Theben.
Gedichte und Bilder von Else
Lasker-Schüler (2002, Jüdischer Verlag, hrsg. von Ricarda Dick).
Besprechung von Uta Grossmann in der Frankfurter Rundschau, 22.2.2003:
Sehnsucht der Buchstaben
Else Lasker-Schülers Künstlerbuch
"Theben" in bibliophiler Reproduktion
Theben ist eine Sprachgeburt, der Bauplatz, auf dem Else Lasker-Schüler
einige Kapitel ihres Prosawerks errichtete. Unter dem Titel Theben
erschienen 1923 Gedichte und Lithographien im Querschnitt-Verlag in Frankfurt
am Main als 24. Flechtheim-Druck. Ein luxuriös ausgestattetes Buch in einer
Auflage von 250 numerierten und signierten Exemplaren, davon 50 besonders
aufwendig gestaltet und mit handkolorierten Zeichnungen der Künstlerin
versehen. Der Jüdische Verlag im Suhrkamp Verlag macht die bibliophile Rarität
aus den zwanziger Jahren jetzt wieder zugänglich. Theben stellt zehn
Faksimiles handschriftlicher Gedichte der Jahre 1905 bis 1920 zehn kolorierten
Zeichnungen gegenüber.
Jussuf Prinz von Theben ist eine der literarischen Figuren der Prosa
Lasker-Schülers. Theben liegt im Phantasie-Reich und weckt Assoziationen zum
biblischen Ägypten, wo Joseph es als Träumedeuter vom Gefangenen zum
Kornverweser des Pharaos brachte. Auch Jussuf, die arabische Form von Joseph,
ist ein Mensch in der Fremde, verraten und verkauft, seherisch begabt und
auserwählt. In Der Malik (1919) erschafft Jussuf den phantastischen
Schauplatz seiner Herrschaft und seines späteren Freitods aus der Sprache.
Die meisten Zeichnungen des Theben-Buchs zeigen Jussuf. Er geht mit
seinem Strauß spazieren, modelliert seine Mutter oder erscheint als einer der
Freunde im Bund der wilden Juden. Die wilden Juden sind wie Theben und Jussuf
Erfindungen der Prosa Lasker-Schülers. Hebräer wie die Helden der Bibelzeit,
kämpferisch, leidenschaftlich und freundestreu. In den Zeichnungen wechseln
Jussuf und sein Volk aus der Buchstabenstadt Theben ins Nachbarreich der
bildenden Kunst.
Else Lasker-Schüler ließ Jussuf nicht nur die Schöpfungen ihrer
literarischen und zeichnerischen Phantasie bevölkern, sie erweiterte sein
Herrschaftsgebiet auch in die Welt hinein, die wir die wirkliche nennen. Bei
Lesungen trat sie als Jussuf kostümiert auf, unterschrieb Briefe mit seinem
Namen. Lasker-Schüler provozierte gern, hing in Kaffeehäusern im Berlin der
Kaiserzeit und der Weimarer Republik mit Künstlern und Intellektuellen jener
Jahre herum, deren Namen heute zur Literatur- und Kunstgeschichte gehören.
Sie grenzte sich als Jüdin ab von den bildungsbeflissenen Assimilierten und
äußerte in Briefen ihren Widerwillen gegen verwöhnte Lockendamen und fußstampfende
Feministinnen.
Die Zeichnungen entstanden vermutlich im Sommer 1922, den Lasker-Schüler in
Kolberg an der Ostsee verbrachte. Die Künstlerin, die fast immer in Geldnot
war, benutzte die Rückseiten von Telegrammformularen der deutschen Reichspost
aus Kolberg. Die Bilder und die Abschriften der Gedichte flossen aus einer,
womöglich derselben Tintenfeder. Schrift und Bild standen für Lasker-Schüler
in einem morphologischen Verhältnis. "Wie ich zum Zeichnen kam.
Wahrscheinlich so: meinen Buchstaben ging die Blüte auf", schrieb sie
1927. Schreiben und Zeichnen gehen ineinander über. "Ganz genau wie das
Laub sich nach der Blume sehnt, so zaubert die Sehnsucht meiner lebendigen
Buchstaben das Bild in allen Farben hervor." Einige Zeichnungen im Theben-Band
illustrieren die Gedichte. Manchmal scheint das Schriftbild auf der gegenüberliegenden
Seite im Medium der bildenden Kunst neue Blüten der Phantasie
hervorzutreiben. "Ich habe dasselbe fesselnde Gefühl beim Ansehn einer
interessanten Handschrift wie bei einer guten Federzeichnung oder einem Gemälde",
formulierte Lasker-Schüler 1910 in Handschrift.
Das Künstlerbuch enthält längst kanonisierte Gedichte wie Mein Volk
oder Ein alter Tibetteppich, die großartige Neudichtung der
Josephsgeschichte Joseph wird verkauft, aber auch Kitsch im
Wiegenliedton (Marië von Nazareth). Den Stellenwert der Sammlung
betont die Dichterin in Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger,
verfasst im Erscheinungsjahr 1923 des Theben-Bandes. "Mein Buch
,Theben', es ist meine Mutter, mein Vater, mein Kind, mein Bruder, meine
Schwester, meine Spielgefährtin und mein Versöhnungstag, meines Herzens
Synagoge Abendmahl." Die Liebe ist das zentrale Thema der Sammlung und
die Rechtfertigung der dichterischen Existenz. Besungen wird die Liebe des
Kindes zur Mutter und der Mutter zum Kind. Die Liebe als Seelenverwandtschaft.
Die unerwiderte Liebe. Die von Ambivalenz und Hoffnung, Zweifel und
Verzweiflung, Sehnsucht und Bitternis durchwirkte Liebe zu Gott. Die Liebe als
Beschwörung.
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