Tracht:Pflicht.
Lese- und Sprechtexte von Bodo
Hell (2003, Droschl).
Besprechung von Günther
Stocker in Neue
Züricher Zeitung vom 10.01.2004:
Aus dem Sprachgebirge
Lese- und Sprechtexte von Bodo
Hell
«Geschichtenerzählen ist so was wie fast food, freudig verschlungen / schlecht verdaut.» Bodo Hell misstraut der herkömmlichen Logik des Narrativen und bringt die Sprache stattdessen zum Klingen. Rhythmische Strukturen, Assonanzen und Wortspiele verleihen seiner Prosa einen charakteristischen Sound, den er bei Lesungen eindrucksvoll vorzuführen versteht. So ist es nur folgerichtig, dass der 1943 geborene österreichische Dichter den heuer zum zweiten Mal vergebenen «Preis der Literaturhäuser» gewonnen hat, denn dieser würdigt das «gelungene Zusammenspiel von Textqualität, Vortragsart, Ausführungen zum Text und Dramaturgie der Lesung», wie es in der Begründung der Jury heisst.
Bodo Hells Texten ist deutlich der Einfluss der Wiener Gruppe anzumerken. Deren mechanische Dichtungsverfahren wie etwa die Litanei - ein Erbe des österreichischen Katholizismus - bestimmen auch sein neues Buch «Tracht : Pflicht» . Die Rohstoffe für seine Poesie gewinnt Hell aus der Werbe-, Medien- und Wissenschaftssprache, und er montiert sie zu schillernden Aufzählungen und sich überstürzenden Satzkaskaden, versucht, durch die Zerlegung und Neukombination der Berge von Zeichen, denen wir täglich ausgesetzt sind, die Gesellschaft durch ihren eigenen Sprachgebrauch vor den Kopf zu stossen.
Ein Feld für seine sprachlichen Recherchen ist die Grossstadt Wien, ein anderes das Gebirge, denn seit über zwanzig Jahren verbringt Hell seine Sommer als Senner auf einer Alp im Dachsteingebiet. Dort betreibt er «ambulanten Anschauungsunterricht, Studien in Wahrnehmung, Rhythmus und Weitblick». Kein Wunder also, dass seine Literatur von der Bergwelt getränkt ist. In «Tracht : Pflicht» äussert sich das häufig in Gestalt von Wegbeschreibungen. Diese Form erlaubt es ihm, seine Wahrnehmungen und sein umfassendes Wissen über alle Facetten des alpinen Lebens entlang der Marschrouten aufzufädeln, von der Geographie bis zur Geschichte, von der Mineralogie bis zur Magie. Das, was ihm ein alter Ennstaler Bauer erzählt, gilt ihm dabei ebenso viel wie das klug Angelesene. Besonders fasziniert ist er von Namen, und deshalb notiert er ständig die alten Bezeichnungen von Orten, Geländeformen, Arbeitsgeräten und Pflanzen und bereitet ihnen so ein Gedächtnis....Fortsetzung
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