Tauben
fliegen auf.
Roman von Melinda Nadj Abonji
(2010, Jung und Jung).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 1.10.2010:
Melinda Nadj Abonjis unsentimentaler Familien- und Anpassungsroman „Tauben fliegen auf“: Ein kleiner Überraschungscoup unter der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, es ist ein vielseitiges Buch, ohne viel Platz dafür zu benötigen. Nebenbei bemerkt: Weiter unten finden Sie die übrigen Nominierungen.
Für den bundesdeutschen Leser hat Melinda Nadj Abonjis Roman „Tauben fliegen auf“ gleich zwei fremdartige Aspekte: Der eine ist die Herkunft der Erzählerin (und der Autorin), die aus der serbischen Vojvodina stammt und dort zur ungarischen Bevölkerung gehört. Nein, sie versteht kein Serbokroatisch.
Der andere ist die Schweiz, wo sie, ihre Schwester und ihre Eltern jetzt leben. Ildiko, so heißt sie, berichtet, wie die Eltern den Einbürgerungstest erst im zweiten Anlauf bestehen. Nein, das macht sie immer noch nicht zu Schweizern. „Die Schweizer müssen erst noch mal abstimmen über uns“, erklärt der Vater, und wer das für einen bitteren Scherz hält, weiß nichts über Schweizer Einbürgerungsgesetze. Bei der Abstimmung – jeder kennt hier jeden – gibt es auch ein paar Gegenstimmen, dann einen kleinen Tumult, weil es auch Schweizer gibt, die mit einem solchen Verfahren Probleme haben.
„Tauben fliegen auf“ – als kleiner Überraschungscoup unter den letzten sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis – ist ein vielseitiges Buch, ohne viel Platz dafür zu benötigen. Die Ich-Erzählerin ist lebhaft und ihre Geschichte konkreter und ertragreicher, als der ein wenig flaue Titel vermuten lässt. Viel Zeit zum Reflektieren hat sie nicht (nicht, dass man das vermissen würde, hier spricht alles für sich). Ildiko mag es, in Halbsätzen einen Moment treffend zu erfassen wie mit einer Kamera. Wenn die Familie den Zuschlag für ein Café feiert: „Vater, der sagt, dass es garantiert auch nicht geklappt hätte, wenn wir keine Schweizer wären!, und unser Leumund nicht topp tipp wäre, meint Mutter.“ Wenn die Gäste des Cafés abfällig über „Balkanesen“ schwadronieren, während Ildiko aus Serbien sie bedient: „Herr Pfister, der jetzt irgendwas merkt, bei Ihnen, das ist ja etwas anderes, Sie sind ja schon eingebürgert und kennen die Sitten und Gepflogenheiten unseres Landes.“ Abonji, Jahrgang 1968 und selbst als Kind in die Schweiz gekommen, lässt Ildiko vor allem aus den achtziger und neunziger Jahren berichten. Es gibt aber auch bedrückende Rückblenden ins Jugoslawien Titos, die Ildikos Erinnerungen an das Idyll ihrer frühesten Kindheit relativieren. Dass manche Schweiz-Szene übrigens fast exotischer wirkt, ist die Ironie der Rezeption: Geschichten aus dem Totalitarismus sind uns vertrauter als Geschichten aus der direkten Demokratie.
Zwischen Fleiß und Fatalismus
Die Familie Kocsis, um die es hier geht, sucht in der Gegenwart des Romans die Balance zwischen Fleiß und Fatalismus. Zu Beginn des Buches können die Eltern das kleine Café übernehmen. Am Ende ist Ildiko ausgezogen in eine winzige Wohnung in unmöglicher Lage, und doch geht davon Optimismus aus. Auch von einer liebevollen Familie muss man sich wohl befreien. Dazwischen zeigt sich der Einzelne als Spielball des Kollektivs. Unter Tito droht ihm das Arbeitslager. In der Schweiz muss er sich als „Schissusländer“ beschimpfen lassen. Während in der Heimat ein neuer Krieg angefangen hat und von den Verwandten über Wochen jede Nachricht fehlt, wissen im Café mit dem weltläufigen Namen Mondial alle genau Bescheid. „Der Balkan ist eine einzige Krise, Herr Tognoni bestellt ein grosses Frühstück ohne Konfitüre, dafür mit Drei-Minuten-Ei, der Balkan ist aber keine Einheit …“. Unterdessen gilt es, gewaltige Mengen von Milchschaum herzustellen. Das sind Dinge, die sich schwer miteinander in Verbindung bringen lassen. Ildiko ist aber daran gewöhnt.
Vom „halbierten Leben“ spricht sie und meint ihr Rüschenblusen-Dasein im Café und die rare Freizeit, die sie gerne mit ihrer Schwester in der Alternativen-Szene der nahen Stadt verbringt. Dabei ist bereits eine Hälfte in der Vojvodina geblieben. Die Schärfe der Trennung wird Ildiko klar, als sie überlegt, dass keiner ihrer jugoslawischen Verwandten im Mondial arbeiten könnte. Allein ihre Zähne sind viel zu schlecht. „Die Schweizer sind so was nicht gewohnt.“
„Tauben fliegen auf“ ist eine teils ergreifende, jedenfalls nie sentimentale Familiengeschichte, aber ebenso ein Roman über die Anpassungsfähigkeit des Menschen. „Obwohl ich im Inserat ,Schweizerinnen bevorzugt‘ geschrieben habe, haben sich ausschliesslich Ausländerinnen gemeldet (ich, die es geschrieben habe, denke an uns, an die Familie Kocsis, was es bedeutet, wenn wir Schweizerinnen bevorzugen. Nichts. Es bedeutet nichts, es ist einfach so, sagte ich mir.)“ Ildiko ist in Eile. Der Leser aber soll und wird darüber ins Nachdenken geraten, und so weit weg ist die Schweiz nun wieder nicht.
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