen im Gedicht selbst zu kommentieren, da stellen sich alsbald preziöse Fügungen ein, da werden Metaphern des Schreibens oder der Schrift recht gewaltsam auf Naturphänomene appliziert. Da werden wir dann reichlich eingedeckt mit den »kalligrammen / auf dem löschblatt der nacht«, mit den »hologrammen einer ohnmacht«, oder erfahren in einer Urszene des Erhabenen in einem Petrarca-Gedicht: so fällt der blick bloß auf die konturen eines fragments / und das sublime bewahrt seine lumineszenz. Da verbindet sich steile Gelehrsamkeit in einer unangemessenen Legierung mit der poetischen Form; der Philologe sieht dem Dichter über die Schulter - und blockiert unfreiweillig dessen poetische Potenzen.

Das Gedicht, hat Raoul Schrott einmal an anderer Stelle gesagt, ist »die präziseste erkenntnistheoretische Maschine, die es gibt.« An manchen Stellen der Tropen belastet der Dichter Schrott das Poetische allzu sehr mit erkenntnistheoretischen Aufgaben. Neben der lyrischen Vermessung von Natur- oder Wetterphänomenen versuchen sich die Tropen nämlich auch in der poetischen Engführung von Kunst- und Wissenschaftsgeschichte, in der Aufrufung physikalischer und kunstgeschichtlicher Grundbegriffe. Nicht nur die Wahrnehmung und Beschreibung des Erhabenen ist hier Thema, sondern auch die Erforschung der Bedingungen, unter denen poetische Wahrnehmung möglich wird. Dazu wandert der Dichter im dritten und vierten »Stück« der Tropen und in zahlreichen Randglossen durch eine Galerie großer Geister, läßt Albert Einstein und Niels Bohr, Michelangelo und Petrarca nebst einigen antiken Köpfen Revue passieren - um in Geschichten der »Perspektive« und des »Lichts« neue Dimensionen des Erhabenen auszuloten. Dieser Abteilung mit ihren subtilen Maskenspielen verdanken wir viele kundige Einführungen in moderne Quantenphysik und in die Geheimnisse der Malerei, aber wenig Gedichte, die sich über den Status des Lehrgedichts hinaus bewegen.

Im letzten Stück, »Gebirgsfront 1916 - 1918« betitelt, wagt Schrott noch eine überraschende Wendung. Die poetische Rekapitulation der grausigen Vorgänge an der sogenannten Ortlerfront im Ersten Weltkrieg ruft in Erinnerung, daß die Poetik des Erhabenen auch an eine Ästhetik des Schreckens gebunden werden kann. Wenn hier das Erhabene, der Tod und das Grauen des Krieges, in einen Zusammenhang gerückt werden, ist absehbar, daß sich daran bald politischer Protest entzünden wird.

Es lassen sich, wie gezeigt, einige Argumente finden gegen die Poetizität der Tropen - gegen jenen Fußnotenstolz und jene ausufernden Bildungsdemonstrationen, die auch schon in Schrotts phänomenaler Anthologie Die Erfindung der Poesie (1997) gelegentlich sichtbar wurden und völlig überzogene Hochstapler-Vorwürfe provoziert haben. Aber es gibt keinen Dichter der jüngeren Generation, der sich so konsequent wie Raoul Schrott der Aufgabe annimmt, die Ezra Pound der Dichtung zugewiesen hat: nämlich »Wahrnehmungsorgan der Gattung« zu sein und das Dasein als Versuchsperson für alle bis in die Extreme zu erkunden. Raoul Schrotts Tropen führen uns in diese Extreme des Wahrnehmens und des Wissens - seinen poetischen Rekonstruktionen des Erhabenen wächst selbst jene Qualität zu, die nach Kant erstes Kennzeichen der Erhabenen ist: Größe.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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