Triologie
der nächsten Ziele.
Roman von Jürgen
Theobaldy (2003, Zu Klampen).
Besprechung von Fredi Lerch aus der Wochenzeitung, Zürich, 29.5.2003:
Trilogie der nächsten Ziele
«Nein, ich konzipiere nicht», sagt
Jürgen Theobaldy, und man staunt. Sein neuer Roman, die «Trilogie der
nächsten Ziele», schildert aus drei verschiedenen Ichperspektiven eine
einzige, kreuz und quer aufeinander bezogene Wirklichkeit. Man hätte einen
Autor vermutet, der seine Schreibstube tapeziert mit komplizierten Plänen
voller bunter Pfeile. Stattdessen, sagt er, sei es so: «Schreibend habe ich
gelernt, diesen Roman zu schreiben.»
Vertrauen in die Katastrophe
Die skizzierten Kulissen, die weder Bern meinen noch sind, aber immer wieder an
Bern erinnern, zeigen eine latent katastrophische Welt: Staubstürme verdüstern
den Himmel, «Schwaden von Staub, leichter als Asche, durchsetzt mit winzigen
Teilchen, die lungengängig sind». Asylbewerber bauen im Westen der Stadt einen
Windfang, eine «Wand, ähnlich einer Staumauer». Als in der Stadt gar die
Betonbauten instabil werden, wird klar: Der allgegenwärtige Eisenbeton
korrodiert und zerfällt zu Staub. Mit einem äusserlich anwendbaren
Korrosionsschutz wird die Katastrophe zwar abgewendet, aber: «Sollte es
irgendetwas auf Erden geben, das man nicht verlieren darf, dann das Vertrauen in
die Katastrophe.»
Zu erzählen beginnt ein namenloser Asylbewerber, der «vom Balkan stammen oder
ein Kurde sein soll». Er lebt in einer Asylunterkunft und hilft beim Bau der
Wand im Westen. Als er eine Frau kennen lernt, nennt er sie für sich Vivia,
weil sie ihn «belebt». Allerdings wird er enttäuscht: Unter der
Telefonnummer, die sie ihm gibt, meldet sich ein Mann. Er beginnt, als Kurier
für dubiose Leute zu arbeiten, und taucht schliesslich mit einem Koffer voll
Geld unter, von dem er nicht weiss, dass es falsch ist.
Im zweiten Teil erzählt Luigi Bartolani, ein Italiener, der als Anwalt ein
Doppelleben führt: Einerseits berät er den Mafiaboss Alfonso, andererseits
tritt er in Fragen des Waffenhandels oder der Drogenpolitik gern als liberaler
Saubermann an den Hearings des «Hauses» auf – eines bundeshausähnlichen
Thinktanks. Seine langjährige Gespielin, die Prostituierte Ilona, ersetzt er
durch die «Haus»-Protokollschreiberin Elissa und gerät unter Druck, als
Alfonso plötzlich spurlos verschwindet und Emir im Milieu der neue starke Mann
wird.
Der dritte Erzähler ist der Beamte Tschuppert, der im «Haus» für die
Protokoll führenden «Auswärtigen» zuständig ist – zum Beispiel für
Elissa, die er heimlich verehrt. Einem anderen «Auswärtigen», Lende, kommt er
auf die Schliche. Dieser schreibt bereinigte Protokolle um und stellt sie als
«Bausteine zu einer Schattengeschichte» in die «Welt der Suchmaschinen». Was
Tschuppert zuerst empört, macht ihn zunehmend neugierig auf Geschichten statt
«Geschichte»: Er sucht neuen Kontakt zu seiner Exfrau Verena.
In diesem Roman stehen den erzählenden Männern zwei Frauenfiguren gegenüber,
die nicht nur ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern auch die drei
Einzelperspektiven zum sozialen Netz verknüpfen: Elissa als Geliebte von
Bartolani ist auch die Projektionsfigur von Tschuppert; Verena, die Exfrau von
Tschuppert, ist auch die Projektionsfigur Vivia des Asylbewerbers.
Ausbruch und Verarbeitung
Die «Trilogie der nächsten Ziele» ist der dritte Roman des 59-jährigen
Jürgen Theobaldy. Sein erster hiess «Sonntags Kino», erschien 1978 und war
der eigenen Herkunft gewidmet. Theobaldy ist in Mannheim aufgewachsen. Er machte
die mittlere Reife und anschliessend eine dreijährige kaufmännische Ausbildung
bei der Mannheimer Niederlassung des Rothrister Strebelwerks (Heizung und
Warmwasser): «Dieses Eingesperrtsein zwischen acht und fünf nachmittags»,
erinnert er sich, «empfand ich als Gefängnis. Ich wollte weg, ich wollte eine
andere Perspektive, als die nächsten Jahre fürs Häusle zu sparen.»
Er beginnt zu jobben und holt ab 1964 ein fakultätsgebundenes Abitur nach, das
ihm ermöglicht, an die Pädagogische Hochschule in Freiburg zu gehen. Lehrer
werden will er zwar nicht, aber er braucht Zeit zum Schreiben der Gedichte, die
sich in der Schublade stapeln. In Freiburg gerät er im Sommer 1967 in die
Studentenproteste. Im Herbst wechselt er an die Pädagogische Hochschule
Heidelberg. 1968 – als viele seiner KommilitonInnen nicht nur die Lyrik für
tot erklären – veröffentlicht er in einer Zeitschrift seine ersten drei
Gedichte. Er besteht die Abschlussprüfungen, die ihm erlauben, Germanistik und
Politologie zu studieren. Er wechselt nach Köln und schliesslich 1974 an die
Technische Universität nach Berlin zu Walter
Höllerer. Hier erscheint im gleichen Jahr sein Gedichtband «Blaue
Flecken», was ihm die erste Einladung zu einer Dichterlesung einbringt: «Ich
hab gezittert wie Birkenlaub auf dem Weg zum Podium hoch.» Seit damals hat
Theobaldy als Lyriker insgesamt neun Gedichtbände publiziert (zuletzt: «Immer
wieder alles», 2000), in denen er bei allem Wandel folgenden «ersten Satz»
seiner Poetik verteidigt hat: «In keinem anderen als dem poetischen
Sprachgebrauch werden die Wörter in allen ihren Bedeutungsmöglichkeiten
gesetzt, den aktuellen und den vergessenen, den neu sich abzeichnenden und den
neu zu gewinnenden».
Mitte der siebziger Jahre schreibt Theobaldy eine kurze Erzählung über die
Jugendszene in Mannheim und merkt: Da ist mehr drin. Er steht vor der
Alternative, sich hinter die Magisterarbeit über Walt Whitman und seine
Rezeption in Deutschland zu setzen oder hinter eine eigene literarische Arbeit:
«Ich sagte mir: Wenn mir die gelingt, lasse ich das Studium sausen.» Im Winter
1977/78 baut er in Berlin die alte Erzählung über die Mannheimer Jugendszene
aus: Er schildert fünf Tage im Leben von sechs Jugendlichen Ende der fünfziger
Jahre, die «immerzu dasselbe reden und auf den grossen Knüller warten» –
Bier saufen, Fussball spielen, mit Frauen herumknutschen, aktuellen Jazz hören,
sonntags ins Kino gehen und sich danach sehnen, etwas zu können, «womit sich
alles sagen liess, was sich wie ein Stück Blei in den Körper senkte». Der
abschliessende Ausbruchsversuch des einen Jugendlichen in die
Existenzialistenkeller von Paris scheitert noch im Bahnhof Mannheim.
Sprache: Mit Liebe und Strenge
Eines der schönsten Komplimente, sagt Jürgen Theobaldy, die er als
Schriftsteller je erhalten habe, sei jenes, das ihm der Verleger Urs Engeler
für die Essays in der Lyrik- und Prosasammlung «Mehrstimmiges Grün» (1994)
gemacht habe: Mit Liebe und Strenge seien diese Texte verfasst. «Wenn das so
ist, dann wäre tatsächlich ein Ziel erreicht.»
Theobaldy braucht fast keinen Stoff, um als Chronist des Alltäglichen Staunen
darüber zu wecken, was man mit Wörtern sagen kann. In seinen Romanen werden
weder sensationelle Handlungen noch exotische Schauplätze behauptet: Ob die
Jugendszene in Mannheim, das neulinke Milieu der Heidelberger Studentenschaft
oder das surreal überhöhte Bundesbern: Seine Erfahrungen genügen ihm, um
Romanwelten zu entwerfen.
Ein frühes ästhetisches Credo des Autors findet sich in einer
Kindheitserinnerung der Figur Riko in «Sonntags Kino»: Als kleines Kind habe
er sich einmal bei einem Denkmal «vom Arm der Mutter losgemacht», «um alles
genauer zu untersuchen», heisst es von Riko. «Erst enttäuscht, dann
triumphierend» habe er festgestellt: «Das Rätsel war gelöst, das Geheimnis
besiegt, es gab kein Rätsel, und ein Geheimnis war einfach nicht da.» Es gibt
– so überwindet Riko die magische Weltsicht des Meinens und Glaubens –
weder Rätsel noch Geheimnis: Es gibt – ob «Wahrheit» oder «Schein» –
nur das, was es gibt, wenn man so genau wie möglich hinschaut.
Während aber in «Sonntags Kino» diese sprachliche Anstrengung des Hinschauens
die ausweglose Letztinstanzlichkeit der Welt als soziales Gefängnis
demonstriert, erhält sie in der Trilogie einen neuen Sinn: Hier, im Staub des
zerfallenden Betons, in der mafiosen Falschgeldwelt, in Tschupperts Visionen von
Bunkersystemen unter dem «Haus», wird präzise Schilderung Mittel zum Zweck:
Sie ist gleichzeitig Beschreibung einer und Metapher für eine Wirklichkeit, die
am treffendsten mit «schweizerisch» zu charakterisieren ist.
Zweitling und Revision
«Ja», sagt Jürgen Theobaldy im Gespräch, «und dann begann 1978 die
Quälerei als freier Schriftsteller. Ich glaube, ich habe in dieser Zeit meine
schlechtesten Bücher geschrieben.» Nachdem der Rotbuch-Verlag drei Auflagen
von «Sonntags Kino» gedruckt hatte, stand er vor der Forderung, von nun an
«immer was schreiben und in mehr oder weniger regelmässigen Abständen
veröffentlichen» zu müssen. Er hat es versucht, scheiterte aber an seinen
eigenen Ansprüchen.
1981 erschien bei Rowohlt sein zweiter Roman, «Die spanischen Wände»: Renate
und Martin – sie ist Lehrerin, er Tutor an der Universität Heidelberg –
versuchen in ihren Ferien in Estartit an der Costa Brava ihre Ehe zu retten und
scheitern: Sie reist ab und gerät in Heidelberg in die gewaltsame Räumung des
«Collegiums», eines linken Studentenwohnheims, er bleibt in Spanien zurück
mit den Erfahrungen der zerbrochenen Ehe und des gescheiterten
Kulturrevolutionärs im Kopf.
Die Kritik reagiert auf den Roman zwar alles in allem wohlwollend. Für Lothar
Baier ist er gar «eines der wichtigsten Bücher vom Beginn der achtziger
Jahre» («Die Zeit», 13. 11. 1981). Aber Theobaldys Selbstkritik ist stärker.
«Zwar stimmte die Anlage der Handlung», sagt er, «aber das Buch war unfertig,
weil es sprachlich noch zu wenig dicht war.» Er setzt sich hinter den
gedruckten Text, «weils mir keine Ruhe gelassen hat, weil ich das Buch nicht in
diesem Zustand zurücklassen wollte». In mehreren Arbeitsgängen streicht und
verdichtet er auf der Suche nach «der eigenen Sprache». Schliesslich habe er
jede Seite «so oft umgeschrieben und überarbeitet», wie es sonst nur bei
Gedichten geschehe. Der Umfang des Textes schrumpft von 300 auf schliesslich
noch 180 Seiten und erscheint 1984 als Rororo-Taschenbuch mit dem Zusatz «Neue
Fassung». Die Erfahrung mit diesem Roman, sagt er heute, sei für ihn als
Schriftsteller «eine grosse Verunsicherung» gewesen.
1984 zieht er in die Schweiz zu seiner Partnerin, die er in Berlin kennen
gelernt hat. Sie leben zuerst in Renan bei La Chaux-de-Fonds, dann in Basel und
ziehen schliesslich 1988 mit den zwei Kindern nach Bern. In diesen Jahren
arbeitet er an einem dritten Roman: «Dieser Roman ist in der Überarbeitung
zuerst immer dicker geworden, danach immer dünner.» Die schliesslich übrig
gebliebenen neunzig Seiten legt er Ende der achtziger Jahre unveröffentlicht in
die Schublade.
Die ersten Sätze der «Trilogie der nächsten Ziele» habe er bereits um 1986
aufgeschrieben – noch im Umfeld des Erzählbandes «Das Festival im Hof», der
1985 erschienen ist. Er schreibt die Geschichte des Asylbewerbers mehrmals um
und lässt sie schliesslich liegen aus der Erfahrung heraus, «dass ich dazu
neige, etwas zu früh aus der Hand zu geben». Dann, wie seinerzeit bei
«Sonntags Kino», habe er plötzlich begriffen, dass in dieser Geschichte mehr
drinstecke: Er nimmt die Erzählung wieder hervor und schreibt – «wieder mit
langen Pausen» – zwei weitere Erzählungen, die er zu «einem Roman in Form
von drei Erzählungen» verschweisst.
Diese Konstruktion ist deshalb gelungen, weil sich aus den aneinander gereihten
drei Erzählungen etwas qualitativ Neues ergibt, das über die formale Ebene
hinaus auf die inhaltliche zurückwirkt:
• Die drei Erzähler geben einerseits ihren Abschnitten durch das Reden in der
Ichform und dem je eigenen Erzählton ein sehr subjektives Gepräge.
Andererseits sind die drei Perspektiven so gewählt, dass sie auf geradezu
verblüffende Weise den Raum der schweizerischen Wirklichkeit aufreissen: Der
namenlose Asylbewerber, der Anwalt Luigi Bartolani und der Beamte Tschuppert
stehen für die sozialen Grundformen des Verwalteten, des – diesseits und
jenseits der Legalität – Waltenden und des Verwaltenden. Mit dieser
Konstruktion hat Theobaldy den ersten «Schweizerspiegel» des 21. Jahrhunderts
geschrieben – ohne Ambition freilich, Meinrad Inglins monumentalen
«Schweizerspiegel» (1938) zu konkurrenzieren. Vielmehr hat er mit den drei
Ichperspektiven gleichsam drei Spiegelscherben so geschickt montiert, dass sie
eine nachmodern fragmentierte Schweiz reflektieren, die Inglin als auktorialer
Erzähler vormodern über hunderte von Seiten episch ausgepinselt hat.
• Die drei Ichperspektiven schliessen den Schein einer Ganzheit von vornherein
aus. Sie beleuchten den gezeigten Raum unregelmässig: Es gibt grell Belichtetes
und im Dunkel Verschwindendes; es gibt Überlappendes und Ausgespartes – und
es gibt in der Anlage des Plots (was man als Ideologiekritik an den
Sonntagspredigten über die hiesige Musterdemokratie lesen könnte) ein Geflecht
von vielen vorletzten Gründen, unter dem kein klärender Grund erkennbar wird.
Da ist mehr drin
Der Schriftsteller Jürgen Theobaldy verdient sein Geld mit einer
50-Prozent-Anstellung bei den Parlamentsdiensten im Bundeshaus: Er schreibt
Protokolle – vor allem jene der nationalrätlichen Kommission für Wirtschaft
und Abgaben (WAK). Der Arbeitsanfall ist saisonal verschieden. Am meisten freie
Zeit bleibt ihm im Juli und im August, wenn die eidgenössische Politik
Sommerferien macht. In den kommenden Sommerwochen will er sich den Ende der
achtziger Jahre in die Schublade gelegten, unveröffentlichten Roman noch einmal
genau vornehmen. Man kann nur hoffen, dass er beim Wiederlesen plötzlich denkt:
Da ist mehr drin.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]
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