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Trötentöne.
Gedichte von Samuel
Beckett (2005, Suhrkamp - Übertragung Barbara Köhler)
Besprechung von Volker Frick bei buchkritik.at
vom 18.10.2005:
Ein neues
Buch von Beckett?
Nein, ein altes Buch vom späten Beckett. Ein
Gedichtband, laut Verlagswerbung „zum ersten Mal angemessen ins Deutsche
gebracht.“ Pustekuchen!
1981 erschien ein kleiner Band von Samuel Beckett in der Edition Suhrkamp
mit dem Titel „Flötentöne“. In diesem Gedichtband fanden sich neben den sechsunddreissig Vier- bis Zehnzeilern des Autors die Übertragungen des
Freundes Elmar Tophoven und des Dichters Karl
Krolow. Elmar Tophoven war bis zu seinem Tod am 23. April 1989 neben Wolfgang
Hildesheimer, Christian
Enzensberger oder Erich Franzen („Molloy“, 1954) der Übersetzer des Œuvres
von Samuel Beckett.
Die „Mirlitonnades“, so der Titel des Originals, entstanden zwischen
1977 und 1978. Diese französischen Knittelverse oder Reimereien, wie Beckett
sie bezeichnete, sind Notizen des Alltags, aufgezeichnet in Tanger, Paris oder
Stuttgart. Doch auch Lektüreschnipsel wie Voltaires Zeilen über das Erdbeben
in Lissabon 1755 oder die düstere Fabel „Der Hase und die Frösche“ von La
Fontaine fliessen hier ein.
Nun ist dieses Buch erneut unter dem Titel „Trötentöne“ erschienen.
Da der Suhrkamp Verlag auf seinen Internetseiten die Beckett-Biografie von James
Knowlson bei Erscheinen zeitweise mit dem Titel „Samuel Jackson“ beworben
hatte, konnte es sich auch hier nur um einen Fehler handeln. Der Titel Flötentöne
antizipierte Dichtkunst, Trötentöne allenfalls einen Harlekin.
Barbara Köhler,
Jahrgang 1959, bis dato mit mehreren Büchern im Suhrkamp Verlag vertreten, zwei
Gedichtbänden, „Deutsches Roulette“ (1991) und „Blue Box“ (1995), sowie
mit vermischten Schriften betitelt „Wittgensteins Nichte“ (2000), hat nun
also eine neue Übertragung der„Mirlitonnades“ nachgelegt.
„Der Titel signalisiert eine gewisse Nachlässigkeit und (durchaus
nicht gerechtfertigte) Bedeutungslosigkeit“ schrieb Alfred Simon in seiner
Beckett-Monographie. Und James Knowlson konstatierte zu Recht „Über der
scheinbar leichtgewichtigen Verspieltheit der Form dieser späten »poèmes
courts« sollte man nicht den Ernst, ja die Finsternis (Beckett) der Themen
verkennen.“ Für Knowlson „gewähren sie erschreckende Einsicht in die
damalige Verfinsterung seiner privaten Gestimmtheit.“
In einem Brief vom Mai des Jahres 1977 schreibt Beckett: „bei mir
endlose Unterbrechungen, endlose Post, keine Arbeitsmöglichkeit. Verschüttgegangen.
Sehe keinen Ausweg.“ Einen Brief vom 1. Oktober desselben Jahres an den
Schauspieler David Warrilow, der ihn um eine Solonummer gebeten hatte, beginnt
Beckett mit den Worten „Meine Geburt war mein Tod.“ Zu jeder Zeit hätte
Beckett auf die Frage nach dem eigenen Befinden kurz innegehalten im gemeinsamen
Spaziergang in der Nacht, um dann mit ausdrucksloser Miene zu sagen „Von Tag
zu Tag besser.“
Barbara Köhler ist Samuel Beckett auf formaler Ebene mit ihrer Übertragung
nahe gekommen. Hier und da legt Barbara Köhler
große Könnerschaft an den Tag.
Die wenigen Zeilen des Dichters des Schweigens verdichtet sie, und vereinzelt
gelingt ihre Übertragung kongenial. Aber die Bedeutung! Becketts Zettelzeilen
sind Stolpersteine, stöbern konnotativ vielfach les- und so kaum übersetzbar
in Wortfeldern. Darob Barbara Köhler
auch dreimal 2 und einmal gar 3 Versionen
vorlegt. Dann sind es die Zeilenumbrüche, deren Sinn sich nicht erschließt,
und auch der poetische Klang des Originals, der hier völlig auf der Strecke
bleibt: nicht der Rede wert.
Unter der Überschrift „Kurz nach Beckett“ legt Köhler nach ihren Übertragungen
der paar Paarhufer von Beckett nach mit eigenen drei Vierzeilern und einem
Dreizeiler, überschrieben als Arbeitsnotizen. Die gab’s 1983 auch schon von
Tophoven/Krolow.
Die eher prosaischen Übertragungen von Elmar Tophoven nicht in
Augenschein genommen, so waren und sind die lyrischen Anverwandlungen der
Beckettschen Verse des am 21. Juni 1999 gestorbenen Karl
Krolow recht einzigartig. Die Frage der Notwendigkeit einer Neuübersetzung
stellt sich nicht ein, denn, um ein Beispiel zu nennen, vor wenigen Jahren
wurden auch die beiden Romane „Der Wind“ und „Die Straße von Flandern“
des jüngst verstorbenen Claude
Simon (Literaturnobelpreis 1985) von Eva Moldenhauer neu übersetzt. Beide
Romane waren zuerst 1959 und 1961 von Elmar Tophoven ins Deutsche übertragen
worden. Tophoven übersetzte auch Nathalie
Sarraute, Alain
Robbe-Grillet, Marguerite
Duras.
Schon die Neuübertragung der „Tender Bottons“ von Gertrude
Stein durch Barbara Köhler
ins Deutsche (2004) wurde inspiriert genannt. Als Beckett 1969 den
Literaturnobelpreis zugesprochen bekam – in einem tunesischen Dorf, durch
tagelange Regenfälle von der Aussenwelt abgeschnitten, klingelt das Telefon.
Suzanne geht ran, und als sie die Nachricht vernimmt: „Quelle catastrophe!“
Beckett-Leser (falls es sie gibt) werden dieses Buch zur Kenntnis nehmen,
neue Leser wird der Autor mit dieser Übertragung kaum gewinnen, im Gegensatz zu
Frau Köhler. Aber so war das wohl auch gedacht.
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