Terminifera von Michael Stavaric, 2007, Residenz1.) - 2.)

Terminifera.
Roman von Michael Stavaric (2007, Residenz).
Besprechung von Sebastian Fasthuber aus Der Standard, Wien vom 27.1.2007:

Tiere um uns
Brüchiges Eis der Normalität: Michael Stavarics neuer Roman "Terminifera"

Von der Pieke auf Alpträume." Unbeschwertheit hat Lois nie kennen gelernt. Zu einer durchschnittlichen Kindheit und Jugend fehlten ihm die Eltern, als Waisenkind ist er in einem Heim hinterm Arlberg aufgewachsen. Finster war's dort, es herrschte ein strenges Regiment. Misshandlungen des zarten Bürschchens standen auf der Tagesordnung, durch die anderen Heimkinder und durch die Erzieher.

"Ein Herz aus Stein aber, das ist schlimmer, als hätte man gar keines." Michael Stavaric trägt in seinem neuen Roman nicht zu dünn auf, aber das ist man schon von seinem Erstling Stillborn gewohnt, der vergangenes Jahr zu einem Überraschungserfolg avancierte. Da lauschte man dem atemlosen inneren Monolog einer nach außen hin schönen und erfolgreichen Frau, die sich wie eine Totgeburt fühlte. In Terminifera nun ist es ein 34-jähriger Krankenpfleger, der Gefühle und Gedanken hegt, um die ihn kein Leser beneiden wird.

Selbstgespräche

"Kein Weg führt daran vorbei, dass man ein Leben lang alleine ist." Lois ist eine Außenseiterfigur, die einem auf der Straße nie als solche auffallen würde. Im Gegenteil: Er sieht gut aus, ist schlank, ein wenig androgyn und wird sowohl von einer Oberärztin als auch einer Krankenschwester umworben. In seinen Selbstgesprächen erweist er sich aber als einer, der unfähig ist, für seine Umgebung tiefere Gefühle zu empfinden. Zumindest nicht für die menschliche.

"Wuff wuff, so ein Kluger." Zuwendung von Lois erfährt einzig sein Hund Sammy, eigentlich eine Hundedame namens Samantha. Die ist ihm irgendwann zugelaufen und geblieben. Lois schätzt sie, weil Hunde nach einfachen Regeln funktionieren, genügsam sind und Zuneigung schenken, ohne viel zu erwarten, wogegen Frauen unablässig Fragen stellen, auf die ihm keine Antworten einfallen wollen. Außerdem hält Sammy Abstand, auch da passt sie gut zu ihrem Herrl.

Gedankensprünge

"Ich erinnere mich, ein kleines Mädchen in einem Heim, das wollte ein Junge sein, gemein gemein." Es braucht einige Seiten, ehe klar wird, ob es sich bei dem Ich-Erzähler um Mann oder Frau handelt. Auch im weiteren Verlauf des Romans werden ab und zu noch vage Hinweise auf ein mögliches Zwitterdasein eingestreut. Tatsächlich dürften Lois' sexuelle Ambiguitäten auf seinen Spitznamen seit Kindertagen gründen. Den hat er wegen einer angeblichen Ähnlichkeit zu Lois Lane, Supermans Gehilfin, verpasst bekommen. Sein richtiger Name wurde dadurch ausgelöscht, zumindest nennt er ihn dem Leser nie.

"Selten genug, dass ich mich auf eine Sache wirklich konzentrieren kann." Lois schweift ständig ab, vollzieht gewagte Gedankensprünge und bereitet dem Leser nicht nur damit einige Mühen. Auch das pausenlose Wechseln zwischen Heimvergangenheit und Krankenhausgegenwart, zwischen nicht klar voneinander abgegrenzten Zeitebenen und zwischen Traum und Wirklichkeit ist nicht dazu angetan, die Lektüre zu einem Honiglecken zu machen. "Warum zum Teufel kannst du etwas nicht ganz normal erzählen, Lois, wie jeder andere auch. Damit man folgen kann." Stavaric hat eine mögliche Beschwerde des Lesers an seinem Roman in diesen eingebaut. Tatsächlich ist es aber gerade die Struktur und Erzählweise, die die Bücher des 35-jährigen gebürtigen Tschechen reizvoll machen. Stavaric hat sich nicht der neuen alten Lust am einfachen Erzählen verschrieben, er stattet seine Texte mit Ecken und Kanten aus, die ruhig auch mal weh tun dürfen.

Denkschablonen

Manchmal glaube ich, Menschen sind einfach nur Denkschablonen, zum Überstülpen, um den Schein von Normalität zu wahren, um der Sehnsucht nach Ordnung Genüge zu tun." Eben eine solche Ordnung ist Lois vor Ewigkeiten verloren gegangen, ja wahrscheinlich konnte er sich nie eine aufbauen. Sein Blick auf die Welt wirkt jedoch nur auf einen ersten flüchtigen Blick hin besonders schräg verzerrt. Sieht man einmal vom banalen Alltag ab, der vieles zudeckt, schlummert in fast jedem ein ähnliches Dämonenpotenzial wie in Lois. Und was, bitte, ist schon normal?

Superman und Spock

"Monster gibt es nicht." Mantrahaft sagt Lois sich diesen Satz immer wieder vor. In seiner Vorstellung wüten haarige Monster über die Mariahilfer Straße, Superman und Spock schalten sich ein, um ihm (mäßig hilfreiche) Superheldenratschläge zu geben. Dafür gibt es echte Tiere. Neben Sammy treten jene Wanderheuschrecken auf, die dem Buch seinen Titel gegeben haben, Spinnen werden zerdrückt, ganze Katzen verschluckt.

"Dead woman talking." Stavaric zitiert gern. Google-Einträge, Lexikon-Einträge, Filme, Songs, sogar Rezensionen von Stillborn. Letztlich zitiert er mit Terminifera auch sich selbst. Im Jahr nach dem Debüt einen Roman nachfolgen zu lassen, der diesem doch ziemlich ähnelt - die Texte entstanden parallel -, scheint eine einigermaßen riskante Veröffentlichungspolitik. Noch dazu, wo der neue Roman der sprachlich etwas weniger eindringliche und deutlich handlungs- und spannungsärmere von beiden ist.

Im Grunde muss man in seinem Leben nur reichlich Schallplatten ankaufen, das ersetzt jeden Herzschrittmacher." Sätze wie dieser sind es, die einen bei der Stange halten. Anderes wirkt übertrieben verrätselt, und es stellt sich auch nicht der unbedingte Drang ein, jedem Zitat, jeder Assoziationskette genau nachgehen zu wollen. An Stavarics Talent sei nicht gezweifelt, doch für seinen nächsten Roman wird er sich etwas einfallen lassen müssen.

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Terminifera von Michael Stavaric, 2007, Residenz2.)

Terminifera.
Roman von Michael Stavaric (2007, Residenz).
Besprechung von Karl-Markus Gauss in Neue Zürcher Zeitung vom 11.04.2007:

Schön und tot
Michael Stavarics Roman «Terminifera»

Mit seinem Romandébut hatte er im Vorjahr für Aufmerksamkeit und Irritation gesorgt. Wofür «stillborn» gelobt wurde, das ist auch im zweiten Roman reichlich vorhanden: luzide Wahrnehmungen, in denen die Grenzen von Wirklichkeit und Wahn verwischen, vertrackte Sätze, die syntaktisch oft unvollständig sind, aber ihre eigene Poesie haben. Dass am ersten Roman da und dort die Kompliziertheit der erzählerischen Struktur und ein gewisser Hang zur Verrätselung kritisiert wurden, hat den 1972 in Brno geborenen, in Wien lebenden Michael Stavaric nicht verunsichert. Auch in «Terminifera» – der Roman um einen unbehausten Helden ist nach der seltenen Spezies einer Wanderheuschrecke betitelt – schert er sich nicht im Geringsten darum, ob die Leser seinen erzählerischen Kapriolen und assoziativen Sprüngen immer folgen können. Dass man auch im neuen Roman bei der Sache bleibt, die eine dunkle ist, verrät jedenfalls, wie gekonnt Michael Stavaric in seinen poetischen Verwirrspielen zu Werke geht.

Lois ist in Vorarlberg in einem Waisenhaus aufgewachsen, jetzt lebt er, ein attraktiver Mann Mitte dreissig, den die Frauen begehren und der sich selber mitunter als Frau beschreibt, als Krankenpfleger in Wien. Er bringt seine Tage im Spital zu, einem technisch hochgerüsteten Unort unserer Tage, lebt aber zugleich in seiner Traumwelt, die von Monstern bevölkert wird. «Es gibt keine Monster», spricht er sich alle Tage eine Gewissheit zu, die alle Tage von pelzigen Ungeheuern, von Ameisen, die an der Unterminierung Wiens arbeiten, von Superman, der sich mit Ratschlägen an den Ich-Erzähler wendet, erschüttert wird.

In lauter kurzen Textblöcken zeigt Stavaric die fundamentale Entfremdung seines Helden. Der springt in seinem Lebensbericht aus der Gegenwart in die Kindheit, als ihm in der reglementierten Welt des Heimes die Verletzungen zugefügt wurden, die ihn später wie gepanzert durchs Leben gehen lassen. Dass die Bausteine des Romans recht willkürlich angeordnet sind und viele Passagen auch an ganz anderer Stelle stehen könnten, ist eine kalkulierte Nachlässigkeit der Komposition. Sie stört aber nicht so sehr, dass man an wunderlichen Beobachtungen und enigmatisch funkelnden Sätzen nicht seine Freude haben könnte.

Schärfer als den topographisch nur vage angedeuteten Schauplatz Wien, zwingender als die Anstalt in Vorarlberg, die er manchmal ein wenig raunend beschwört, hat Stavaric die berufliche Umgebung seines Helden, eines Pflegers, dem die Kranken wie die Gesunden gleichermassen fremd sind, eingefangen. Da gibt es einen Kollegen von Lois, der heimlich Röntgenbilder mitgehen lässt: «Ich bin Sammler, erzählte er mir verstohlen während der Nachtschicht. Aber nehme längst nicht alles, nur die symmetrischen Köpfe.» Ein Sammler ist auch Lois, er sammelt schlechte Erfahrungen, verstörende Augenblicke, unangenehme Erinnerungen; oder idiotische Nachrichten aus den Zeitungen wie diese: «Frühaufsteher sind in Amerika laut Statistik Organspender aus Überzeugung.»

Der Lebensgeschichte von Lois fehlt die Entwicklung, da dreht sich einer beständig im Kreis und um die kruden Ansichten, die er von der Welt hat und mit denen er diese längst verwechselt. Der schöne und gefühllose Krankenpfleger ist ähnlich beschädigt wie Elisa, die Protagonistin von «stillborn», eine erfolgreiche Maklerin, die sich gleichwohl als «totgeboren» empfand; und auch in seiner literarischen Gestaltung, mit den elliptisch verkürzten Sätzen, der assoziativen Verknüpfung, der lockeren Komposition ähnelt der zweite dem ersten Roman.

Es wird spannend sein zu sehen, welchen Weg der Autor zu gehen beabsichtigt: ob er vorzeitig einen eleganten Manierismus pflegen oder sich selbst neue ästhetische Herausforderungen stellen wird. Wie «stillborn» ist auch «Terminifera» kein schwacher, sondern ein eigenwilliger und auf seine Weise fast perfekter Roman; aber einen dritten auf die nämliche Art zu schreiben, sollte sich Stavaric, eines der grössten Talente der österreichischen Literatur, vielleicht doch versagen.

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