Traumwache von Jayne-Ann Igel, 2006, Engeler1.) - 3.)

Traumwache.
Lyrische Prosa von Jayne-Ann Igel (2006, Edition Urs Engeler).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in der Neue Züricher Zeitung vom 29.4.2006:

Erkundungen im deutschen Sperrgebiet
Lyrische Prosa von Jayne-Ann Igel

Im ersten Bild wird in der Küche des alten Elternhauses ein Meissel in zentimeterdicke Kalk- und Schmutzbeläge getrieben – in der vergeblichen Hoffnung auf eine hellere Schicht, einen «lichtblick». Gegen Ende fällt das wache Auge auf einen «in der topographie der träume bisher unbelichtete[n] fleck», doch die Häuser sind abgerissen, «die ganze zeile ausgelöscht, diese zeile, die vielleicht ein gedicht hergegeben, ausgelöst hätte». Ob begraben unter versteinertem Staub oder zu Staub zertrümmert: Was wir Herkunft, Kindheit, Vergangenheit nennen, sind Orte (nicht Zeiten, denn die Zeit ist «ein unzuverlässiges raummass»), deren hochwirksame Wirklichkeit nicht mehr «in Wirklichkeit» zu haben ist.

Umwege der Erinnerung

Die Dresdner Dichterin Jayne-Ann Igel, 1954 als Bernd Igel in Leipzig geboren, ist seit ihrer doppelten Wandlung im Jahr 1989/90 immer wieder auf den labyrinthischen Umwegen der Erinnerung unterwegs – und damit in den transitorischen Bereichen des Traums und der nicht nachahmenden Fiktion: Brücken zwischen innen und aussen, die den Verlust queren, ohne ihn in ein falsches Dasein heimzuholen. Motive aus dem Gedichtzyklus «Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte» (Fischer 1989) und «Fahrwasser», einer «inneren Biografie in Ansätzen» (Reclam 1991), werden in den jüngsten Prosastücken fortgesetzt: Ortung und Orientierung, Haut und Haus, Geborgenheit und Gefangenschaft, Anpassung und Verweigerung.

Die Erzählung «Unerlaubte Entfernung», die 2004 im Basler Verlag Urs Engeler erschien, umschrieb die Zurichtungen in Schule, Lehre und Armee – jenen Erziehungsinstanzen, die nun in «Traumwache» als «vollstreckungsraum des lebensentzugs» erscheinen. Ihre Kontrollmechanismen macht die Poesie rückgängig. Stets sind die Prozesse dieser befreienden Umkehr in Igels Schreiben gegenwärtig; der Träumende wird zum «wechselbalg» oder zum «wechselwarmen tier», der Traum zum «immateriellen wechsel, ausgestellt auf die wirklichkeit», und die darin statthabende «umwandlung, übertragung» konkretisiert sich im Bild eines «umspannwerkes».

So lesen sich die zwischen drei Zeilen und drei Seiten langen, wie auf- und abtauchende Monologsequenzen von Auslassungspunkten gerahmten Skizzen als fliessende Stationen einer Selbsterkundung, die beständig zwischen Bildsprache und Diskurs changiert. Wir sichten das Interieur der DDR, ihre «relikte, repliken, ungeschliffenheiten», die den Horizont von «kleinmut» und «zutrauen» abstecken, und bewegen uns durch staub-, salz- und sandbedeckte Brachlandschaften – in Bussen, die längst nicht mehr fahren, auf Wegen, die den Stadtplan Lügen strafen. Wir erwachen in Traumhäusern, in denen der Alb wohnt, ein von der Decke hängender Leichnam oder ein namenloser Eindringling, und stossen auf die Kutten von Henkern, die dort zu irgendeiner Zeit ihr Werk vollzogen haben. Wir entdecken die Markierungen der Kindheit – Tusche-Namenszüge auf Krankenhauswäsche, Tätowierungen ähnliche Kopierstift-«Stichworte» auf der eigenen Haut, ja die Einstiche der Insulinspritze im «wässrigen» Hautgewebe des Vaters – und erkennen darin die Verwandtschaft zwischen der Haut des Gezeichneten und dem Papier des Aufzeichnenden.

Dabei bleibt wiederum nicht ungesagt, dass «die auslassungen im text, die leerstellen . . . den eigentlichen textkörper [bilden]»; und auch wenn dieses «phänomen» abermals mit einem Traumbild illustriert wird, wirkt diese Erklärung in einer psychoanalytisch-semiotischen Begrifflichkeit, die auch andernorts mit Abstrakta wie «beziehungs- und zeichengefüge» oder «begehren» verwendet wird, leicht knöchern und sentenziös. Solche unfreiwillig formelhaften Diagnosen nehmen den düsteren, von diffusem Licht und dumpfen Gerüchen durchdrungenen szenischen Eindrücken ihre beunruhigende Energie.

Erlesene Archaismen

Dem entspricht auf der anderen Seite Igels Verzicht auf jede aparte Poetisierung, jede überflüssige metaphorische oder wortspielerische Ornamentik, und diese Sparsamkeit lässt die bildhaften Entdeckungen umso stärker hervortreten – das stillgelegte Wartehäuschen am Rand endloser Agrarflächen etwa oder das «traumjobangebot» eines nächtlichen Postverteilers, das unversehens zur Beschreibung des eigenen, originären Tuns wird: ohne Auftrag und Empfänger Sendungen, Träume und Reflexionen zu verteilen. Mit tastenden Umschreibungen und variierenden Aufzählungen nähert sich Igels vorsichtige Sprache einer schon immer verlorenen Heimat.

Insofern haben wir es in diesen jedem Spiel abholden, zäh forschenden, strikt enthaltsamen Sehnsuchtstexten mit einer eminent deutschen, ernsten Poesie zu tun, in der die Märchen von Auszug, Wanderung und Rückkehr ihre (un)heimlichen Blüten treiben: «. . . wo sind sie, all die traumhäuser, wachräume, so sie nicht schon abgerissen sind? Was wir durchstreifen, sind gedächtnisstätten, und wir sind waisen geworden, rastlos im bemühen, uns an-, zugehörig zu machen.»

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Traumwache von Jayne-Ann Igel, 2006, Engeler2.)

Traumwache.
Lyrische Prosa von Jayne-Ann Igel (2006, Edition Urs Engeler).
Besprechung von Michael Braun aus der Frankfurter Rundschau, 4.7.2006:

Romantische Nachtwandlerin
Einblicke in eine pulverisierte Welt: Jayne-Ann Igels lyrische Prosa "Traumwache"

Der literarische Urstoff dieser Dichterin ist der Traum, eine Materie, die keine Begrenzungen kennt, eine Materie auch, mit der die Poeten seit Novalis' Hymnen an die Nacht an "den Schlaf der Welt rühren" wollen. Die Topographien, durch die sich das träumende Subjekt dieser lyrischen Prosa bewegt, sind instabil, fluid, haben keine festen Konturen, erscheinen als offenes, mäanderndes Gewebe.

Zu der Spezies der romantischen Nachtwandler gehörte 1989 auch ein gewisser Bernd Igel aus Leipzig, der in der Collection S. Fischer unter dem rätselvoll-schönen Titel Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte seinen ersten Gedichtband vorlegte. Die Bewegungsrichtung der Gedichte verlief seltsam zirkulär: Der verästelte Weg dieser traumschweren Texte führte durch düstere Häuser, Wohnstätten, Kellerverliese - und nicht wenige Leser fühlten sich an die tellurischen Expeditionen Wolfgang Hilbigs erinnert. Wie eng die nächtlichen Gänge und Fahrten durch Erinnerungs- und Traum-Häuser mit Motiven des Körpers verknüpft sind, erhellte dann auch 1991 der Folgeband fahrwasser, der den schwierigen Weg einer geschlechtlichen Verwandlung von Bernd zu Jayne-Ann Igel nachzeichnete.

Dann hörte man eine Weile nichts mehr von der Dichterin Jayne-Ann Igel. Sechzehn Jahre nach dem Lyrik-Debüt sind nun in rascher Folge zwei poetische Prosabücher erschienen, die auf berührende Weise an die nächtlichen Illuminations-Phantasien der frühen Gedichte anknüpfen. Sowohl in der Erzählung Unerlaubte Entfernung (2004) als auch in den wunderbaren Vexierbildern des neuen Bandes Traumwache geht es um die Entfaltung einer inneren Topographie, um die Kartographierung von Traumbewegungen und um das "gären von bildern in allen teilen des körpers".

In den Verschachtelungen des Ich

In Unerlaubte Entfernung will ein traumverlorener junger Mann, der von seiner Mitwelt als ewiger Spätling und "sozial retardierter" Zurückgebliebener behandelt wird, endlich einen Zugang finden zum gesellschaftlichen Leben der späten DDR. Immer stärker gerät der junge Mann, der hier "b." genannt wird, in eine anthropofugale Drift, in eine immer größer werdende Entfernung gegenüber allen Regelsystemen dieser Gesellschaft, bis er sich schließlich eingestehen muss, dass er "sich aus der Mitwisserschaft bzw. -haft der Menschen zu lösen" beginnt. Am Ende steht die "unerlaubte Entfernung" von der Truppe, die misslingende Desertion.

Bereits vor der Arbeit an dieser Erzählung hatte Jayne-Ann Igel mit den ersten Notizen zu den phantasmagorischen Protokollen des Bandes Traumwache begonnen. Hier ist das somnambule Ich, das zwischen wechselnden Identitäten changiert, unterwegs als "wiedergänger zwischen ortrand und ruhland", eine Nachtwandlerin, die in den "Verschachtelungen des Ich" nach Offenbarungen sucht: "... - wo sind sie, all die traumhäuser, wachräume, so sie nicht schon abgerissen sind?" Als "verteiler von träumen und reflektionen" durchquert das Ich die düsteren Quartiere, Straßen und Wege in Leipzig, in Kleinstädten der Oberlausitz und im "chemiedreieck" zwischen Bitterfeld, Leuna und Halle. Es sind verschiedene Ich-Instanzen und Zeit-Schichten, die hier ineinander fließen, ein personifizierbares, autobiographisches Subjekt wird bewusst aufgelöst.

Die Traumwache gewährt so nicht nur verstörende Einblicke in die Kellerverliese der Kindheit, sondern auch in eine pulverisierte Welt, deren "irdener Rücken zu Staub zerrieben ist". In der offenen, mäandernden Struktur der Traumwache wird uns buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Jayne-Ann Igel zeigt eindrucksvoll, dass ein modernes poetisches Bewusstsein keinesfalls einem "relevanten Realismus" gehorchen muss, um unser Bewusstsein herauszufordern.

Eine hellwache Traumwandlerin genügt. Wenn dereinst die Forderung Walter Benjamins aus seinem Surrealismus-Aufsatz eingelöst und die Geschichte des Traums geschrieben wird, wird man sich auch der lyrischen Prosa Jayne-Ann Igels erinnern müssen.

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Traumwache von Jayne-Ann Igel, 2006, Engeler3.)

Traumwache.
Lyrische Prosa von Jayne-Ann Igel (2006, Edition Urs Engeler).
Besprechung von Michael Braun in freitag vom 19.1.2007:

In allen Teilen des Körpers
VERLUST. Die Traumbewegungen der Dichterin Jayne-Ann Igel in "Unerlaubte Entfernung" und "Traumwache"

Es war eins jener stillen, ganz introvertierten Bücher, die in den Turbulenzen des Wendejahres 1989 untergingen. Als damals in der Reihe "Collection Fischer" ein Gedichtband mit dem rätselvollen Titel Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte erschien, wurde er vom grellen Pathos der politischen Schlagzeilen sofort übertönt. Autor des Bandes war ein gewisser Bernd Igel aus Leipzig, Jahrgang 1954, den nur wenige Leser aus der Programmschrift Sprache & Antwort kannten, in der einige sprachverrückte Dichter der "Prenzlauer-Berg-Connection" den großen poetischen Gegenentwurf zu den literarischen Sprachregelungen des SED-Staates vorlegten.

In der Nachbarschaft der anti-grammatischen Revolteure um Bert Papenfuß-Gorek oder Stefan Döring wirkte Igels Gedichtbuch wie ein Fremdkörper. Denn hier präsentierte sich kein neoexperimenteller Prenzelberger Dichter, sondern ein enthusiastischer Nachfahre des Romantikers Friedrich von Hardenberg und seiner "Hymnen an die Nacht". Der Traum, die nächtliche Phantasmagorie und die daraus geflochtenen Nachtgewächse aus Wunsch- und Schreckens-Bildern bildeten den Urstoff dieser Poesie. Die Bewegungsrichtung der Gedichte verlief seltsam ziellos und zirkulär: Der verästelte Weg dieser traumschweren Texte führte durch düstere Häuser, Wohnstätten, Kellerverliese - und nicht wenige Leser fühlten sich an die tellurischen Expeditionen und Unterwelt-Erkundungen Wolfgang Hilbigs erinnert. Wie eng die nächtlichen Gänge und Fahrten durch Erinnerungs- und Traum-Häuser mit Motiven des Körpers verknüpft sind, erhellte dann auch 1991 der Folgeband fahrwasser, der den schwierigen Weg einer geschlechtlichen Verwandlung von Bernd zu Jayne-Ann Igel nachzeichnete.

Dann hörte man eine Weile nichts mehr von der Dichterin Jayne-Ann Igel, die ihre Energien lange Jahre auf Forschungsarbeit im Dresdner Frauen Stadt-Archiv konzentrierte. Sechzehn Jahre nach dem Lyrik-Debüt sind nun in rascher Folge zwei poetische Prosabücher von Jayne-Ann Igel erschienen, die auf großartige Weise an die nächtlichen Illuminations-Phantasien der frühen Gedichte anknüpfen. Sowohl in der Erzählung Unerlaubte Entfernung (2004) als auch in den wunderbaren Vexierbildern des neuen Bandes Traumwache geht es um die Entfaltung einer inneren Topographie, um die Kartographierung von Traumbewegungen und um das "gären von bildern in allen teilen des körpers".

In Unerlaubte Entfernung will ein traumverlorener junger Mann, der von seiner Mitwelt als ewiger Spätling und "sozial retardierter" Zurückgebliebener behandelt wird, endlich einen Zugang finden zum gesellschaftlichen Leben der späten DDR, will sich integrieren in jene regulierten Kollektive, die in dieser Gesellschaft das Leben prägen. Immer stärker gerät der junge Mann, der hier "b." genannt wird, in eine anthropofugale Drift, in eine immer größer werdende Entfernung gegenüber allen Regelsystemen dieser Gesellschaft, bis er sich schließlich eingestehen muss, dass er auf dem Wege ist, "sich aus der Mitwisserschaft beziehungsweise -haft der Menschen zu lösen".

Wie in den Gedichten des Erstlings vollführt das Ich zirkuläre Bewegungen und richtungslose Wanderungen auf seinen Erkundungsgängen durch Leipzig oder durch Orte der Oberlausitz. Unerlaubte Entfernung lässt sich als negativer Bildungsroman lesen, als die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Wunsch nach Erwachsenwerden kollidiert mit den Verfahren der Vergesellschaftung, die von der politischen Ordnung verlangt werden. So führt der Weg des einsamen Ich in die "Abwesenheit", in die absolute Unzugehörigkeit und Vereinzelung, so dass nur noch ein "Ankommen in der Fremde" möglich ist. Am Ende steht die "unerlaubte Entfernung" von der Truppe, eine kurze Flucht in "die urwälder von bialystok", der mit den üblichen Disziplinierungsmethoden beendet wird.

Bereits vor der Arbeit an dieser Erzählung hatte Jayne-Ann Igel mit den ersten Notizen zu den phantasmagorischen Protokollen des Bandes Traumwache begonnen. Hier ist das somnambule Ich, das zwischen wechselnden Identitäten changiert, unterwegs als "wiedergänger zwischen ortrand und ruhland", eine Träumerin mit profanen Erleuchtungen in den verlassenen Häusern und abgetragenen Gebäuden der Kindheit, eine Nachtwandlerin, die in den "Verschachtelungen des Ich" nach Offenbarungen sucht: " ...- wo sind sie, all die traumhäuser, wachräume, so sie nicht schon abgerissen sind? Was wir durchstreifen sind gedächtnisstätten, und wir sind waisen geworden, rastlos im bemühen, uns an-, zugehörig zu machen; wir tragen ein verkapseltes geschwür in uns, das aufzubrechen droht... " Als "verteiler von träumen und reflektionen" durchquert das Ich die düsteren Quartiere, Straßen und Wege in Leipzig, in Kleinstädten der Oberlausitz und im "chemiedreieck" zwischen Bitterfeld, Leuna und Halle.

Es sind verschiedene Ich-Instanzen und Zeit-Schichten, die hier ineinander fließen, ein personifizierbares, autobiographisches Subjekt wird bewusst aufgelöst in der poetisch-fließenden Textbewegung. Dabei gelingen Jayne-Ann Igel intensive und düstere Bilder einer planetarischen Verheerung in Industriebrachen und Abraumhalden, in denen der alles zermahlende Sand seine Formationen von Staub über die Landschaften des Ostens legt. So gewährt die "Traumwache" nicht nur verstörende Einblicke in die Kellerverliese der Kindheit, sondern auch auf eine pulverisierte Welt, deren "irdener Rücken zu Staub zerrieben ist". Hier werden Verluste bilanziert, die über die individuelle Biografie der Träumerin und Erzählerin weit hinausreichen. In der offenen, mäandernden Struktur der Traumwache wird uns buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Jayne-Ann Igel zeigt eindrucksvoll, dass sich modernes Erzählen keinesfalls vor dem vielfach geforderten Tribunal eines "relevanten Realismus" verantworten muss, um unsere Wirklichkeit zu erreichen. Eine hellwache Träumerin genügt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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