Tricks von Alice Munro, 2006, S. FischerTricks.
8 Erzählungen von Alice Munro (2006, S. Fischer - Übertragung Heidi Zerning)
Besprechung von Barbara Wegmann aus der titel-magazin, 2006:

Heftig und gefühlvoll
Eine nur auf den ersten Blick unspektakuläre Lektüre sind diese acht Geschichten der großartigen kanadischen Schriftstellerin Alice Munro. Allesamt lesen sie sich sehr flüssig, sind lebendig, manchmal ergreifend, tief schürfend oder ans Herz gehend.

Da gibt es viele Dialoge, anschauliche Beschreibungen, lebendige Figuren. Und erst viel später merkt man, wie genial komprimiert das doch war, was man da gerade gelesen hat, wie dicht und gehaltvoll und wie sehr es ganz unfreiwillig die eigene Fantasie in Gang setzt, wie viel mehr als ‚nur’ acht Erzählungen das eigentlich sind. Denn die Geschichten sind wie Schlaglichter, das was vorher oder nachher kommt, das bleibt einem selbst überlassen. Eine Frau in den besten Jahren träumt davon, wieder Kind zu sein, eine Gegend, das Haus, die Nachbarn, alles wird plötzlich wieder lebendig. „Der Traum war durchdrungen von Ekel und Entsetzen. Nicht die Art von Entsetzen, die sich von außen an die Haut drängt, sondern die Art, die sich durch die engsten Blutgefäße schlängelt.“ Juliets Eltern, Sam und Sara, werden von Irene betreut, die für sie wie eine Tochter ist. Viel zu sehr sind sie mit eigenen Problemen, eigenem Alltag beschäftigt, als dass sie spüren, wie groß die Sehnsucht ihrer Tochter Juliet nach elterlicher Liebe und Geborgenheit in ihrem alten Zuhause ist. Das Zueinanderfinden scheitert letztlich an der schmerzhaften Unfähigkeit aller, die richtigen Worte zu finden. „Denn das geschieht, wenn man wieder im alten Zuhause ist, man versucht, es zu bewahren und zu beschützen, so gut man kann, so lange man kann.“

Frauen im Mittelpunkt

Immer sind es Beziehungen, in denen Frauen stehen, zu Partnern, zur Vergangenheit, zur Familie oder zu einer alten Frau, wie in der ersten Geschichte: Clark und Carla, ein junges Paar, verdienen sich auf dem Land ihren Lebensunterhalt mit Pferden. Clara geht nebenbei bei einer einsamen, älteren Dame, Mrs. Jamieson, putzen. Die hat auffälliges Interesse an Clara, wünscht sich ihre Gesellschaft, ihre liebevolle Freundschaft und hilft ihr auch in einer Krisensituation. Als Clara ihr einen Kuss auf die Stirn gibt, ist es für die alte Dame eine „hell leuchtende Blume, deren Blütenblätter sich in ihr mit stürmischer Glut entfalteten, wie fliegende Hitze in den Wechseljahren.“ Auch hier wieder unausgesprochene Worte, die sich zu trennenden Mauern stapeln und eine letztlich unüberbrückbare Kluft hinterlassen. Immer sind es Frauen, die auf etwas warten, sich irgendwie emanzipieren, loslösen, einen Weg finden. Dabei gibt es keine offenen Kämpfe oder Konflikte, es geschieht im Inneren, heftig und sehr gefühlvoll. Alice Munro, sie ist eine der ganz großen, immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, ausgezeichnet mit vielen Preisen. Vieles hat sie geschrieben, aber darunter nur einen Roman. Die Erzählungen, das Komprimierte, das ist ihr Ding und es ist ein großer Gewinn und Genuss, ihr Buch zu lesen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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