The
Great American Novel.
Roman von Philip Roth (2000, Hanser).
Besprechung von Thomas Liehr, Homepage tomliehr:
Wer schreibt den G.A.R., den Großen Amerikanischen
Roman, oder: Wer *hat* ihn geschrieben? Melville? Faulkner? Twain? Hawthorne?
Word "Smitty" Smith, Erzähler und Autor von "The Great American
Novel", diskutiert diese Frage mit seinem Freund Ernest "Hem"
Hemingway, während der
abwechselnd Interesse daran hat, sie (also die Frage) zu klären, Segelfische zu fangen
und Smittys "Pritsche" (Euphemismus für "Torte" - "Ich weiß, es
klingt schlimmer als Torte, bedeutet aber letztendlich das gleiche."), auf den Zahn
zu fühlen. "Papa" Hem prohezeit, daß Smith den G.A.R. schreiben wird, will
aber eigentlich auch wieder nichts davon hören, rätselt, ob sein Stil kopiert wird oder
er selbst ihn geklaut hat. Im Prolog erfahren wir alles über dieses Gespräch, auch
vieles darüber, warum "Moby Dick", "Schall und Wahn",
"Huckleberry Finn" oder "Der scharlachrote Buchstabe" *nicht* den
G.A.R. repräsentieren, und ganz nebenbei auch noch, daß es sich in all diesen Büchern
*eigentlich* um Baseball dreht.
Am Ende des Prologs werden dem siebenundachtzigjährigen Word "Smitty" Smith vom
Arzt die Alliterationen verboten, weil sie ihn zu sehr aufregen. Ihm! Dem König der
Alliterationen! Alliterierend liegt er daraufhin vier Tage im Halbkoma. Anschließend
schreibt er das Buch.
Word Smith war der Sportreporter, der den Niedergang der "Patriot League"
hautnah miterlebt hat, der die Tri-City Tycoons, die Terra Incognita Rustlers, die Asylum
Keepers, die Aceldama Butchers und, allen voran, oder genaugenommen: allen hintennach, die
Ruppert Mundys jahrelang beobachtet hat, bis im Jahr 1944 der Verfall und die Zerstörung
der Patriot League nicht mehr aufzuhalten waren. Der für die legendären Spieler Luke
Gofannon und Gil Gamesh die ihnen zustehenden Plätze in der Hall of Fame einforderte.
Aber Amerika hat die Patriot League aus seiner Geschichte gestrichen, dieses unrühmliche,
peinliche Kapitel im Buch über eines der, wenn nicht *des* Sakramentes US- amerikanischer
Kultur: Des Baseballs. Was Roth in dieser fiktiven, sprachgewaltigen Chronologie
vermittelt, haut dem Pitcher die Schneidezähne aus dem Oberkiefer.
Im Jahr 1943, in der vorletzten Saison, bestehen die Port Ruppert Mundys, ihres Stadions
vorgeblich aus Kriegsgründen beraubt und als einziges Team nur mit Auswärtsspielen
beglückt, aus Spielern, die entweder uralt, taub, halbblind, paranoid, einarmig,
holzbeinig, zwergenwüchsig, vierzehnjährig oder schlafkrank sind. Die peinlichste
Mannschaft der dritten der Major Leagues fristet ihr Dasein am Ende der Tabelle, selbst im
heimischen Port Ruppert weiß kaum jemand mehr, daß es das Team überhaupt noch gibt.
Spiele gegen Irrenhausmannschaften werden zum unverhofften Triumph, dramatische, skurrile,
bizarre, obszöne, wilde Szenen ereignen sich auf dem Spielfeld, ein wahres Füllhorn an
obskuren, aber absolut glaubhaft, faszinierend erzählten Geschichten ergießt sich über
den Leser, der atemanhaltend erfährt, wie Nickname Damur beim Rennen um das Outfield
herum zwar die Tochter des Teaminhabers Frank Mazuma (auf dem Pferd) schlägt, ihr aber
eine Lähmung von der Hüfte an abwärts verpaßt, wie der legendäre Gil Gamesh einen
Baseball auf den Kehlkopf von Schiedsrichter Mike "Das Mundwerk" Masterson
abfeuert und dieser fortan mit Kreide und Tafel sein Recht fordert, wie Mundy-Supertalent
Roland Agni vom zehnjährigen jüdischen Genie Wunderfrühstücksflocken bekommt und
dieserart die Mundys zu elf Siegen in Folge verhilft - und vieles, vieles mehr.
Roth benutzt diese Erzählung um erfundene, aber absolut denkbare Ereignisse in der
amerikanischen Sportgeschichte, um ihre Helden, Verlierer, Funktionäre, Gewinnler und
Trittbrettfahrer, um kommunistische Unterwanderung, sportliche Moral, religiöse
Verflechtungen und ethische Verachtung (das Kapitel über die ersten Zwerge in der PL ist
einfach göttlich), um ein Amerika-Bild zu zeichnen, das amüsanter, direkter,
schonungsloser und satirischer kaum sein könnte. Anspielungen auf zeitgeschichtliche,
politische und soziale Tatsachen, reale Personen und fiktive Figuren, bildhafte Namen und
wilde Assoziationen werden bunt, aber ordentlich gemischt, und ergeben einen großen
amerikanischen Roman, der sich zwar vornehmlich mit Baseball zu befassen scheint, aber
sehr direkt ein Amerika-Bild entwirft, das drastisch anschaulich wirkt.
Überaus lesbar, genial geschrieben, brillant übersetzt, köstlich.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.tomliehr.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0501 LYRIKwelt © Tom Liehr