Theorie der modernen Lyrik.
2 Bände von Walter Höllerer (2003, Hanser, hrsg. von Norbert Miller und Harald Hartung).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 03.01.2004:

Poetik in Fragmenten
Eine Neuausgabe von Höllerers «Theorie der modernen Lyrik»

Ob es denn richtig sei, so fragte Walter Höllerer 1965 in der Einleitung zu seiner «Theorie der modernen Lyrik», dass weniger «abgedroschene Literatur zustande käme, wenn die Schriftsteller die Tradition der Moderne, das einmal Gedachte und Gewagte mehr zur Kenntnis nähmen?» Nur kurz kokettierte er mit einer gewissen Skepsis auf seine Frage, ehe er dezidiert festhielt: Die sechzig von ihm aus dem 19. und 20. Jahrhundert zusammengetragenen poetologischen Fragmente gäben Impulse, «die in der gegenwärtigen, aktuellen Lyrik verändernd wirken können».

Damit war die eine Stossrichtung von Höllerers Unternehmung klar umrissen: Er wollte ganz entschieden auf die zeitgenössische Poesie einwirken, denn er sah sie von allen Richtungen her - doch vor allem von sich selbst - bedroht. Aus der Neigung hin zum kurzen Gedicht und der damit verbundenen Annäherung ans Verstummen als Fluchtpunkt lyrischen Sprechens hätten sich, so Höllerer, «ein zelebrierendes Darbieten einzelner Worte, ein Kostbarmachen von Bildern, ein Operieren mit leeren Flächen» herausgebildet. Gewiss, damit eröffnete Höllerer, der fast gleichzeitig mit seinen «Thesen zum langen Gedicht» Furore machte, eine von Ideologie keineswegs freie Polemik. Indessen wandte er sich mit seinen Invektiven auch gegen das «Wohlbehagen in Kleinsttätigkeit», vor allem jedoch schrieb er gegen das Erstarren der Theoriediskussion an.

Seine Textsammlung führte daher vor Augen, dass der poetologische Diskurs zum Wesenskern der Moderne und ihrer Lyrik gehört. Damit sollte hier nun der Sprung vollzogen werden von einer normativen zu einer, wie er es nannte, «selbstbeschreibenden Poetik» und damit zu einer «authentischen Form der Literaturgeschichtsdarstellung», die genau dies abzubilden vermöchte, was dieses Gespräch über die Poesie auszeichnet: dass alles immer im Fluss sei und jede Formulierung immer nur eine im Augenblick gültige Momentaufnahme. Und damit wandte sich Höllerer mit seiner «Theorie der modernen Lyrik» - die natürlich immer schon weniger und zugleich mehr als eine Theorie im strengen Wortsinn darstellte - auch gegen das von Hugo Friedrich 1956 veröffentlichte und noch lange nachwirkende Buch «Die Struktur der modernen Lyrik» (übrigens in der gleichen Taschenbuchreihe des Rowohlt-Verlags erschienen), das eine Gesamtdarstellung der modernen Lyrik versucht hatte.

Fast vierzig Jahre sind seit dem Erscheinen von Höllerers Geschichte der Poetik in Fragmenten vergangen; sie war - wie übrigens auch Enzensbergers unlängst neu aufgelegtes «Museum der modernen Poesie» - stark renovationsbedürftig. Norbert Miller und Harald Hartung haben das Werk nun neu herausgebracht und im Umfang nahezu verdoppelt. Da und dort setzten sie neue Akzente - Wilde, Cocteau und Bataille etwa wurden weggelassen, dafür weitete sich das Blickfeld ostwärts (Zwetajewa, Mandelstam) und in den angelsächsischen Raum (Shelley, Keats, Yeats, Frost, Stevens). Im Grossen und Ganzen aber blieb Höllerers Auswahl unangetastet, ebenso seine nach dem Geburtsjahr der Autoren festgelegte Reihenfolge sowie der Aufbau der einzelnen Artikel: Einem kurz gefassten Überblick zu Leben und Werk folgt eine Auswahl poetologischer Texte, darunter abgeschlossene Essays, meist jedoch Auszüge aus längeren Aufsätzen, teilweise auch aus Briefen und Aphorismen.

Indessen reicht nun die Anthologie bis ganz an die unmittelbare Gegenwart heran. Gerhard Falkner (geb. 1951), Thomas Kling (geb. 1957) und Durs Grünbein (geb. 1962) sind die jüngsten der neu aufgenommenen Autoren. Vertreten ist neu auch Walter Höllerer mit seinen «Thesen zum langen Gedicht», und er steht damit in nächster Nähe und als Stimme unter anderen neben Celans «Meridian»-Rede, in der es in Celans stockender Diktion heisst, das Gedicht zeige «eine starke Neigung zum Verstummen». «Der kritische Geist der modernen Lyrik», so schrieb Höllerer in seinem Nachwort von 1965, «stellt die Theorien immer von neuem in Frage.» Nichts könnte diese Behauptung eindrücklicher untermauern als die Gegenüberstellung von Höllerers Plädoyer für eine lyrische Beredsamkeit und Celans Exerzitien am Rande des Verstummens....Fortsetzung

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