Totentanz von Norbert Hummelt, 2007, LuchterhandTotentanz.
Gedichte von Norbert Hummelt (2007, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 5.06.2007:

Mit schwarzen Beeren im Mund
Niederrheinisch getränkt: Die "Totentanz"-Gedichte von Norbert Hummelt.

So viele Gedichte Norbert Hummelt auch schon geschrieben hat, nie zuvor waren die Verse des 1962 in Neuss geborenen Lyrikers derart Niederrhein-getränkte wie in dem Band "Totentanz". Aber es sind keine Heimatgedichte - höchstens für Menschen, die in Gedanken zu Hause sind, in der Erinnerung: "spinnweben waren behangen mit licht" und "mit den schwarzen beeren im mund schien es / als ob das leben glückt".

Der Titel des Bandes deutet schon an, dass da einer zurück fährt in das Land, das seine Kindheit war, weil die Menschen, die darin die Herrscher waren, nun dahingegangen sind, allmählich. Es ist eine Rückkehr ins niederrheinische Französisch auch, mit Perron, Chaiselongue und Trottoir, ja.

Das alles aber wird umarmt von der müden Melancholie umterm niederländisch tiefen Himmel, wo immer noch die alten Glasbausteine vom Draußen nur die Schatten ahnen lassen, vom Scherenschleifer, vom Eiermann. Wo dieser seltsame Geruch aus den Münzalben aufsteigt und wo es jetzt so still ist, im Haus. Aber ein Totentanz? Ja, manchmal tanzen hier die Buchstaben gegen die Leere an, die der Sensemann hinterlässt und sie bilden Reime, die weh tun, als wollten sie prüfen, ob da noch einer ist, der Schmerz empfindet, als seien sie auf der Suche nach Lebenszeichen. Schmerzhaft gute Reime, versteckt nach Hummeltscher Manier in der Mitte der Verse oder am Beginn, als stabender oder zeilenübergreifender Binnenreim, sozusagen.

Da macht sich dann einer einen Reim darauf, dass der Tod nicht zu fassen ist. Und er nimmt den Weg über die Tradition, der kein Umweg ist: Der mittelalterliche Totentanz als offensive Vereinnahmung des Sensemanns zum Zwecke des Lebens; Lessings selbstaufklärende Überlegungen darüber, wie die Alten den Tod gebildet haben, werden nicht bildungsklingelnd herbeizitiert, sondern klug fortgeschrieben - was überaus scharf kontrastiert mit dem Trivialkitsch der Songzeilen der 70er-Jahre-Rockband "Blue Oyster Cult".

Das Schönste an den vielen schönen Gedichten von Norbert Hummelt (der auch die Gedichte von William Butler Yeats übersetzt und zusammen mit Christoph Buchwald das Jahrbuch der Lyrik 2006 herausgegeben hat) aber sind - die schönen Sätze: "ohne grund läuft jetzt mein schatten immer vor mir her" heißt so einer, "im dunst, im flachlandniesel huschen / bilder; so wild kann aber nur der tanz der toten sein." (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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