Tod eines Kritikers von Martin Walser, 2002, Suhrkamp1.) - 4.)

Tod eines Kritikers.
Roman von Martin Walser (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ vom 15.6.2002:

Die Walser-Diskussion dient auch der Ablenkung
In seinem umstrittenen Roman "Tod eines Kritikers" rechnet der Schriftsteller mit bestimmten Medien ab

Ist Martin Walsers Roman antisemitisch? Die Frage bewegt die Feuilletons, als hinge das literarische Leben davon ab. Doch Walser
greift nicht nur Reich-Ranicki scharf an, sondern auch die Medien. Schon möglich, dass sie deshalb so vehement den Antisemitismus-Verdacht diskutieren - das lenkt ab von der eigenen Betroffenheit.

Gut ist das Buch nicht. Es ist schon traurig, was aus dem einst großen Walser geworden ist; stilistisch, erzählerisch ist der Text unerheblich. Weniger kunstvoll als bizarr verstrickt er Motive; es gibt merkwürdige Anspielungen auf Wagner und eindeutige auf Thomas Manns "Dr. Faustus". Und da ist der Name: Erlkönig - auch er ein böser Geist. Welcher Teufel hat Martin Walser geritten, Marcel Reich-Ranicki in die Nähe des Leibhaftigen zu rücken? Und was hat FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher bewogen, in seinem offenen Brief Walser ebenso scharf zu
kontern? Denn der Antisemitismus-Vorwurf in der Wirklichkeit ist ungeheuerlich wie die Denunziation des Kritikers im Roman.

Ob das Buch antisemitisch ist oder nicht - es bleibt wohl eine Frage der Wahrnehmung. Wer Antisemitismus persönlich als beschämend
empfindet, wird mit Empörung reagieren. Wer ihn als ideologisches Problem betrachtet, wird ihm theoretisch begegnen. Festzuhalten bleibt,
dass die bösen Formulierungen, die Schirrmacher kritisiert, Romanfiguren in den Mund gelegt sind, die durch sie charakterisiert werden.

Anders ist es mit dem Satz "Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen". Im Roman erscheint er als Zitat - aus der FAZ. Sie ist die einzige, dubiose Quelle, ein Zeuge findet sich nicht dafür. Da wird deutlich, warum die Zeitung so energisch gegen den Roman
protestiert. An anderer Stelle heißt es, der Name eines FAZ-Herausgebers werde von einem prominenten Philosophieprofessor "immer mit dem Zusatz Faschist versehen". Das ist schweres Geschütz.

Wirklichkeit und Roman: Der vermeintliche Mörder wird von der Öffentlichkeit verurteilt, weil das Opfer Jude ist. Genauso ergeht es dem Autor. Der real existierende Literaturbetrieb weiß nichts Dümmeres, als den Roman nachzuspielen.

Warum polemisiert Walser so heftig gegen Reich-Ranicki und seine Machtpose? Rache? Hass? Offenbar. Was wäre an diesem Thema so
wichtig, dass sich ihm zeitgenössische Autoren widmen müssten? Der Literaturbetrieb muss nicht entlarvt werden, weil er seine Parodie in sich selbst trägt; jeder Vorstadtkabarettist hat schon einmal Reich-Ranicki nachgeahmt. Und der spöttische Beiname "Literaturpapst" sagt alles.

Die Medien sind schon deshalb interessiert, weil sich hier zwei prominente alte Männer eine Schlammschlacht liefern. Dass die Medien mit getroffen sind, lässt das Geschrei über den angeblichen Antisemiten Walser noch anschwellen.

Unbegreiflich bleibt dessen Widerständigkeit gegen alle Kritik. Demokratie kann nicht bedeuten, dass jeder alles hinredet, was ihm in den Sinn kommt. Das verbietet der Respekt vor der Menschenwürde. Darin ist Martin Walser angreifbar: Er lässt die Menschenwürde vermissen, den Anstand vor Reich-Ranicki und seinem persönlichen Schicksal. Dies mit der Betroffenheit des Autors zu kontern, ist klein.

Das Spiel aber, das manche Medien mit dem Antisemitismus treiben, ist unwürdig. Dieser Vorwurf sollte wirklichem Antisemitismus vorbehalten bleiben. Es gibt genug davon.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0702 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine

***
Tod eines Kritikers von Martin Walser, 2002, Suhrkamp2.)

Tod eines Kritikers.
Roman von Martin Walser (2002, Suhrkamp).

Besprechung von Thomas Liehr, Homepage tomliehr
:

Gibt es das "gute", gibt es das "schlechte" Buch? Ist es gerechtfertigt, daß sich lautstarke Rezensenten medienwirksam zum Richter über die Qualität von Literatur aufschwingen und ihre selbstdarstellerische Kritik inszenieren, als alles entscheidendes Tribunal über Autor, Werk *und* Leser? Ist das alles nur lächerlich, oder wird damit der Sache gedient?

Marcel Reich-Ranicki, der in "Tod eines Kritikers" André Ehrl-König heißt (die vordergründige Metaphorik einiger Kunstnamen in Walsers Buch ist kaum zu übertreffen), vernichtet in seiner erfolgreichen Literatursendung "Sprechstunde" das neueste Buch von Hans Lach. Lach hat zuvor fragmentarische Werke vorgelegt, vor allem das als "Notizen" bezeichnete Buch "Vom Wunsch, ein Verbrecher zu sein". "Mädchen ohne Zehennägel" muß in der Sendung gegen das neueste Werk von Philip Roth antreten - und wird zum schlechten Buch gekürt. Auf der anschließenden Party, zu der Lach erscheint, ohne eingeladen zu sein, kommt es zum Eklat. Ehrl- König verschwindet, sein blutiger Kaschmirpullover wird gefunden, Hans Lach als Mordverdächtiger verhaftet. Der Autor Michael Landolf, Ich-Erzähler des Romans, wird zum Ermittler, versucht als einziger, die Unschuld Lachs zu beweisen, während alle anderen Beteiligten davon ausgehen, daß der Mörder gefunden sei, und in langen Verhören und Gesprächen die Figur Ehrl-Königs skizzieren, hochstilisieren, über das hinaus, was sie ohnehin darstellt, allerdings mit dem kaum unterschwelligen Tenor, über den Verlust nicht sonderlich traurig zu sein - sondern eher erleichtert. Die Hintergründe werden offenbar, die Hintermänner demaskieren sich, es wird darum gebuhlt, derjenige zu sein, der die letzten Geheimnisse des Kritikers kennt, die schillernde Figur entwickelt, geschaffen hat, das Szenario verdeutlicht die Lächerlichkeit von Medienprominenz auf eine Art, die in sich satirisch ist und keiner satirischen Aufarbeitung bedürfte.

Bis zum wenig überraschenden Ende des Buchs beschäftigt sich Walser hauptsächlich mit der Rolle, die die Literaturkritik in Mediendeutschland spielt; die Betrachtung gipfelt in einem kurzen Science-Fiction-Essay, der für die Zukunft eine Form von Literaturkritik entwirft, bei der Leser nicht mehr lesen, und Autoren nur noch um die Aufmerksamkeit der Kritiker buhlen, sonst nichts.

Aber die Ausgangsfrage bleibt unbeantwortet. Kritik ist Meinung, auch dann noch, wenn sie zur Show, zur Inszenierung wird, und der vermeintliche Machtmißbrauch, der durch die erfolgreiche Kritikshow möglich wird, existiert nicht, da er unmittelbar an die Glaubwürdigkeit des Kritikers gekoppelt ist (die allerdings, und das kann als Erfolg des Buches gewertet werden, MRR jetzt massiv untergräbt). Für die vermeintliche Unglaubwürdigkeit Ehrl-Königs (bzw. Reich-Ranickis) liefert Walser aber keine Beweise oder Indizien, ganz im Gegenteil läuft er selbst Gefahr, als Kritiker unglaubwürdig zu sein, weil er erstens Autor, also verletzlicher Betroffener ist und zweitens bei der Figurenzeichnung Ehrl-Königs auf Mittel zurückgreift, die geeignet sind, die Kunst- *und* Realfigur zu diskreditieren, ohne sich auf die Kritik selbst zu beziehen - insbesondere, weil er Eigenschaften Ehrl-Königs satirisch beleuchtet, die in keiner Beziehung zum Thema der Geschichte stehen, etwa seine Größe, seine Sprache, seinen Umgang mit Frauen.

Daß die Ausgangssituation des Romans wenig glaubwürdig ist, kommt hinzu - es gibt keine Leiche, es gibt keine wirklichen Indizien für einen Mord, nur den blutigen Pullover und einen verschwundenen Kritiker; warum Lach überhaupt verhaftet wurde, fragte ich mich sehr lange. Daß sich Marcel Reich-Ranicki durch diesen Roman beleidigt fühlt, ist nachvollziehbar, denn die useinandersetzung findet auf einer recht unsubtilen Ebene statt, jedenfalls teilweise. Antisemtische Tendenzen oder Äußerungen allerdings habe ich nirgendwo finden können; MRRs Aussprache karrikieren auch zahlreiche Kabarettisten, ohne sich ähnlichlautende Vorwürfe anhören zu müssen. Es gibt eine Stelle, an der diskutiert wird, ob es einen Unterschied macht, wenn in Deutschland ein Jude oder ein Nichtjude getötet wird, aber das ist es auch schon. Der Roman transportiert ansonsten eine ganz eigene, aber walsertypische Sprache, fließt an einigen Stellen ganz wunderbar, wissensreich und hoch intellektuell, während andere wieder ermüden, in Selbstwiederholung schwelgen. Es ist ein interessantes Buch darüber, wie Autoren Kritiker sehen mögen, nicht mehr, nicht weniger. Eine etwas zu persönlich geratene Satire darüber, wie jene über die Maßen erfolgreicher sind als die anderen, von deren Werk sie profitieren, ohne das sie überhaupt nicht bekannt wären - denn als Autor haben sowohl André Ehrl-König, als auch Marcel Reich-Ranicki nur wenig vorgelegt, das selbst die Bezeichnung "Literatur" verdient hätte.

Kultur ist Ware - Bücher sind Produkte, die einer Käuferschar harren. Anders, als die Zahnpasta, die die Zähne nicht *wirklich* weißer macht, als der PS-starke Bolide, der seine Endgeschwindigkeit nicht erreicht, läßt sich jedoch ein objektives Urteil über die
Produktqualität nicht fällen, oder nur ausnahmsweise. Leser aber sind ob des Angebots auf Empfehlungen angewiesen - anders wäre eine Auswahl kaum mehr zu treffen, und es spielt keine Rolle, wer die Empfehlung ausspricht; niemand ist verpflichtet, ihr zu folgen oder sie zu mißachten, ob sie nun vom eloquenten Fernsehkritiker kommt oder vom Saufgefährten in der Stammkneipe. Walser bricht eine überflüssige Lanze für das Weicheitum der deutschen Künstler (übrigens bereits in Fortsetzung - die Figur des Rezensenten-Stars Ehrl-König entstand in der Novelle "Ohne einander", die von Ranicki zerrupft wurde), für das überzogen mütterliche Hegebedürfnis, das Autor ihren Werken gegenüber empfinden, ohne daß sich dies anhand der *subjektiven* Produktqualität begründen ließe. Er stigmatisiert die Kritiker, und er verkennt dabei, daß es die Autoren selbst sind, die aktiv an der Zeugung dieser Spezies beteiligt waren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.tomliehr.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0702 LYRIKwelt © Tom Liehr

***
Tod eines Kritikers von Martin Walser, 2002, Suhrkamp3.)

Tod eines Kritikers.
Roman von Martin Walser (2002, Suhrkamp).
Brief von Ruth Klüger in der Frankfurter Rundschau, 27.6.2002:

"Siehe doch Deutschland"
Martin Walsers "Tod eines Kritikers"

Lieber Martin,

wäre Tod eines Kritikers doch nur ein misslungener Roman! Das könntest Du Dir schon leisten, nach all den vielgelesenen und gefeierten Werken, die Du geschrieben hast, und es würde Deinen Ruf kaum beeinträchtigen. Doch das Gift, das Dir hier aus der Feder floss, ist Dir nicht einfach zu einem schlechten, es ist eher zu einem üblen Buch geronnen.

Wenn ich es richtig lese, so handelt Dein letztes Buch zwar auf erster Ebene von einer Abrechnung mit Korruption und Unterhaltungssucht im deutschen Literaturbetrieb. Aber das ist nicht alles, das wäre zu kurz gegriffen. Das übergreifende Thema, Du sagst es mehrmals, ist Macht und Niederlage, es geht um Sieger und Besiegte. "Besiegt, das heißt, davon erholst du dich nicht mehr. Der Besiegte schämt sich … Du kannst andere beschuldigen, aber du weißt: du allein bist die Ursache deiner Niederlage. Siehe doch Deutschland. Abgesehen davon, dass es eben überhaupt keine Rolle spielt, warum du besiegt bist."

Also nicht nur von Schriftstellern und Kritikern schreibst Du, sondern stellvertretend ist auch das Vaterland, das einstens besiegte, das sich noch immer schämt, miteinbezogen, mitgedacht. Du hast, nicht zum ersten Mal, ein Deutschlandbuch geschrieben. Und da soll es keine Rolle spielen, wenn ein ausländischer oder zurückgekehrter, auf jeden Fall vom Ungeist beseelter, Kritiker ein Jude ist?

Als eine Jüdin, die sich beruflich mit deutscher Literatur befasst und sich mit Dir und Deiner Familie befreundet glaubt, fühle ich mich von Deiner Darstellung eines Kritikers als jüdisches Scheusal betroffen, gekränkt, beleidigt. Du würdest sicherlich antworten: Aber du bist doch nicht gemeint, ich hab doch nichts gegen Juden, nur gegen diesen einen, illegitime Macht Ausübenden, der zufällig Jude ist. Doch der Zufall hat zwar einen Platz in der Wirklichkeit, aber nicht in der Literatur. Sonst bräuchten wir die Literatur gar nicht.

Kürzere und zerknautschte Nasen

Natürlich muss sich der Verfasser eines Romans, auch eines realistischen, gewiss eines satirischen, nicht an die wirkliche Vorlage halten, oder doch nur so, dass die Zielscheibe der Satire erkennbar bleibt. Eine Karikatur ist keine Fotografie, das Opfer wird sich umsonst beschweren, dass es in Wahrheit eine kürzere Nase und eine höhere Stirne hat. Der Satiriker wählt, was ihm bedeutend erscheint. Verantwortlich ist er dann allerdings für die Bedeutung. Und wenn er einen widerlichen Kritiker als Juden zeichnet, dann darf man wohl fragen, ob er damit so etwas wie die zerstörende Macht der Juden im deutschen zeitgenössischen Geistesleben meint.

Die schnelle abwehrende Antwort wäre: Keineswegs, Martin Walsers Ehrl-König ist deshalb Jude, weil Marcel Reich-Ranicki nun einmal Jude ist. Doch Realismus in der Literatur ist eben nicht Abklatsch der Wirklichkeit, sondern ihre Interpretation. Der Roman Effi Briest wird nicht unrealistischer, wenn man weiß, dass Fontanes Vorbild nicht aus Kummer starb und viel älter geworden ist als die Romanheldin. Verantwortlich ist Fontane nicht für das Frauenleben, das ihn inspiriert hat, wohl aber für die Aussage seines Werks über die gesellschaftlichen Zwänge seiner Zeit.

Aber, sagen Du und Deine Verteidiger, es ist doch nur eine Komödie, nur eine Farce, warum nehmt ihr diesen kleinen Roman so ernst? Als ob Komödien und schlechte Witze nicht seit eh und je besonders beliebte Vehikel der Verhöhnung gewesen wären! Aber es wird ja niemand ermordet, sagst Du, der Kritiker kehrt heil von seinem Abenteuer mit der blonden deutschen Adligen zurück, deren Nase er vorher, geil wie er ist, vor allen Leuten obszön zerknautscht hat, und wird am Ende noch selbst in England in den Adelsstand erhoben (denn er hat ja so viele Staatsbürgerschaften). Der Judenmord, wie er in Deinem Buche steht, sagst Du, war immer nur eine Phantasie in den Köpfen Deiner fiktiven Schriftsteller, selbstredend Nichtjuden, die der jüdische Kritiker geschädigt hatte. Ich bitte euch, scheint der Text zu sagen, wir sind doch kein Mordgesindel. Lieber Martin, vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, die sich nun einmal nicht ausklammern lässt, ist die komische Wiederkehr des nur scheinbar ermordeten Juden noch schlimmer als ein handfester Krimi mit Leiche gewesen wäre.

Apropos Krimi. Vor fünfzehn Jahren hast Du (zusammen mit Asta Scheib) das Drehbuch zu einem Fernseh-Tatort, betitelt Armer Nanosh, geschrieben, das bei Fischer auch als Taschenbuchkrimi erschien. Der spielte im "Zigeunermilieu", handelte also weitgehend von Roma und Sinti. Diese hast Du damals derart stereotyp dargestellt, dass der Zentralrat der Roma und Sinti sich beschwerte; doch weder Du noch der NDR hörten den Betroffenen zu. Du drehtest damals sogar den Spieß um und meintest, jetzt werde "Jagd auf Schriftsteller" gemacht. Die Einwände der Betroffenen, die doch eigentlich besser wissen mussten als Du, ob sie sich verletzt fühlten und wo es weh tat, stießen auf keine Sympathie bei Dir. Du behauptetest starrköpfig, solange der Täter in Deiner Geschichte kein Roma sei, wäre die Darstellung nicht diskriminierend. So auch jetzt: der Jude wird nicht ermordet, ergo…

Dabei ist gar keine Kombination von Figur und Handlung tabu. Zum Beispiel, in Günter Grass' letztem Roman, Im Krebsgang, begeht ein Jude einen Mord. Grass' Darstellung ist weder anti- noch philosemitisch, sie ist vorurteilsfrei und daher nicht zu beanstanden. Aber der Antisemitismus kommt ja in Deinem Buch gar nicht vor, sagst Du. Eben. Er sollte nämlich vorkommen. Hättest Du ihn thematisiert, so würde man ihn Dir nicht zum Vorwurf machen können. Im Tod eines Kritikers verdirbt der Jude (oder der Halbjude oder der vermeintliche Jude, auf jeden Fall der mit dem Etikett "Jude") den Schriftstellern die Preise und dem Publikum den Geschmack, aber, Gott behüte, keiner würde das "den Juden" ankreiden. Indessen wird es sich ja herumgesprochen haben, und nicht nur unter Juden und Sozialwissenschaftlern, dass die Abneigung gegen Juden als Gruppe in Deutschland hie und da vorkommt. Dafür bist Du nicht verantwortlich, auch wenn Dein umstrittenes Buch in die Möllemann-Debatte hineinplatzt und daher zu einer denkbar unguten Zeit herauskommt. Aber eine private Angelegenheit ist so ein Buch eben auch nicht.

Ein Deutschlandbild mit bösartigen Juden - oder meinetwegen dem bösen Juden -, aber ohne Judenfeindlichkeit, ist, schlicht ausgedrückt, verlogen. Verlogene Darstellung der Wirklichkeit in der Fiktion wird gemeinhin als Kitsch bezeichnet. Wenn sie in den ausgewogenen Sätzen mit dem unverkennbaren Rhythmus eines echten Schriftstellers daherkommt, dann nennt man sie Edelkitsch, auch das ein gutes deutsches Wort.

Wie sollen wir nun das komplizierte Gefühlsbündel lesen, das Dein Protagonist, der Schriftsteller Hans Lach, alias Mystikforscher Landolf, für seinen Peiniger hegt, und das ja auch positive Regungen nicht ausschließt? Gerade in seiner Unterschwelligkeit folgt Deine Darstellung einem geradezu klassischen Muster der Diskriminierung. Der Mann, dem unsere Sympathie gehört, nähert sich blauäugig (im metaphorischen wie im rassistischen Sinne) und zutraulich, wie er nun einmal von Natur aus ist, dem Andersartigen und wird von diesem betrogen, enttäuscht, zurückgestoßen. Landolf versenkt sich in den Konstanzer Mystiker Seuse, sein alter ego Hans Lach schweigt sich aus. Ichverleugnung, Stille, Nachdenken, Kontemplation, Askese, Gelassenheit: das ist der Gegenpol zu dem Schwätzer und geistigem Giftmischer Ehrl-König. Gebirge und Einsamkeit mit ehrlichen Gefühlen und Gedanken einerseits, der Gerüchtekessel der Großstadt andererseits, wo der Fremde, der Jude mit seinen Mitläufern herrscht und wo mißgünstig und sinnentleert dahergeredet wird.

Der deutsche Prototyp für diese Konstellation ist in Wilhelm Raabes Der Hungerpastor von 1864 zu finden, ein Roman, der auch von zwei Intellektuellen handelt, von denen der eine gottergeben und wahrheitssuchend ist, der andere, der Jude, nur geschickt, gescheit und auf seinen Vorteil bedacht. Der Gute lässt sich von dem Schlechten arglos ausnützen und merkt erst spät, mit wem er es zu tun hat. Letzterer widmet sich schließlich unsauberen Spionagegeschäften in Paris, während der Christ ein arbeitsamer und liebevoller Pastor in einem armen aber naturverbundenen Provinznest wird. Der Roman, der abwechselnd von Bosheiten und Sentimentalitäten strotzt, wurde enorm populär und hat seinem Autor eine Stange Geld eingebracht.

Der gute alte Risches von 1910

Raabe, der ja, wie Du, ein bedeutender Autor war und sich nicht für einen Antisemiten hielt (so wenig wie sein Vorgänger Gustav Freytag), bedauerte zwar, was er angerichtet hatte, erfand später auch noch zur Wiedergutmachung ein paar dürftige positive jüdische Frauengestalten, aber der Text vom Hungerpastor blieb unverändert und hat viel Schaden in den Köpfen seiner Leser angerichtet. Will sagen: Wir reden hier von analysierbaren Texten. Die Selbsteinschätzung der Dichter und ihre unerforschlichen Seelen stehen auf einem anderen Blatt.

Lieber Martin, seit wir uns vor 55 Jahren kennenlernten, ist viel Wasser in den Bodensee geflossen, und nicht nur heilig-nüchternes, für Hölderlins Schwäne zum Tunken geeignetes. Damals war die große Mordwelle gerade vorbei, und Deutschland stand am Anfang der großen Gleichgültigkeitswelle. Darauf folgte die triefende-Philosemitismus-Welle. Jetzt sieht es hierzulande nach einem Rückfall aus in das, was wir Juden in der Nazizeit ironisch wehmütig "den guten alten Risches von 1910" nannten, nämlich die gemäßigte Judenverachtung weiter Bevölkerungsschichten aller Klassen, mit der sich (scheinbar) leben ließ. In Deiner Friedenspreisrede hast Du über eine Moralkeule gejammert, mit der Ungenannte Dich und andere Deutsche bedrohten. Jetzt spielst du weiter "Sieger und Besiegte", und dabei ist Dir selber unversehens die von Dir heraufbeschworene Keule in die Hände gerutscht, aber wo, bitte, steckt denn hier die Moral?

In alter Freundschaft

Ruth

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0702 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Tod eines Kritikers von Martin Walser, 2002, Suhrkamp4.)

Tod eines Kritikers.
Roman von Martin Walser (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Jochen Hörisch in der Frankfurter Rundschau, 27.6.2002:

Für den, der ein Schschscheriftstellerrr ist
Zwischen Selbstparodie und Denunziation: Martin Walsers überarbeiteter Schlüsselroman "Tod eines Kritikers"

Stellen wir uns vor, Martin Walser hätte keinen Schlüsselroman, sondern eben nur einen Roman über den Literatur- und Medienbetrieb vorgelegt; stellen wir uns vor, es gäbe das Personal schlicht nicht, auf das Walsers überdeutlicher Schlüsselroman verweist - wie erhellend, wie komplex, wie stimmig, wie stilistisch ansprechend, wie elegant komponiert wäre dann diese Prosa? Ihr nicht mehr nacherzählensbedürftiger, weil mittlerweile allgemein bekannter Plot ist von schwer zu überbietender Kolportage-Qualität: der angeblich ermordete Kritiker ist quicklebendig, er vergnügt sich, während die Nachrufe geschrieben werden, mit einer Jungautorin; der Verdächtige vergnügt sich seinerseits, nachdem er aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, mit der Verleger-Gattin; und der treue Freund des Schriftstellers, der alle Spuren des Falls rekonstruierte und dabei (man vergleiche Haslingers souveräneren Roman Opernball) Tonband-Interviews transskribiert, ist (so will es die abenteuerlich schiefe Konstruktion) mit dem verdächtigen Schriftsteller selbst identisch. "Erzähler und Erzählter sind eins. Sowieso und immer."

Walser schreibt, als wolle Walser sich selbst parodieren. Ab und an gelingt das sogar auf reizvolle Weise. So wenn die Stimme der Verlegergattin charakterisiert wird, die so stolz darauf ist, dass sie ihre Lyrik nicht im Familienbetrieb veröffentlichen muss: Julias Stimme klingt nach "Nichts als Ichkannmachenwasichwill. Nichts als Ichbinderfreiestemenschderwelt. Nichts als Ichbindiereinekraft." Ansonsten aber gibt es viele missglückte Wendungen, die einem reifen Schriftsteller nicht unterlaufen sollten. Das beginnt mit der Widmung: "Für die, die meine Kollegen sind." Sollte dergleichen Schule machen, so hätten wir bald mit einer Flut von Widmungen nach dem Schema zu rechnen: "für die, die meine Frau ist", "für die, die meine Kinder sind", "für den, der mein Lehrer ist". Auch sonst stottert diese Prosa auffallend, z. B. wenn sie in Pseudosatzform formuliert: "Die unmittelbare Hingerissenheit Hans Lachs von der Person Ehrl-König." Oder wenn sie ein neues Kapitel mit dem Satz anheben lässt: "Das paßte dazu, daß es jetzt taute."

In Walsers Roman passt der Stil zum Plot. Und beide passen zum Haupt-Motiv. Walser hat ein trauriges Stück hilfloser Medienkritik vorgelegt. Denn diese wiederholten Sätze: dass "das Fensehen alle und alles verfälscht", dass "die Medien wahrheitsimmun sind", dass "die Medien eben gegen pure Wahrheit immun sind" und dass "das Fernsehen mich krank macht" zeugen nicht eben von originellen Einsichten in den Stand der Medienkultur. Sie artikulieren nur die langweiligsten und ältesten Topoi der Medienkritik seit Platons Verwerfung des Mediums Schrift.

Der Befund ist eindeutig: Walser hätte auch dann einen schlechten Roman vorgelegt, wenn es sich nicht um einen unkontrolliert-affektgeladenen Schlüsselroman handelte. Schlechte Romane haben eben (um fast so plump zu argumentieren wie Walsers Prosa) in der späten Mediengesellschaft nur dann eine Aufmerksamkeitschance, wenn sie skandalisieren, randalieren und krakeelen. Eben dies tut Walsers Roman in entbundener Weise. Er geifert gegen den Literaturkritiker André Ehrl-König alias Marcel Reich-Ranicki und bedient dabei in einer Weise, die man nur überlesen kann, wenn man sie schamvoll übersehen will, antisemitische Ressentiments. Nicht überkritische und politisch überkorrekte Feuilletonisten haben antisemitische Untertöne in Walsers Text hineinprojeziert. Der antisemitische Grundton ist unüberhörbar und motivlich fest verankert. Heißt es bei Walser doch von den Medien: "Das Thema war jetzt, daß Hans Lach einen Juden getötet hatte."

Der jüdische Kritiker, den Hans Lach, der fast so redlich ist wie Wagners Hans Sachs, mit Mordphantasien verfolgt, hat in seinem Leben so schwer gelitten, dass dieses Leiden nur Hohn und Spott verdient. Zu den nicht wenigen einfach geschmacklosen Passagen des Romans zählt die, in denen Ehrl-König alias Reich-Ranicki sein Leiden ausstellt. "So bin ich in meinem ganzen Leben noch nie beleidigt worden, hat Ehrl-König in Stuttgart dem Veranstalter ins Gesicht gebrüllt, weil der versäumt hatte, Ehrl-König mit dem Taxi vom Hotel abzuholen, so daß Ehrl-König selber den Portier am Empfang bitten mußte, ein Taxi zu bestellen. Da beginnt man zu ahnen, was dieser Mann gelitten hat in seinem Leben." Gestrichen wurde der Satz: "Allmählich begreift man, warum es Rainer Heiner Henkel (alias Walter Jens, J.H.) so schnell gelang, ihn zu einem solchen Niedermacher und Zerfleischer auszubilden." Offenbar war auch das Lektorat der Meinung, dieser Wortgebrauch erinnere an das, was die Nazis mit Reich-Ranickis Familie gemacht haben und was sie mit ihm gemacht hätten, wenn er dem Massenmord nicht entkommen wäre. Bei Walser formuliert ausgerechnet Ehrl-Königs Frau (nicht gestrichen): "Es paßt nicht zu ihm, umgebracht zu werden." Die vielfach betrogene Frau, die selbst Lust hätte, ihren Mann zu ermorden, wiederholt diesen Satz gerne. Und Walser stellt ihm einen schauderhaften Satz zur Seite: "Daß er ermordet worden war, gibt ihm recht in allem und gegen uns alle." Man muss und soll wohl auch diesen Satz in den Plural setzen: Dass die Nazi-Deutschen die Juden massenmörderisch liquidiert haben, gibt den Juden heute recht in allem und gegen alle. Aber nein, so ja schon der Grund-Ton von Walsers Paulskirchen-Rede, wir dürfen uns durch die Dauer-Ausstellung unserer Schande nicht erpressen lassen.

Die antisemitischen Töne in Walsers Roman sind auch sonst unüberhörbar. Walsers jüdischer Literaturkritiker ist sexbesessen, überheblich, geldgierig und vom internationalen Judentum gedeckt. Martha Friday alias Susan Sontag lobt André Ehrl-König alias Marcel Reich-Ranicki dafür, dass er Philipp Roth alias Philipp Roth lobt. Drei Juden protegieren sich über Landes- und Nationalsprachgrenzen hinweg wechselseitig. Gegen ein solches mächtiges transatlantisches Kartell hat der Schriftsteller mit dem so bieder deutschen Namen Hans Lach keine Chance. Sogenannte schöne Literatur unterscheidet sich von anderen (etwa wissenschaftlichen oder journalistischen) Diskursen vor allem auch dadurch, dass sie Vieldeutigkeiten und Assoziationen nicht etwa bekämpft, sondern als ihre genuine Möglichkeit versteht. Allerdings müssen die Vieldeutigkeiten nicht so plump ausfallen wie bei Walser.

Das wirklich Absurde an Walsers Roman ist es nun aber, dass er mit seiner Kritik an der literaturkritischen Praxis von MRR einfach Recht hat - bzw. Recht hätte, wenn er sie nicht so grauenhaft mit Ressentiments und antisemitischen Affekten verstellte. Die einzige geglückte Passage in Tod eines Kritikers ist diejenige, in der Hans Lach beim Party-Talk nach der Fernsehsendung, in der Ehrl-König sein Buch verriss, aus seinem Buch vorträgt und dabei erfolgreich zeigt, wie abgründig unbegründet die eben nicht literaturkritischen Pseudo-Urteile waren.

Damit sind wir bei den vertrackten Momenten des Romans. Wenn man sich denn an Klischees halten will, so fällt doch eines auf: die Literaturkritik von MRR ist sehr, sehr "deutsch" (das an den rechtsradikalen Jargon angelehnte "doitsch" wurde im gesamten Buch getilgt). Von "jüdischer" Intellektualität, von äußerster Aufmerksamkeit für subtilste Motive, von Sinn für allegorische Vieldeutigkeiten, vom Gestus, schöne Literatur theoretisch zu illuminieren - von all diesen Tugenden, wie sie etwa Walter Benjamins unerreichte Kunst der Kritik vorgeführt hat, ist MRRs naive Art zu lesen sphärenweit geschieden. Nicht umsonst hat MRR dem Band mit den gesammelten Rezensionen Walter Benjamins eine seiner allerschlechtesten Kritiken gewidmet. Denn MRRs Kritiken sind antiintellektuell, sentimental, naiv inhaltlich gepolt, bekenntnisfreudig, urteils- und verurteilungsbereit, einem festen und schlichten Schema unerschütterlich treu verpflichtet.

Ehrl-König sieht seinen "keritischen Dienst" (da Juden, wie Walser in fröhlicher Übereinstimmung mit Möllemann-Ressentiments insinuiert, auf die religiösen Gefühle anderer keine Rücksichten nehmen) "in der Nachfolge des Nazareners: der habe gelitten für die Sünden der Menschheit, der Keritiker leide unter den Sünden der Schschscheriftstellerrr." Gäbe es nicht diesen trostlosen Affekt, so könnte Walsers Roman etwas beobachten: MRR ist kein unfehlbarer Literaturpapst - er ist der Dorfrichter Adam der deutschen Literaturkritik und in all seinen manifesten Schwächen so liebenswert wie dieser. MRR behandelt Literatur wie Adam Gesetze: kindlich-egozentrisch (Gesetze sind nur für Adam gemacht), parteiisch (Leitfrage: wer steckt dahinter), machtbewusst, willkürlich auslegend (das passt in meinen Kram, jenes nicht); und: alte Männer, die was mit jungen Frauen haben, dürfen immer mit Amnestie rechnen - dafür nimmt man jeden noch so schlechten Roman billigend in Kauf.

Kurzum: MRR ist ein schlechter Literatur-Kritiker. Und ein verehrungswürdiger, bedeutender, großzügiger, außerhalb der literarischen Sphäre unbestechlicher Zeitgenosse von bewundernswerter Präsenz und Schlagfertigkeit. Als Unterhalter, Talkshowmaster und Konversationstalent, aber auch als politisch wacher Analytiker, prinzipienfester Werteverteidiger und publikumsbezogener Pädagoge ist er schwer zu überbieten. Zu den wenig bedachten Auffälligkeiten von Walsers Roman gehört es, dass er den schlechten Kritiker MRR (bis auf die eine erwähnte Szene) gar nicht vorführt - wohl aber einen hassenswerten Juden, bei dem "das weiße Zeug, das ihm in den Mundwinkeln bleibt", von "Scheißschaum" und "Ejakulat" nicht zu unterscheiden ist. "Der ejakuliert doch durch die Goschen, wenn er sich im Dienst der deutschen Literatür aufgeilt."

Genug, es ist nicht angenehm, dergleichen nur zu zitieren. Martin Walser, der mit Ausnahme seines frühen Romans Einhorn nie zu den wirklich großen Prosaisten des 20. Jahrhunderts gehört hat, aber ein bestimmtes Niveau auch selten unterschritt, hat mit Tod eines Kritikers ein peinliches, affektgeladenes Machwerk vorgelegt. Der Autor dieses Romans ist so sehr oder so wenig ein bedeutender Schriftsteller wie Möllemann ein bedeutender Politiker ist oder Reich-Ranicki ein bedeutender Literaturkritiker.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0702 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau