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1.) - 2.)
Tristano
stirbt.
Roman von Antonio
Tabucchi (2005, Hanser - Übertragung Karin Fleischanderl).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 18.1.2006:
Voller Leerstellen
In Antonio Tabucchis jüngstem Roman
"Tristano stirbt" gerät ein Widerstandskämpfer auf dem Sterbebett
ins Schwadronieren
Tabucchis skeptischer
Entwicklungsroman Erklärt Pereira, 1995 erschienen, war eines der
wichtigsten Werke der vergangenen Dekade: ein Meisterstück politischer Aufklärung
und menschlicher Einfühlung, ein zu Recht außerordentlich erfolgreiches Buch,
das seine Leser lange begleiten konnte. Held jenes Romans war ein eher
unpolitisch veranlagter Mensch, der im faschistischen Portugal aufgrund drängender
Notwendigkeiten zum Engagement heranreift.
Ein Buch von dieser Strahlkraft schreiben womöglich selbst die Besten nur
einmal im Leben. Trotzdem stimmt es missmutig, nach zehn Jahren nun einen neuen
Roman aus Tabucchis Feder lesen zu müssen, der nur ein müder Abklatsch dessen
ist, was den Autor einst in die vorderste Reihe der Schriftsteller seiner
Generation gebracht hat.
Der Schriftsteller als Fachmann hilft
Tristano stirbt ist der ausdauernd lange
Monolog eines italienischen Widerstandskämpfers aus dem Zweiten Weltkrieg. Der
Mann hat eine unersättliche Lust, aus dem Nähkästchen zu plaudern, und
zitiert einen Freund an sein Sterbebett, den er nur den
"Schriftsteller" nennt, um seine Erinnerungen gewissermaßen vom
Fachmann zu Papier bringen zu lassen.
Hinter dieser Figur steckt offenbar Tabucchi selbst; aber das tut wenig zur
Sache. Der bestellte "Autor" erlaubt sich nämlich einen Scherz: Er lässt
den plaudernden, räsonierenden und oft genug auch schwadronierenden Erzähler
ins Leere laufen, indem er dessen unendlichen Monolog einfach im Maßstab 1:1
wiedergibt - üppig mit jenen drei Pünktchen durchsetzt, die die Spontaneität
einer immer wieder abreißenden und neu ansetzenden Rede vortäuschen.
Das klingt dann etwa so: "du bist überhaupt nicht hilfreich, du sagst kein
Wort, du stellst keine Fragen, du hast zwar meiner Anordnung gehorcht, als ich
dich habe holen lassen, ganz brav, ich hab gesagt, komm her und schreib, und du,
ganz brav… aber im Augenblick bist du zu folgsam, wenn ich den Faden verliere,
solltest du wissen, wo wir stehengeblieben sind, für mich überstürzen sich
die Jahre und auch die Orte, eine Bemerkung hin und wieder von dir würde genügen,
eine Frage, damit ich wieder weiß, wo ich bin … das würde helfen …"
Wenig hinter der Kulisse
Gemeint ist diese zunächst recht originell
klingende formale Idee als Tribut an die Poetik des "offenen
Kunstwerks", die bekanntlich Tabucchis Landsmann Umberto
Eco theoretisch fundiert hat. In der Praxis handelt es sich bei den
zahlreichen Leerstellen des Romans um Potemkinsche Dörfer, denn hinter den
Kulissen und Fassaden, die der Text behende aufzieht, verbirgt sich wenig.
Tristano kommt redend vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber selten auf einen
erhellenden oder originellen Gedanken.
Da verkündet er seinem stummen Zuhörer: "Heute habe ich ein neues Thema
gefunden, es geht um die Fortpflanzung des Fleisches. Ich bin heute in
Philosophierlaune, Schriftsteller ..." Was dabei herauskommt, sind Gemeinplätze
wie: "man kann die menschliche Rasse ja nicht aussterben lassen" oder:
"Kains Stamm verdient, weiterzuleben..." Und in dieser fatalen
Philosophierlaune ist der angeblich sterbende und dabei doch äußerst redselige
Tristano allzu oft. Was das Zentrum dieses Lebens ausgemacht hat, außer der
bekannten politisch redlichen Haltung, einer Reihe von Heldentaten im Krieg und
den üblichen Frauengeschichten, bleibt dagegen diffus, verschwimmt im raunenden
Erzählton.
Dem Zuhörer wird sibyllinisch bedeutet: "Du bist hierhergekommen, um das
Warum von Tristanos Leben zu erfahren. Aber im Leben gibt es kein Warum, hat dir
das noch niemand gesagt?"Doch. Schließlich handelt es sich um eine von
vielen Platitüden, vor denen dieser Monolog strotzt.
Der "Schriftsteller" hört sich das alles mit einer undefinierbaren
Mischung aus Schafsgeduld und Hinterfotzigkeit an, führt Protokoll und wäscht
seine Hände in Unschuld. Wir sollten ihn nicht Tabucchi nennen.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
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Leseprobe I Buchbestellung I home 0601 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
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2.)
Tristano
stirbt.
Roman von Antonio
Tabucchi (2005, Hanser - Übertragung Karin Fleischanderl).
Besprechung von Teresa Grenzmann aus dem Münchner Merkur, 16.3.2006:
Tod des
Partisans
Antonio Tabucchi fragt nach der
Freiheit
Wenn ein Mann auf dem Sterbebett sein Leben erzählt, ist es dann gewiss, dass er die Wahrheit spricht? Und was wird der Schriftsteller mit diesen Worten anfangen? Wird er den späten Heldentod des Alten in seiner Nacherzählung zulassen? "Gehören die Dinge dem, der sie sagt, oder dem, der sie niederschreibt?", fragt Antonio Tabucchi. In seinem Roman "Tristano stirbt" lässt er mit der Bestimmtheit der Behauptungen stets auch die begleitenden Zweifel wachsen.
Es beginnt bei der nebulösen Erzählperspektive:
Ist dies bereits die Sicht des Autors auf den Lebensmonolog des Alten? Ist es
der ehemalige Partisan namens Tristano selbst, der hier in der dritten Person
von sich berichtet? Oder ist es nur ein kranker Mann, dem das Morphium die
Halluzinationen aus dem Kopf treibt? Sich auf dieses Rätsel einzulassen, lohnt
sich.
Man kann "Tristano stirbt" als das große Finale der bisherigen Werke
Tabucchis beschreiben: die Darstellung der Paradoxie des Krieges, welche ihre
Fortführung überraschend in aktueller Medienkritik findet; die Episoden der
großen romantischen Liebe(n), die sich immer wieder ins Zentrum der Erzählungen
schieben; die Zeit, die alles diktiert und schließlich relativiert; die Träume,
Traumata und "Träume von Träumen", die in mächtigen Textcollagen
surreale Bilderwelten entstehen lassen. "Der Traum reicht viel weiter, er
ist eine Prothese, er bricht aus dem Gefängnis der Existenz aus."
All diese Motive vereint der Pisaner Prosa-Poet in seinem neuen Roman; sie
schweben in inniger Ungewissheit zwischen Spannung und Elegie. Dabei findet
Tristanos Geschichte zwischen Zufall und Schuld, die sich im Wesentlichen in
Griechenland abspielt, ihren vollkommenen Rahmen im lang wallenden Stil
Tabucchis - Dichtung wie aus tragischer Antike.
Über allem steht die Frage nach der Freiheit: Tristano sucht die Antwort
vergebens in seinem selbst- und letztlich sinnlosen Vaterlandskampf. Er findet
sie schließlich, sehr viel später, im postum geschriebenen Nachruhm: "Du
hast für die Freiheit gekämpft, und jetzt haben wir sie erreicht, sie besteht
darin, vom Denken befreit zu sein, darin, nicht mehr zu denken - die wahre
Freiheit besteht darin, gedacht zu werden." "Tristano stirbt" ist
nicht die erste schriftstellerische Selbstreflexion Tabucchis. Wohl aber die
direkteste. "Die Dinge werden wahr, wenn man sie niederschreibt."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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