Tristan
da Cunha oder Die Hälfte der Erde.
Buch von Raoul
Schrott (2003, Hanser).
Besprechung von Katrin
Schuster im Münchner
Merkur, 21.12.2003:
Meerfrau, Mutter und Maria
Raoul Schrott entführt auf ein Eiland am
Ende der Welt
Doch um den gleichnamigen Portugiesen geht es dem
Autor in seinem Roman "Tristan da Cunha" gar nicht, sondern nur um
jene Insel, die ihm den Namen verdankt. Und um vier Menschen aus vier
verschiedenen Zeiten, deren Sehnsucht auf nichts anderes als dieses einsamste
aller Eilande gerichtet scheint. Vielleicht gerade weil es von allen anderen
bewohnten Teilen der Welt am weitesten entfernt liegt.
Aus der Gegenwart erzählt Aurora-Forscherin Noomi Morholt, die auf einer
Station in der Antarktis ein fehlgeleitetes Paket mit von Bord nimmt: Darin
enthalten sind die Aufzeichnungen der anderen drei dieses Erzähler-Quartetts.
Mit Noomi stöbern wir in den Briefen des Edwin Heron Dodgson, eines Priesters,
der einst nach Tristan reiste, um die dortige Gemeinde, die eine eigenartig
kommunistische Utopie lebt, zum Glauben zu bekehren.
Große Geschichte der menschlichen Sehnsucht
Und selbst der Sünde namens Marah verfällt. Wir lesen in verkehrter Reihenfolge, vom Ende zum Anfang hin, in den Tagebüchern des Christian Reval, eines Landvermessers, der der Insel die Geografie beibringen will und dessen die Erde gleichsam liebkosender Leichnam erst Tage nach seinem Verschwinden gefunden wird.
Ohne Anzeichen für das, woran er gestorben war.
Der Geschichtsschreiber aber ist Mark Thomsen, ein britischer Philatelist, der
auf den Bögen seines Albums anhand der Briefmarken eine Historie der Post und
der Tristan da Cunhas schreibt, in den Motiven von Dantes "Göttlicher
Komödie" eine Genealogie der sieben Familien der Insel niederlegt. Von dem
erträumten Paradies und dem Sündenfall, dem Fegefeuer in Gestalt eines
Vulkanausbruchs erzählt.
Alle sind sie auf der Suche nach sich selbst und ihrer Liebe, die in einer
ewigen Wiederkehr bei allen drei Männern den Namen Marah trägt. Marah ist
Meerfrau, Mutter und Maria, das ewig ersehnte, nie erlangte Wesen, jenes, das
sich - wie auch die Insel - nicht vermessen, nur vermissen lässt. Und allein
beim Klang ihres Namens ein Verlangen weckt, das unstillbar bleiben, nie
aufhören wird: "Wir glauben an all das Schöne, solange es unerreichbar
scheint." Das Paradies ist immer anderswo. Auf der anderen Hälfte der
Erde, der anderen "Erdbacke", wie Raoul Schrott das nennt.
Man hat Schrott oft einen Poeta doctus, einen gelehrten Dichter, genannt.
Tatsächlich trifft das die Kunst dieses gleichermaßen intelligenten wie
spielerischen Autors. "Tristan da Cunha" ist alles in einem:
Wissenschaftsmythos und Weltenepos, Utopie und Urgeschichte. Und weil Raoul
Schrott weiß, dass auch jedes Wort eine Äußerung des typisch menschlichen
Habenwollens ist, dass alles nur Metaphern sind, die wir bilden, um die Dinge in
Worte zu fassen und darin festzuhalten, lässt er noch die trockenste
Fachsprache als pure Poesie erklingen, als melancholisches Gedicht: "Die
Sonne am Green Hill beim Untergehen; ihr Rot auf den Bohlen des Steges.
Cirrocumuli, aneinander gereiht wie Schrägstriche."
"Tristan da Cunha" aber ist nicht nur eine große Geschichte der menschlichen Sehnsucht, sondern auch und vor allem ein beeindruckend schöner Roman über die Schreib- und Redeweisen des Begehrens. Über Postkarten, Emails und Funksprüche, die im Nirgendwo versanden. Über Kartografen, Landvermesser und Inseltäufer. Denn "die einzige Unsterblichkeit, zu der wir auf Erden gelangen, ist es, auf Karten verzeichnet zu sein".
Schrotts göttliche Inselschöpfung wird gerade eingetragen in die Weltkarte der Literatur. Weit entfernt von allen anderen Dichtern, die furchtsam kleine Archipele bilden, von der Strömung leben, eitel ihrer Entdeckung harren, kann man es finden, dieses Paradies. Es nennt sich zwar "Tristan da Cunha", trägt aber doch den Namen Raoul Schrotts.
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