Dein Gesicht
morgen. 2 Tanz und Traum
Roman von Javier
Marías (2006, Klett-Cotta - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Hildegard
Lorenz im Münchner
Merkur, 13.3.2006:
Abends zu
viert in der Disco
Javier Marías' Roman "Tanz und
Traum"
"Das Leben ist nicht erzählbar . . . und es ist höchst merkwürdig, dass die Menschen sämtlicher Jahrhunderte, die uns bekannt sind, damit zugebracht haben . . ." Mit solchen Worten thematisiert Javier Marías in seinem neuesten Buch "Tanz und Traum" eines seiner Hauptmotive: die Unmöglichkeit des Erzählens.
Nach "Fieber und Lanze" ist "Tanz
und Traum" der zweite Teil seiner Trilogie "Dein Gesicht morgen".
Sie spielt im Milieu des britischen Geheimdienstes. Wer nun aber Spannung und
Action à la James Bond erwartet, wird bitter enttäuscht. Marías erzählt fast
nichts - wenigstens keine klare Geschichte. Die Hauptfigur, der Ich-Erzähler,
hat die Gabe, das Gesicht seines Gegenübers in der Zukunft zu sehen und zu
wissen, ob er loyal sein oder Verrat üben wird. Leider spielt dieses besondere
Talent des Helden im zweiten Teil der Trilogie aber keine tragende Rolle.
Wie schon der erste Teil so arbeitet auch der zweite mit einer gewaltigen
Zeitdehnung. Erzählt wird die Geschichte eines Abends zu viert in der Disco.
Der Ich-Erzähler Jacobo oder Jago oder Jack oder Jacomo oder auch Jaime Deza
arbeitet im Auftrag seines Chefs Tupra, der an diesem Abend Reresby genannt
werden will. Beide führen ein italienisches Ehepaar zum Essen und Tanzen aus.
Vielleicht stammt dieses aus dem Vatikanstaat, vielleicht aber auch aus
Süditalien. Während der Ich-Erzähler die Ehefrau Flavia unterhalten und
ablenken soll, will Tupra/Reresby mit ihrem Mann Geschäfte machen oder ihn zur
Preisgabe einer Information bewegen. Als ein Freund des Ich-Erzählers der
schönen Flavia unanständige Avancen macht, wird er von Tupra/Reresby auf der
Behindertentoilette des Lokals zur Räson gebracht. Das heißt, erst mit Kokain
abgefüllt, dann nach allen Regeln der Kunst zusammengeschlagen und mit dem
Schwert bedroht.
Geschwätziges Buch über Zeit, Gewalt und Angst
Diese simple Geschichte nimmt bei Marías einen Raum von über 400 Seiten ein.
Das bedeutet, die Story ist nicht in sich geschlossen. Sie wird an manchen
Punkten wiederholt, neu aufgenommen, aus einer anderen Perspektive erzählt oder
variiert. Und sie wird immer wieder durchbrochen von Reflexionen über Sprache,
Geschichte und Literatur. Marías folgt seiner assoziativen Erzählweise: Für
ihn ist der Tod des britischen Dramatikers Christopher Marlowe ebenso ein stets
gegenwärtiges Zeichen für Gewalt und Angst wie für seinen Chef Tupra der Fall
Konstantinopels im Jahr 1453. Immer wieder verbindet sich somit die
Vergangenheit mit der Erzählgegenwart, für die der Roman drei wichtige Themen
anbietet: die Zeit, die Gewalt und die Angst. Dazu kommt die Unsicherheit des
Erzählens. Das beginnt mit der schwankenden Identität der Hauptfiguren und
ihrer Namensvielfalt, und es endet bei einer völligen Unsicherheit des
Erzählten, denn ob Flavias Verehrer am Ende doch noch ermordet worden ist, wird
erst der dritte Teil der Trilogie zeigen.
Das Ganze ist ein sehr geschwätziges Buch. Marías ist verliebt in die Sprache,
in den Klang der Worte und in die Assoziationen und Gedankenfluten, die diese
mit sich bringen. So enthält der Roman wenig Struktur, viele Wiederholungen und
verliert seine melodische Klangschönheit ein wenig in der deutschen
Übersetzung.
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