Toter Mann.
Roman von Åke Edwardson (2009, Grafit-Verlag).
Besprechung von Hendrik Werner in der WAZ,
März 2010:
Der langsame Abschied vom
schwermütigen Ermittler
Åke Edwardson löst sich vom formidablen Erik
Winter
Kommissar Erik Winter ist ein ausgewiesener Kenner der dunklen Seiten von Göteborg. Es fügt sich daher gut, dass die melancholische und grüblerische Figur gleichfalls der Düsternis zuneigt. Erdacht hat seine politisch brisanten und stilistisch bravourös geschilderten Missionen der 1953 geborene Kriminalromancier Åke Edwardson, dessen unkonventionellen Werken man seine langjährige Tätigkeit als Dozent für Kreatives Schreiben an der Universität Göteborg wohltuend anmerkt.
Gleich zweimal konnte der legitime Thronfolger von Henning Mankell für seine mörderischen Moritaten den begehrten Crime Writer's Award der Schwedischen Akademie einheimsen. "Toter Mann" heißt der neue und mittlerweile neunte Fall für den schwermütigen Erik Winter. Dem Vernehmen nach ist es sein vorletzter: Alternde Schweden halten sich in einer paradoxen Mischung aus Demut und Hybris gern an die Dekalog-Vorgabe der Krimi-Übereltern Sjöwall/Wahlöö in ihrer sozial engagierten Beck-Reihe; auch der literarische Dauerbrenner Håkan Nesser beschränkte das Ermittlungskontingent seines Kult-Kommissars Van Veeteren auf exakt zehn Fälle, bevor er mit Gunnar Barbarotti einen unverbrauchten Schnüffler ins Rennen schickte.
Was nun Fitness und Elan des Erik Winter anbelangt, hat dieser seine besten Jahre spätestens seit "Totes Meer", dem Vorgängerroman von "Toter Mann", hinter sich. Migräneattacken, Hypochondrie und weitere Mittlebenskrisensymptome peinigen ihn; dazu kommt sein Überdruss an einer Arbeit, die für ihn wenig mehr als die ewige Wiederkehr des Schreckens bereithält. Das gilt auch für den aktuellen Fall, der in bewährt beklemmender Manier um das Schicksal eines Kindes kreist, das vor mehr als drei Jahrzehnten spurlos aus einem Jugendlager verschwunden ist.
Buch als Bewältigung
Das Verschwinden des Mädchens hat sein Bruder nie verwunden, mittlerweile ein renommierter Romancier. Sein Bewältigungsprojekt, ein Buch über den Verlust der Schwester zu schreiben, wird argwöhnisch beäugt - zum Erstaunen des Autors auch in Göteborgs Unterwelt. Es fallen viele Masken und Falschaussagen, Schüsse und falsche Schlüsse in diesem intelligenten, weit verzweigten und kühn komponierten Fall, der - nicht unüblich für Åke Edwardsons Prosa - ein Happy End verweigert.
Wieder irritiert der dramaturgisch gewiefte Spannungserzähler durch ambitionierte Perspektivwechsel; einmal mehr hat er für sein notorisches Schuld-und-Sühne-Thema eine so zwingende wie unkonventionelle Variante entwickelt.
Edwardsons psychologisch geglückte und soziografisch wertvolle Whodonnit-Serie hat sich allein in Schweden mehr als zwei Millionen Mal verkauft (es gibt nur neun Millionen Schweden!). Mit seinem verqueren und nah an der Verzweiflung gebauten Protagonisten hat er einen Literaturexport von Gewicht geschaffen. Wenn er ihn mit dem zehnten Fall ("Der letzte Winter") entsorgt, schafft er sich ein Gewicht vom Hals. Jedes beendete Buch, gab sein der Koketterie unverdächtiger Erfinder zu Protokoll, beschere ihm zuverlässig eine Depression. Und auch wenn er Angst vor der Trennung von Erik Winter habe, so Edwardson, sei die Figur zu Ende erzählt - und seine Liebe zum Krimigenre insgesamt erloschen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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