Tausend und eine Leidenschaft.
Spurensuche nach Anton Tschechow (2004, Ingo Koch Verlag, hrsg. von Volker Müller).
Besprechung von Martin Straub in der Thüringischen LandesZeitung, 19.1.2005:

Enthusiast auf Spurensuche

Zwischen 2002 und 2003 fährt Volker Müller durch Deutschland. Es ist eine Spurensuche besonderer Art, eine literarische Wanderschaft. Sie gilt Anton Pawlowitsch Tschechow, 1860 in Taganrok geboren, 1904 im schwarzwäldischen Badenweiler gestorben. "Der Dichter war einer der Leuchttürme, der Lieblinge meiner Jugend gewesen", bekennt Müller. Nun, da sich der Todestag zum 100. Mal jährt, befragte er im Vorfeld Theaterleute, Slawisten, Übersetzer, Herausgeber und Schüler.

Entstanden ist ein farbiges Buch. Darin wechseln, Skizzen, Porträts, literarische Dispute, fiktive Szenen, Tagträume und Jugenderinnerungen im Spiel von Vergangenheit und Gegenwart. Und so erprobt der Verfasser ein vielfältiges literarisches Instrumentarium. "ER" nennt Volker Müller Tschechow eingangs ehrfürchtig, den himmlischen Dichterfürsten, in dessen Dienst er tritt. Dabei bleibt er bescheiden. Er gehört nicht zu jenen Literaturkritikern, die sich mit dem Nimbus letzter Weisheit umgeben. Er ist Fragender und fleißiger Rechercheur.

Vor allem aber ist er ein Mittler und denkt an jene Leser, die nicht Tschechow-Spezialisten sind. Er teilt Inhalte von Erzählungen und Theaterstücken mit und gibt Interpretationsansätze, so dass man sich herausgefordert fühlt, erstmals oder erneut bei Tschechow nachzulesen. Manchmal wird man freilich gar zu schnell mitten in eine Diskussion gestürzt. Souveräner ist Müller, wenn es ihm gelingt, Literaturgeschichte und Leserbiografie als ein Stück Lebensgeschichte zu begreifen.

Da diskutiert er mit Slawisten, die zu DDR-Zeiten in Jena und Erfurt gelehrt haben, und spricht mit einem ihrer Nachfolger. Er besucht die Waldorf-Schule in Jena-Göschwitz, wo man gerade den "Waldschrat" inszeniert. Er ist bei Rolf-Dieter Kluge, der die berühmten Badenweiler Treffen initiiert. Badenweiler und der Geschichte des Tschechow-Denkmals ist ein interessantes und zugleich anrührendes Kapitel gewidmet. Natürlich dürfen bei Müller Greizer Episoden und erneutes Nachdenken über Ibrahim Böhme nicht fehlen. Mit Utz Rachowski spricht er über Jürgen Fuchs´ Tschechow-Lektüre.

Szenische Farce

Zweifellos sind die Ausführungen zu deutscher Verlagsgeschichte und zu den Theatern in Meiningen, Greiz und Gera von besonderem Reiz. Lesenswert die Seiten über den reußischen Erbprinzen Heinrich XLV. Er wird 1923 Chefdramaturg am Geraer Theater. Was für ein Spielplan unter seiner Leitung! Brecht, Tschechow, Friedrich Wolf, Carl Zuckmayer oder Andrè Gide. 1945 wird der Erbprinz auf Schloß Ebersdorf von Rotarmisten abgeführt. Wo und wann er umkam, weiß niemand. Bedenkenswert die sensible Einschätzung von Walter Victors Wirken in Weimar nach 1945. So entsteht eine lebendige Rezeptionsgeschichte und damit zugleich eine Polemik gegen die ideologische Indienstnahme eines dichterischen Werkes.

Müller schließt mit einer "Farce in neun Szenen". In ihr setzt er sich mit kulturbeamtlichem Zeitgeist auseinander. Es geht um Theaterfusion und um eine Tschechow-Inszenierung. Stadtrat Frost fragt: "Also von einem Russen ist das neue Stück. Hm. Ist er wenigstens ein Oppositioneller gewesen?"

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.tlz.de]

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