Tragödie ohne Titel.
Theaterstück von Federico García Lorca (2005, Mülheim).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 25.09.2005:

Erinnerungen an die Zukunft
"Tragödie ohne Titel": Eine surreale Verbeugung vor Federico García Lorcas Leben und Werk im Mülheimer Theater.

Wie eine schöne Frau zur alten Jungfer wird, wie idiotisch die Moral- und Standesvorschriften der spanischen Gesellschaft mal waren, wie gewinnend ein Rosenzüchter im Vergleich zu einem Volkswirtschaftsprofessor sein kann - all das ließe sich in García Lorcas Stück "Doña Rosita bleibt ledig" besichtigen. Aber der Mülheimer Prinzipal Roberto Ciulli filetiert das Stück und macht für die Ruhr-Triennale eine "Tragödie ohne Titel" daraus, die gleichwohl einen Namen hat: Federico García Lorca. Das von Francos Schlächtern brutal abgeschnittene Leben, die Vorstellungswelt, die Stücke des andalusischen Dichters, sie stehen Pate bei Ciullis szenischer Collage, die sich rundet zu einem Abend der tief beeindruckenden, sprechenden Bilder.

Don Quichote im Rollstuhl

Eine Erinnerung. Und mehr. "Man muss sich an morgen erinnern", sagt doch Don Quichote, der unbeirrbare Idealist, ganz zu Anfang. Mit einer schweren, blutigen Wunde unterm Hut hat man ihn, umtost vom Verkehrslärm einer Großstadt, in den finsteren Prolog hineingeschoben. Er sitzt im Rollstuhl. So viel zum Thema Fortschritt und Hoffnung.

Die Bühne (Gralf-Edzard Habben) ist ein Saal surrealistischen Angedenkens, nicht erst mit der blasphemischen Kreuzigungs-Szene, die Ciulli vor den dritten Akt setzt und an der auch ein Dalí seine Freude gehabt hätte. Dazu kommt ein gestürztes Klavier hier, ein Max-Ernst-Fisch und ein Picasso-Stier auf Musikerköpfen dort. Überhaupt: Die perfekt ausgesuchte Musik von Manuel de Falla, Eric Satie, Rufus Wainwright und anderen (Matthias Flake am Flügel, Oriol Aymat Fuste? am Cello) und das effektsicher eingesetzte Licht, ja die gesamte Atmosphäre tragen diese Inszenierung genauso ins Ziel wie die Schauspieler.

Die wiederum lieferten das glatte Gegenteil jener "Sägemehlherzen und von den Lippen huschenden Dialoge" ab, die García Lorca am Theater seiner Zeit noch kritisierte. Simone Thoma überzeichnet ihre Doña Rosita gekonnt zur Karikatur, deren Tragik ohne Groteske nicht zu haben ist; extremer Irrsinn und extreme Normalität markieren das Drama einer wachsenden Enttäuschung, "das schreckliche Gefühl, eine gestorbene Hoffnung aufrechtzuerhalten". Auch die rustikale Haushälterin, die Petra von der Beek mit Freude am Bodenständigen ausfüllt, oder Rupert J. Seidls selbst mit den Augen schlurfender Gutherz-Onkel - das gesamte Ensemble spielt mehr Rollen als Schau.

Die "Tragödie ohne Namen" ist Theater, das nicht nur im, sondern auch mit dem Theater spielt, mit seinem Sinn und allen Sinnen. Eine Erinnerung auch daran, was Theater kann. Doña Rosita, die Witwe ohne Hochzeit, glaubt: "Erinnerungen machen uns das Leben schließlich unmöglich." Das stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Jedenfalls nicht für dieses starke Stück Theater. - Langer Beifall. (NRZ)

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