Tod an Habana.
Roman von Hans Christoph Buch (2007, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 29.12.2007:

Das Kuba des Verfalls und der Prostition

Wie hieß er doch noch, den Thomas Mann zum "Tod in Venedig" schickte? Richtig: Gustav von Aschenbach. Und wen schickt Hans Christoph Buch zum "Tod in Habana"? Dolles Ding: Gustav von Achenbach, also ohne "s". Aber trotzdem: Ganz schön frech! Und ganz schön frech, kodderschnäuzig und widerborstig kommt der ganz kleine Roman oder die stattliche Novelle daher, in der es einen Mann in den besten Lebensjahren diesmal nicht an den Lido, sondern nach Kuba zieht.

Mischung aus Sehnsucht und Zynismus

Es ist das Kuba unserer Tage, dessen üppige Vegetation nicht die Armut überblühen kann, ein Kuba des Verfalls, der Prostitution, der großen korrupten Geschäfte und der klenen alltäglichen Durchstechereien. Der oberste Führer freilich, Fidel Castro, ist immer noch allgegenwärtig. Wenn der Strom funktioniert, kann man ihn im Radio hören, längst sinnentleerten Mantras lauschen: Kuba oder der Tod. Jeder weiß: der da spricht, der kämpft schon den letzten Kampf. Aber er ist noch da.

Gustav von Achenbach ist ein recht erfolgreicher Architekt, so wie Gustav von Aschenbach ein recht erfolgreicher Schriftsteller war. Er will die reiche postkoloniale Architektur der Insel studieren, aber die ist auch längst niedergewirtschaftet. Mit einer Mischung aus rückwärts gewandter Sehnsucht und ans Zynische grenzender Belustigung gedenkt er der großen Zeiten weltweiter Castro-Begeisterung; diese globale Linke war auch die seine gewesen. Hans Christoph Buch schaltet raffiniert Texte ein, die jene Heilserwartungen von damals bezeugen. In einer Art Prolog schildert er vier Zeitungsbilder von einem Besuch des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre in Havanna und schließt mit dessen in der Zeitung "L'Express" zitierten Satz: "Für einen Intellektuellen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist es unmöglich, nicht prokubanisch zu sein."

Vergangene Zeiten. Aber Buchs Erzählung ist mehr als en Pamphlet gegen die Diktatur des großen Bärtigen, mehr als ein Abgesang auf kaputte Ideale, mehr auch als eine - allerdings bewundernswerte - Schilderung von Stadt und Land und Menschen. Denn Gustav von Achenbach treibt noch etwas anderes um: seine Homosexualität, die er hier, weit fort in der Karibik, exzesisv auszuleben gedenkt.

Das tut er auch, und das wird ihm zum Verhängnis. Diese Schicht des Buches ist dank drastischer Sex-Darbietung nicht durchweg für allzu zart besaitete Leser zu empfehlen. Die bleiben doch besser bei jenem Gustav von Aschenbach (mit "s" bitte!) und bei dessen hingehauchtem Leiden zum Tode angesichts des holden Tadzio. Für jeden anderen ist Buchs bunte Frechheit durchaus empfehlenswert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0208 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung