Topographien des Unvollendbaren,Franz Fühmanns intertextuelles Schreiben und das Bergwerk, von Stephan Krause, 2009, WinterTopographien des Unvollendbaren.
Franz Fühmanns intertextuelles Schreiben und das Bergwerk (
2009, Universitätsverlag Winter, von Stephan Krause).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg für die REZENSIONENwelt, X.2009:

Stephan Krause „Topographien des Unvollendbaren“
Franz Fühmanns intertextuelles Schreiben und das Bergwerk

Ein ausgesprochen interessantes und gut lesbares Buch ist dem aus Berlin stammenden Hungarologen und Germanisten Stephan Krause mit seiner (für das vorliegende Buch überarbeiteten) Dissertation gelungen. Klare Gedankenführung und Diktion zeichnen dasselbe aus, den Gegenstand  des Buches bildet im Kern das nachgelassene Werk Franz Fühmanns Im Berg. Texte aus dem Nachlaß (1991 herausgegeben von Fühmanns langjähriger Lektorin Ingrid Prignitz im Hinstorff Verlag Rostock).

Darüber hinaus greift Krauses Buch weiter – bedeutet den Kósmon des Schreibens Fühmanns und seiner konzeptionellen Ansätze in ihrem Kontext in möglicher Annäherung. Lassen wir dazu den Autor selbst zu Wort kommen:

„Der Schreibung und den Schriften von Fühmanns Topographien der Unvollendbarkeit nachzugehen, heißt hier in ein Bergwerk seines Schaffens einzufahren, dessen Verzweigungen mitnichten in Zerfaserungen auslaufen. In Fühmanns Werk lässt sich eher ein Modus von Unabschließbarkeit erkennen, der die in dieser Untersuchung als exemplarische und wesentliche Topographien beschriebenen Texte und Schaffensbereiche kennzeichnet. Nachhaltig wird darin jene durch Offenheit bestimmte, poetische Mythoskonzeption erkennbar, deren Einfluss in Fühmanns Werk anhand verschiedener Realisierungen eines topographisch vorstellbaren Konzepts zu beobachten ist.“ (aaO S.3)

Auf den 360 Seiten des Buches entwickelt der Autor seine Gedankengänge zum Benannten: präzis und kurzweilig führt er Erkenntnisse ein und an, die dem (und sicher auch der) Lesenden einen guten Einblick in das (intertextuelle) Schreiben Fühmanns geben und darüber hinaus auch eine Vielzahl an neuen Informationen vorhalten, hat sich der Autor doch eingehend mit dem an der Akademie der Künste lagernden Nachlaß Fühmanns wie auch mit unveröffentlichtem Material aus anderen (seinerseits genau benannten und so einen Nachvollzug gewährleistenden) Quellen befaßt. Krause gelingt es zudem, den seinerseits aufgebauten intellektuellen Spannungsbogen innerhalb des Buches zu halten, was dem Buch durch einen sich von daher ableitenden Lesegenuß zu Gute kommt. Lesen wir weiter:

„Verheißungsvorstellungen nähren sich nur zu oft von einer Lust am abgeschlossenen Vollständigen, dessen Projektion sie kraftvoll und ausschließlich zu pflegen suchen. Das in sich Passende, auch als „passe-partout“, begründet durch sie und mit ihnen den festen Glauben an einen richtigen Griff, den einzig rechten Griff, die Zusammenführung restlos aller offenen Enden zu einem runden Schluss. Die Brüchigkeit eines sich durch eine Vollständigkeitsattitüde als fest bestehend und immer beständig Gebenden (und letztlich darin selbst Bestäntigenden) erzeugt Furcht, gar Grauen, nicht das Abgebrochene, das noch in dem übrig gebliebenen und dem übrig bleibenden Weiß ein Moment des sich Entziehenden angibt. In der Beschwörung des Abbruchs gibt sich eine Rhetorik des Wunsches zu erkennen, die sich in die Klarheiten einer Märchenlandschaft hinfortträumt.“ (aaO S. 355)

Wer um den Lebensgang und die Werkgeschichte Fühmanns weiß, bekommt hier noch einmal in nuce jene in Erfassung im Nachgang vor Augen geführt. Das Buch Krauses liest sich zudem wie eine Paraphrase des Celan’schen:  „Fertig zu sein, dieses Gefühl jedenfalls hat man nie  . . .  Der ewig quälende Drang, jenen Ort in der Sprache zurückzugewinnen, den ihm das Leben unwiederbringlich verlor.“  (aaO S.96). Die Relevanz dieser Worte für Leben und Schreiben Fühmanns ist augenfällig.

Kritisch anzumerken ist, daß dem Buch kein Sach- und Personenregister beigegeben ist – hier hätte der Verlag nicht sparen sollen, ein solches wäre, gerade auch im Blick auf die Vielzahl der angeführten Personen und Querverweise, von Nutzen und hülfe der schnellen Auffindbarkeit gesuchter Einträge. Hilfreich hingegen erweist sich die beigegebene Bibliographie.

Das in buchtechnischer Hinsicht ansonsten erfreuliche Buch (Festeinband in Fadenheftung)  ist zum Preis von 52.- € im renommierten Universitätsverlag Winter in Heidelberg 2009, mit der ISBN 978-3-8253-5617-0 versehen, erschienen.

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