Tattoogeschichten.
Prosa von Edo Popović (
2011, Voland & Quist - Übertragung Alida Bremer, mit Illustrationen von Igor Hofbauer).
Besprechung von Franz Haas in Neue Zürcher Zeitung vom 28.1.2012:

Sex und Suff und noch viel mehr
«Tattoogeschichten» von Edo Popović

Auf welche Art ein «schwuler Pudel» einen ehemaligen Alkoholiker nach missglücktem Sex mit dem Frauchen in schwere Bedrängnis bringt, das wird hier nicht verraten – ein schauriges Lachen über den Pechvogel sei allen gegönnt. Von Edo Popović (geb. 1957) gibt es bereits vier Bücher auf Deutsch, aber nur in diesen neuen «Tattoogeschichten» sind Illustrationen von Igor Hofbauer, die daraus auch ein witzig-düsteres Bilderbuch in Schwarz-Weiss machen. Zum Beispiel: Auf einem Schlafzimmerboden liegt ein toter Pudel, zwei verdutzte Polizisten stehen vor ihm, ein belämmerter Mann sitzt auf dem Riesenbett, eine leicht bekleidete Frau rauft sich die Haare. Den Rest der Geschichte muss man lesen in der schnoddrig-präzisen Sprache von Popović oder in der wendigen Übersetzung von Alida Bremer.

Es geht in diesem Buch um Suff und Sex, aber auch noch um viel mehr. Popović «gilt als Kroatiens Stimme der Verlierer der gesellschaftlichen Transformation», so wirbt der Verlag – und das ist keine hohle Propaganda. In vielen dieser Geschichten ist der Autor selbst als Ich-Erzähler am Werk (und auf den Zeichnungen erkennbar), wo er sich mit Selbstironie an die durchzechten Nächte erinnert, an die Gespräche «darüber, was für geniale Schriftsteller wir doch seien».

Doch nicht immer ist dieses Ich so keck, gerade wenn es um Sex geht, um «ein trauriges Kondom mit Millionen enttäuschter Spermien». Da erscheint auf einer Zeichnung von Igor Hofbauer der mild lächelnde Geist des offenbar bewunderten Charles Bukowski, und der Erzähler gibt sympathisch zerknirscht zu: «wenn ich schreibe bin ich eine Null im Bett».

Andererseits nimmt Edo Popović auch den Mund nicht zu voll angesichts der postjugoslawischen Tragödie und gesteht: «Unser Mut blieb im literarischen Rahmen.» Auf Auslandsreisen überkommt ihn slawische Schwermut oder ein plötzlicher Liebeswunsch, der von einer Frau an der Hotelbar mit einem schallenden «Für hundert Euro, mein Schatz» gestoppt wird. Denn die Welt kann nicht nur in Kroatien grässlich sein.

Die schönsten dieser Geschichten sind diejenigen, die mit eleganter und munterer Traurigkeit von den «Betonvierteln» Zagrebs erzählen, von dem nörgelnden Paar beim Sonnenbräunen auf dem Balkon, das sich dann nachts «alte Fotos vom Meer» ansieht. Oder von den zwei Freunden auf dem Flohmarkt neben einem riesigen Müllberg, der ihnen ihr Programm nicht verderben wird: «Ćevapčići essen, Bier trinken, Tito-Anstecknadeln kaufen.» Oder von jenen drei Männern, die sich seit Jahren jeden Samstag im Café auf einem Markt treffen; doch die schöne Routine wird nun gestört, weil diesmal Frau Fanika mit ihrem «winzigen Pinscher» nicht auftaucht, wie sonst immer; das bringt das ganze Universum der Marktleute durcheinander, und der letzte Zipfel der Erzählung windet sich in ergreifend stummer Ungewissheit.

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