Tokyo.Echo von Ferdinand Schmatz, 2004, Haymon

1.) - 2.)

Tokyo.Echo oder Wir bauen den Schacht zu Babel, weiter.
Gedichte von Ferdinand Schmatz (2004, Haymon).
Besprechung von Carsten Schwedes aus dem titel-magazin, 32/2004:

Auf Platte gebannt
Ferdinand Schmatz verdichtet auf seinen Reisen gemachte Momentaufnahmen zu flimmernden sprachlichen Kunstwerken

In der aktuellen Lyrik scheint wieder eine neue Reiselust aufzukommen: Autoren wie Thomas Kling, Marcel Beyer oder Oswald Egger nehmen ihre Leser mit in die Bretagne, nach Osteuropa, in die USA oder den Jemen. In diese Reihe fügt sich auch der österreichische Autor Ferdinand Schmatz mit seinem neuen Gedichtband tokyo, echo ein. Er enthält zum größten Teil Texte, die durch Schmatz' Aufenthalte in Tokio und St. Petersburg inspiriert wurden, aber auch Zeugnisse von einer ganz anderen Art der Reise: im letzten Drittel dieses Gedichtbands finden sich Ausflüge in andere Textwelten, von der Bibel über Franz Kafka bis zu Paul Celan.

Schon der Titel tokyo, echo verrät, dass es Schmatz hier nicht um das bloße Beschreiben von Orten geht, sondern um das, was nach einer Reise zurückbleibt: das Echo, der Nachhall des Erlebten. Oder, wie Schmatz es in einem Gedicht komprimiert ausdrückt, um das, was

war
- echo -
ist

Das Wort "Platte", das sowohl die Festplatte des Computers als auch die mit einer lichtempfindlichen Schicht versehene fotografische Platte sowie die Schallplatte evoziert, ist bei Schmatz die zentrale Metapher für die verschiedenen Medien, mit denen die persönlichen Eindrücke festgehalten werden können. Optische und akustische Impressionen tauchen kurz auf, werden auf Platte gebannt und anschließend im Labor des Autors einer sorgsamen Nachbearbeitung unterzogen. Aus der Spannung von Erlebtem und dessen nachträglicher Modifikation beziehen diese Gedichte ihren besonderen Reiz. Erlebtes verwandelt sich durch sprachliche Kunstfertigkeit. Neue Assoziationen kommen hinzu, das ursprüngliche Bild weicht einem wechselhaften Flimmern der Zeichen.
     
Statt eines bloßen Abbilds der Realität entstehen so gekonnt konstruierte Sequenzen aus Reimen, Homophonien oder Anagrammen. Fremd klingende Namen geben den Anstoß zu Wort- und Bildermontagen. Wörter oder Redewendungen zerfallen wie das Erlebte im Laufe der Zeit und gehen neue Verbindungen ein. Was bleibt, ist nicht mehr der unmittelbare Eindruck eines Ortes, sondern eine Synthese aus assoziativ gebildeten Motiven, zwischen denen sich ein faszinierendes Spiel entwickelt. Dabei kommt der gleiche Unterschied zum Tragen wie der zwischen einen gewöhnlichen Urlaubsfoto und der Aufnahme eines Künstlers: die Texte von Schmatz sind in sich eindrucksvoll gestaltet und reichen darin über die verblassende Erinnerung hinaus.

Im zweiten Teil dieses Bandes, bei dem St. Petersburg im Zentrum steht, kommt eine weitere Dimension hinzu: der Ruf, der einer Stadt vorauseilt. Von vielen Städten wie Venedig, Florenz oder Paris existieren längst kollektive Bilder und Klischees, die zumindest jeder Europäer ihnen verbindet. Dies trifft auch auf St. Petersburg zu. Solche Vorprägungen integriert Ferdinand Schmatz in seine Gedichte, so dass sich in seinen Texten auch die klassischen Sehenswürdigkeiten finden, die in jedem Reiseführer vorgestellt werden: die Eremitage, der Newskij-Prospekt oder der Eherne Reiter. Dieses Bild wird jedoch gebrochen durch weit weniger pittoreske Eindrücke von Straßen und Märkten. In den Gedichten tauchen zudem immer wieder literarische Vorprägungen auf: so geistert hier der rote Domino aus Andreij Belyis Roman Petersburg durch die Straßen, dort grüßt Nabokov vom Tennisplatz oder Anna Achmatowa aus dem Scheremetew-Palast, in dem sie lange Zeit lebte. Anders als bei den Texten über die fernöstliche Metropole betritt der Autor hier einen Kulturraum, der ihm zumindest partiell vertraut ist. So entsteht aus "vor ruf", "jetzt ton" und "nachklang" ein assoziatives Gewebe aus den unterschiedlichsten Texten, Bildern und Klängen.

Sind die St. Petersburger Gedichte bereits teilweise von Anspielungen auf andere literarischen Werke durchzogen, so ist dies vollends im dritten Teil dieses abwechslungsreichen Gedichtbands der Fall. Der gesamte Band lässt sich auch als die Geschichte einer Entwicklung von zunächst noch außerliterarisch inspirierten Texten hin zu einer reinen Textinnenwelt lesen. Fremde Texte werden um- und weitergeschrieben, konzentriert auf wenige Wörter und Motive aus der Vorlage, jedoch mit eigenen Assoziationen angereichert:

ja, drauf bauen will ich, greifen packen
an zuweisen mehr als was ein finger zeigt,
- geschrieben stehen, lieben hass im sehen,
aber nur in reden leben lassen ruf im schall
vergehen als der bilder drehen raus
zu drängen so die sage, haltend doch den kern -

So vermitteln diese Gedichte von Ferdinand Schmatz ein eigenes, gegenwärtiges Bild von den Texten, auf denen sie aufbauen, indem sie deren Essenz in neuen poetischen Formen darstellen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0804 LYRIKwelt © titel-magazin

***

Tokyo.Echo von Ferdinand Schmatz, 2004, Haymon2.)

Tokyo.Echo oder Wir bauen den Schacht zu Babel, weiter.
Gedichte von Ferdinand Schmatz (2004, Haymon).
Besprechung von Nico Bleutge in Neue Zürcher Zeitung vom 15.12.2003:

Verkopftes Blicken
Ferdinand Schmatz: «tokyo, echo»

Der Literaturbetrieb ist eine ungerechte Sache. Fast möchte man sich wünschen, der Dichter Georg Trakl wäre vier, fünf Jahre früher ins Jenseits gewandert. Dann hätte Ferdinand Schmatz den Trakl-Preis nicht erst 2004 erhalten, sondern schon zum Erscheinen jenes Buches, mit dem er nicht nur dem Titel nach Grosses geleistet hat. «das grosse babel,n» entwirft ein vielzüngiges Um- und Neuschreiben der biblischen Texte, mit dem Schmatz sich als gewitzter Sprachjongleur entpuppte. Die jetzt erschienene «Fortsetzung» des Babel-Bandes ist leider kein würdiger Nachfolger. In dem umständlich angelegten Triptychon von «tokyo, echo» verliert sich Schmatz ein ums andere Mal im Rauschen und «brabbeln» seiner eigenen «zeichen, träger».

Das ist sehr schade, denn Ferdinand Schmatz hat von jeher in sprachgenauen Essays über die Tradition nachgedacht oder dem literarischen Betrieb die Leviten gelesen. Er hat zusammen mit Franz Josef Czernin den Residenz-Verlag mit bewusst schlecht geschriebenen Gedichten geärgert und im Roman «Portierisch» dem Wortspiel neue Sprachreviere erobert. In «tokyo, echo» bleibt von dem klugen Witz leider oft nur der müde Kalauer übrig. Vor allem im ersten Teil, in dem Schmatz die Zeit seiner Lehrtätigkeit in Japan 1983 bis 1985 nachhallen lässt, überlagern sich die Frequenzen zwischen Ohr und Mundraum zu äusserst schrägen Tönen. Da «blickt gekopftes» aus den Textbalken hervor, reihen sich Reime und Halbreime auf allzu engem «raumsaum» zu allenfalls raunenden Zeilen. Nur im Mittelteil, einer serpentinischen Sprachfahrt durch St. Petersburg, sprengt Schmatz die Textlogik mit altbekannter Kraft, werden die Verse tatsächlich zu «geleisen,  / deren rippen aus stahl / vibrieren machen das herzen / durch dich, aber dünn - / und flott geht die rede / durch die gabe an stoffen».

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © NZZ