Taxi von Karen Duve, 2008, EichbornTaxi.
Roman von Karen Duve (2008, Eichborn).
Besprechung von Liliane Zuuring in der WAZ vom 23.5.2008:

Ich war nichts, ich konnte nichts
Die Schriftstellerin Karen Duve ("Regenroman") chauffierte einst andere Menschen, um sich über Wasser zu halten. Nun gibt es den Roman zu Duves Lebensphase, selbstredend heißt er "Taxi"

Karen Duves Unglück, sich über Jahre als Taxifahrerin verdingen zu müssen, ist des Lesers Glück: Denn sonst wäre ihr vierter Roman "Taxi" wohl nie erschienen.

Alex Herwig ist entscheidungsunfähig, stammt aus einer Spießerfamilie, die ihr nichts zutraut. Alex', der Nässe "eine Million scheußliche kleine Locken ins Haar" macht, die sich aber ansonsten ihrer Attraktivität bewusst ist, interessiert sich nur für ein Thema: Affen. Und ausgerechnet ein Schimpanse spielt letztendlich Schicksal in ihrem Leben.

Doch zum Anfang: Eher zufällig kommt Alex ans Taxifahren in Hamburg. Und wird zu Zwodoppelvier (ein Taxi mit dieser Nummer fuhr einst auch die Autorin) mit einem unglaublich schlechten Gedächtnis für Straßen. Sie erträgt die frauenfeindlichen Ansichten des Kollegen Rüdiger nur schwer, ist mit dem verkappten Künstler und Berufsgenossen Dietrich liiert, schläft aber lieber mit einem allzu rasant fahrenden Journalisten und einem kleinwüchsigen ehemaligen Schulkameraden oder - ihn bezahlt sie - mit einem Punker.

Sie mag sich weder binden noch trennen, beides ist ihr zu anstrengend. Sie ist formbar, übernimmt von Dietrich den Begriff "Dreckhecken" für Fahrgäste. Und den ungeliebten Job ("Wer kein Taxifahrer ist, ahnt ja gar nicht, wie viele Verrückte und ambulant Schizophrene frei herumlaufen") schmeißt sie auch nicht, weil ihr das Benutzen der Busspur und das Bargeld doch auch gefallen. Irgendwie geschieht alles mit ihr - und sie lässt es geschehen.

Düster, ausweglos ist die Stimmung wie schon in Duves Erstling "Regenroman". Atmosphärisch dicht beschreibt die Autorin, deren erstes Taxi-Manuskript von gut 800 Seiten vor zwei Jahrzehnten von Verlagen abgelehnt wurde, in zwei Teilen ("1984-1986" und "September 1989 bis Juni 1990") deprimierende Erlebnisse ihrer Heldin, die schrägen Fahrgäste, Gestrandete in einem Supermarkt.

Doch "Taxi" amüsiert auch, wenn Alex die Gewinnabruf-Briefe einer Lottogesellschaft zitiert. Wenn sie ihre Ansichten darlegt: Intelligenz sei möglicherweise eine zum Aussterben verdammte Schrulle der Natur, die Menschen nicht daran hindere, "Pullunder anzuziehen, die ihre Fortpflanzungschancen" minimierten. Oder wenn sie - kaum hat sie für Affen gespendet, auf Großkatzen wettert - das Artensterben gar nicht so übel findet: "Herzlichen Glückwunsch, lieber Bali-Tiger. Nie mehr Hunger, nie mehr Revierstreitigkeiten, nie mehr Parasiten, nie mehr sexuelle Frustationen, nie mehr Schmerzen, nie mehr Todesangst."

Das alles reichert Duve, die 2006 in einem Zeit-Artikel die Vorherrschaft der Feminismus-Feinde in den Feuilletons ausmachte, mit dem Kampf um Gleichberechtigung der Frauen an. Nicht aufdringlich, sondern zynisch erfrischend in Zeiten von Eva Herman.

Duves drastische, harte, kraftvolle und direkte Sprache mit Melancholieanteilen ist ihre Stärke. Sie ist es, die Duves Romane unverwechselbar macht - auch wenn sie vom dunklen "Regenroman" bis zum eher märchenhaften "Die entführte Prinzessin" alle - für Autoren eher unüblich - extrem unterschiedlich sind.

"Taxi" endet, wie es von Anfang an in guter Balance daher kam, tragisch und doch irgendwie lustig, eingeläutet durch Alex' Erkenntnis: "Ich war nichts, ich konnte nichts, und jetzt hasste mich auch noch der Schimpanse."

Wunderbar.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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