Tatarenhochzeit.
Prosa von Sarah
Kirsch (2003, DVA).
Besprechung von Julia
Schoch in freitag
vom 11.4.2003:
Überall riecht es nach Holunder
ZAUBERHAFTE ESSENZ.
In ihren jüngsten Büchern sucht Sarah Kirsch
das menschliche Gegengewicht
Sarah Kirschs zuletzt erschienene Bücher präsentieren,
jedes für sich, noch einmal die Vielfalt ihres Themenuniversums, das nicht nur
norddeutsches Landleben oder das Unterwegs-Sein an fremden Küsten, sondern auch
die Reflexion auf Vergangenes umfasst. Und gerade dort, wo die Autorin auf Zurückliegendes
sinnt und alte Erinnerungen hervorholt, wird auch der aus den Augen verlorene
Mensch wiedergefunden.
Der 2001 publizierte Band Schwanenliebe bietet dem Untertitel Zeilen
und Wunder entsprechend kurze Gedichte. Es sind rasch aufleuchtende Verse,
die vor freundschaftlichem, noch immer fasziniertem Schauen und der Bewunderung
für die natürlichen Dinge, das Sich-Regen der Landschaft, gleich wieder enden,
als entrisse der Mensch mit einem allzu arrangierenden Griff den jeweiligen
Vorgang der Welt und zerstörte ihn so. Kirsch schreibt die Wunder nur ab von
der Natur, zuweilen so knapp, dass die Autorin hinter manchem Ereignis verloren
geht: »Enttarnt/ Eine Pflaume fällt/ Welch ein Getöse.« Glückliche
Beobachtungen: »Die schwarze Kuh mit den/ Pferdeohren trägt die/ Sonne auf dem
Rücken.« Ist das sichere Rückzugsgebiet Natur zumeist menschenleer, mischt
sich doch gelegentlich ein Ich in die scheinbare Idylle hinein. Die
Aufmerksamkeit geht dann nicht mehr ausschließlich auf die Dinge, Tiere und
Pflanzen und die Freiheit, mit ihnen zu leben: »Seit du fort bist/ Bin ich in
einem/ Verödeten Haus mit/ Spinnen und Fliegen/ Stürzen die Rosenblätter.«
Es sind diese Verse, denen man nachspüren muss. Verse, in denen das Natürlich-Wunderbare
unterbrochen wird vom Menschen, der anderen Gesetzen folgt. Denn zum fast schon
unverbindlichen Ton vieler anderer wie hingewehter Zeilen bilden sie ein
wohltuendes Gegengewicht.
Noch deutlicher wird dies in den lyrischen Prosabüchern: Islandhoch
(2002) und Tatarenhochzeit (2003). Manchmal schnodderig, mit dem
bekannten Hang zum Verdrehen und Neufinden von Wörtern nach eigenen
Rechtschreibgesetzen plaudert Kirsch im Reisejournal Islandhoch von
einer Fahrt, die sie im 1992er Sommer mit ihrem literarisierten Sohn »Max«
(eigentlich Moritz) in den kühlen Norden unternimmt. Da gehts bergrauf und
bergrunter, zu Fuß und uffm Pferderücken, zwischendurch wird allerlei Kraut
bestimmt, Spaghetti gekocht und Geschichten der Einheimischen gelauscht. Wo über
den Aquarellen der Autorin in den Tagebruchstücken Bewohner und
Passagiere auf Schiffen oder an Land beobachtet werden, wird´s bunt und
aufregend, alles bekommt Kontur. Anders als die Natur, die zwar Schutz ist und
Einverständnis, aber ohne Widerpart auch nur der übrigbleibende Raum, drückt
das Gewicht Mensch den Stift der Dichterin tiefer ins Papier.
Man wird Kirsch vermutlich kaum als Zufallslektüre lesen, sondern immer im
Zusammenhang, mit Blick auf das Gesamtwerk und also: das Leben der Autorin. Nur
so funktioniert die Selbstverständlichkeit, mit der Kirsch auch in Tatarenhochzeit
Namen und Orte einstreut wie Kiesel, denen der Leser durch einen bekannten
Kosmos folgt. Denn mit ihrem neuesten Büchlein führt die Autorin den Leser
noch einmal zurück ins Ostberlin der siebziger Jahre, als die DDR-Künstler
nach Empfängen wieder in ihre Hochhauswohnungen - aus denen »nie ein Salong
wird« - zurückwanderten, man den heißen Mecklenburger Sommer in »Christas
Haus« verbrachte und »Sohn Max« den Dichterfürsten Franz (Fühmann)
unterm Esstisch knebelte. Bilder, Landschaften und Eindrücke, die man bereits
aus frühen Gedichtbänden wie Rückenwind (1976) kennt. Jetzt, so spät
aus der Erinnerungstruhe hervorgeholt, entsteht mit Tatarenhochzeit noch
einmal, was die besten Gedichte Kirschs ausmachte. Nicht grundlos: die Bedrängung
und der trotzig-heitere Rückzug aus der engen Heimat DDR bilden ein schönes
Paar, das in der Gegenwart nicht mehr zu haben ist, oder eben höchstens, indem
ein alter Text, alte Eindrücke noch einmal arrangiert werden. Regenloser Sommer
zwischen Plattenbauten. Gleich ist wieder eine glückliche Übereinstimmung da,
man folgt der Autorin.
Mit einemmal ist das Worterfinden nicht mehr bloße Lyrik-Spielerei, sondern hat
in dieser frühen Welt einen Widerstands- und Kritiksinn, wenn zum Beispiel aus
Schriftstellerverband Schriftstellerbande oder Schriftversteller wird. Auch die
Naturbeschreibungen in Tatarenhochzeit sind anders als bei manchen
Pflanzen- und Tierbeobachtungen in Schwanenliebe keine bloßen
Impressionen, sondern mehr ein Aufblicken aus einer Beengung, aus einem Hadern
mit der gesellschaftlichen Welt: Ȇberall riecht es nach Holunder, selbst in
dieser Steinwüste noch«. Und die Unterhaltung mit einem mecklenburgischen
Schaf auf einer Wiese ist nicht pastoral betulich, sondern Ausdruck eines
Unbehagens »du siehst eine vor dir, die eingeschlafene Füße hat und es satt!
Ich bin so angetüdert wie du!« So bekommt der Blick in die Landschaftsvorgänge
hier fast einen politischen Sinn, bedeutet er doch gleichzeitig ein Abwenden vom
korrumpierten Leben im staatlichen Raum.
Ein anderer Ausdruck für diese Haltung ist das Aufschreiben des Privaten mit
seinen Kleinigkeiten, das nicht bloß die Abwesenheit von »großen Fragen der
Menschheit« ist, sondern eine Verteidigung der eigenen Person mit ihrem
menschlichen Maß gegen eine bedrohliche, aus Phrasen zusammengesetzte Umwelt.
Dieses Eigene ist sinnlich erfahrbar und damit zugleich auch sinnhafter für das
Ich bei Kirsch. So wird das unerträgliche Eingeschlossensein im Land nicht mit
großen Gesten begründet, sondern ist einfach die unerfüllte Sehnsucht der
Liebenden nach Ypsilon, der draußen wohnt: »DENICHLIEBE sieht mich ja nicht«,
heißt es, als sie sich in modische Kleidung wirft. »Wir trennen uns, weil wir
ne Mauer zwischen uns haben oder ne Freundin von ihm«, so klein und so groß
sind die Verzweiflungsgründe. Also: »Wie soll das weitergehen mit mir und dem
Arbeiterland.«
Ein Kindheitsgefühl überkommt einen beim Lesen: dass alles, auch das Bedrängende,
einer Ordnung folgt. Weil Kirschs Sprache aus dem Banalen eine zauberhafte
Essenz destilliert, machen die fein gewobenen Skizzen, dass man fast sehnsüchtig
wird nach dieser Zeit der Reglementierung und der Unwägbarkeiten. Die Schikanen
des Alltäglichen scheinen in diesen schön-künstlichen Tagebuchvignetten wie
ein fröhlicher Sinn: Papiere werden fürs internationale Ausland gebraucht,
Moskau antwortet wie immer zu spät, während neue Häuser auf der Fischerinsel
hochgezogen werden und das Rote Rathaus elfmal klappert, die Dichter zwischen
Ahrenshoop und Petzow hin und herreisen, um »irdische Texte gutgearbeitete
Hoffnungstaue sichere Höhlen fürs Fußvolk« zu machen. Dies alles ist
inzwischen so vollständig verschwunden und zugleich in der erinnernden
Imagination gegenwärtig wie Mythen oder die Sage um den russischen Fürst Igor,
der in den Kampf gegen ein benachbartes Volk zieht und scheitert. Das Märchen,
das die Autorin für ein Sagenbuch übersetzt, wird gleich mitgeliefert, so
verschränken sich das Leben eines Sommers und die dabei entstandene Arbeit.
Vielleicht, so muss man annehmen, hat der Leser es mit zwei Märchen zu tun.
Angeordnet auf einem langen Zeitstrahlstativ, das die Dichterin mit poetischer
Hand zusammenschiebt.
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