Tony
Takitani.
Roman von Haruki
Murakami (2005, DuMont).
Besprechung von Martin
Amanshauser aus Der Standard, Wien vom
11.6.2005:
Haruki Murakami: Bekenntnisse über japanische
Un-Japaner
Eine gerade verfilmte Erzählung von und eine Biographie über Haruki Murakami
Die Interview-Zitate stammen aus einem Gespräch, das Martin Amanshauser am 7. 2. 2003 in Murakamis Wohnung in Tokio-Aoyama mit dem Autor führte. Gesamttext!
Tony Takitani war wirklich Tony Takitanis richtiger Name." So beginnt Haruki Murakamis Erzählung Tony Takitani aus dem Jahr 1990, die bei DuMont, parallel zum Film von Jun Ichikawa, erstmals auf Deutsch erscheint. Dieser Einstieg folgt der Erzähllogik Murakamis, wonach die unwahrscheinlichsten Dinge geschehen dürfen, solange sie auf glaubwürdigen Fundamenten stehen.
"Ich glaube an die Kraft einer Geschichte", hat Murakami dem Rezensenten 2003 im Interview gesagt, "und wenn wir das Gebiet der Fantasie betreten, können wir etwas Wichtiges in uns berühren, das es im täglichen Leben nicht gibt." Auf wenigen Seiten entrollt der kontroversielle Romancier in Tony Takitani eine Legende von einem Vater und einem Sohn, denen der Mut fehlt - oder das Bedürfnis -, ihre Isolation zu durchbrechen. Shozaburo Takitani, japanischer Jazzmusiker, kehrt 1946 aus Schanghai für einen Neuanfang ins zerstörte Japan zurück. Seine Frau verliert er bei der Geburt des Sohnes, den er nach seinem Gönner benennt, einem US-Major. Die Laufbahnen der Takitanis, beide nach außen hin erfolgreich, lebenslustig, doch in intimen Verhältnissen an Einsamkeit leidend, stehen exemplarisch für die Helden Haruki Murakamis, aber auch für ein Jahrhundert japanischer Geschichte. Verfasst in der dritten Person und im Erzählton der historischen Chronik, verfügt der Text über Märchenqualitäten und wirft gleichzeitig die Frage auf, wo man Tony Taktiani einordnen soll.
Ein Schlüssel dazu wäre die jüngst erschienene Biografie von Jay Rubin, Murakami und die Melodie des Lebens (DuMont 2004). Rubin, neben Alfred Birnbaum zweiter Übersetzer Murakamis ins Amerikanische, stellt erstmals die Werke und ihren Verfasser in einen chronologischen Kontext. Jay Rubin erzählt von den beiden ersten, bei uns unbekannten Romanen Lausche dem Wind und Pinball, 1973, erklärt Grundlegendes wie Murakamis Verwendung der legeren japanischen Ich-Form "Boku" und begleitet seine Karriere - wie er vom literarischen Establishment Japans jahrzehntelang als "Schundautor" für Jugendliche abqualifiziert wurde, mit dem Roman Mister Aufziehvogel erst spät Anerkennung fand, dafür nun hin bis zur Laudatio durch seinen langjährigen Kritiker, den Nobelpreisträger Oe.
Haruki Murakami wird von vielen Menschen gerne gelesen, was ihm regelmäßig zum Vorwurf gemacht wird. "Über Literatur denke ich während des Schreibens überhaupt nicht nach", sagt er im Interview. "Während der Arbeit denke ich an die Story selbst und an die Leute, die drin vorkommen. Ob das jetzt von hoher oder niedriger Qualität ist, das ist nicht die Frage. Klar hoffe ich, dass es gute Literatur wird." Von einem Kritiker auf die "Distanz zwischen ihm und seinen Worten" angesprochen, hat Murakami geantwortet, sie stamme aus seinem starken Wunsch zu schreiben, obwohl er in Wirklichkeit "nichts zu sagen" habe. Abseits dieser Koketterie steht jedoch auch für Rubin fest, dass der "Boku" oft die "uninteressanteste" Figur in einer Welt von Exzentrikern ist, meist jedoch die Identifikationsfigur.
Jay Rubin nimmt die Position des Lesers ein, scheut jedoch nicht vor Kritik zurück, über Sputnik Sweetheart zum Beispiel: "Allerdings gerät hin und wieder (. . .) der Niedlichkeitsfaktor außer Kontrolle." Wie in jeder guten Biografie erlangen die Aussagen ihr Gewicht gerade aus der freundlichen Distanz des Biografen zum Forschungsobjekt. Dessen Unlogik im Plotaufbau - der Übersetzer kennt das Werk meist besser als der Autor - kommt ebenso zur Sprache wie die gnadenlos neospiritistische Esoterik jüngerer Werke, die Murakami zur Aussage trieb, er selbst würde "nicht an dieses Zeug" glauben.
Rubin erzählt die Anekdoten über ungewöhnliche Begegnungen Murakamis mit seinen Vorbildern John Irving oder Raymond Carver, er schildert die amerikanischen College-Jahre und ein extrem diszipliniertes Autorenleben mit dem totalen Rückzug ins Private - so schreibt Murakami im Chat einem neugierigen Fan, der ein Foto seiner Frau Yoko sehen möchte, "das wird nie klappen". Detailliert wird auch Murakamis Zuwendung zu Positionen gesellschaftspolitischer Verantwortung beschrieben (mit dem Sachbuch Untergrundkrieg, einer Oral History über die Anschläge in der Metro von Tokio 1995).
In diesem neuen Zusammenhang begreift man Murakamis Missbehagen angesichts des Vorwurfs, seine Texte seien "unjapanisch". "Man darf nicht vergessen, ich schreibe über das Leben in Japan und über japanische Menschen. Ich mag es nicht so sehr, wenn es heißt, ich bin amerikanisiert." Seine großen Romane sind in erster Linie modern, seine Helden integre Außenseiter der Gegenwart, und deshalb ist die Verbreitung seiner Bücher in anderen Sprachen Murakamis Anliegen. Für Neuauflagen überarbeitet er gelegentlich ältere Texte, er lässt Streichungen zu, mittlerweile existieren verschiedenste Versionen seiner Bücher. Die Biografie und Tony Takitani sind hoffentlich die ersten Schritte zur lückenlosen Übersetzung des Werks auf Deutsch.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]
Leseprobe I Buchbestellung 0605 LYRIKwelt © Der Standard/M.A.