Tanzstunde auf See von Rolf Haufs, 2010, HanserTanzstunde auf See.
Gedichte von Rolf Haufs (2010,
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser).
Besprechung von
Martin Lüdtke aus Frankfurter Rundschau, vom 31.12.2010:

Nebel kommt auf Katzenfüßen
Er spricht mit leiser Stimme - aber vernehmlich. Heute wird der Dichter Rolf Haufs 75 Jahre alt und schenkt uns zum Geburtstag eine „Tanzstunde auf See“.

Ein Dichter. Ein Bote aus vergangener Zeit, der mitten in unserer Gegenwart steht. Einer, der mit leiser Stimme, aber vernehmlich spricht. Kein Prophet, sondern ein Zeitgenosse, der mit historischem Bewusstsein in die Zukunft blickt. Bei ihm gibt es kein Raunen, seine Gedichte sind nie dunkel gewesen, aber immer rätselhaft geblieben.

Rolf Haufs hat mit seinem Band „Die Geschwindigkeit eines einzigen Tages“, der 1976 erschienen ist, schwer Furore gemacht. Im Nachklang von 1968 wurde das Wort „Dichter“ noch immer gern als Schimpfwort genutzt. Haufs hat damals mit seinen Gedichten den Alltag für die Lyrik erschlossen, orientiert an einer Devise von Walter Höllerer, in einem Gedicht habe alles Platz. Am bekanntesten wurde, Anfang der achtziger Jahre, seine Sammlung „Juniabschied“. Damit machte er durchaus Schule, aber, wie es immer seine Art geblieben ist, kein Aufhebens. Er hält bis heute seine Gedichte frei von Effekten, Pointen und, zumal, von Botschaften und Meinungen. Seine Gedichte, auch und gerade die neuen „Tanzstunde auf See“ lassen stets ihre autobiografische Grundierung erkennen, dazu oft einen surrealistischen Einschlag. „Nebel kommt sagt Sandburg / Auf Katzenfüßen“. Er ist vielleicht der große Unbekannte unter unseren gegenwärtigen Dichter, aber sicher einer der bedeutendsten.

Bei Haufs wird das Leben zur Literatur und das Ich zu einem Spiegel, in dem sich die gegenwärtige Welt reflektiert. Manchmal sogar in einem, allerdings nur scheinbar unmittelbarem Verständnis. Wenn er zum Beispiel seine Freundin einfach auf die Straße schickt: „Kerstin Hensel läuft über die Schönhauser Allee“, dann wird auch in solchen Versen der Stoff, die private Begebenheit transformiert. Frau Hensel erkundigt sich nach der „Jahreszeit“, die „Leute“ lachen über „französische Dessous“, trinken „einen Kaffee“ und die Allee öffnet sich zu einem (kleinen) Universum. Der neue Band ist als Triptychon aufgebaut, drei Bilderfolgen, die sich allerdings an keiner Chronologie orientieren und auch nicht thematisch gegliedert sind, nur immer wieder drei Grundmotive anklingen lassen.

Kranken(haus)geschichten. „Es riecht komisch sind es die verwesten Körperteile oder / Kommt der Geruch aus der Küche / Der Zivi sagt da müssen wir durch“.

Kindheits- und Jugenderinnerungen. „Während draußen die Artillerie / Ihre Zielrohre einstellte fiel Jesus / Von der Wand er verlor ein Bein / Das die Familie in stundenlanger Bastelarbeit / Aus Wachs und mit Kleber / Wieder anpappen wollte /Doch Jesus wehrte sich“.

Bilder gegenwärtiger Erfahrung. „Sind wir in Kapstadt oder noch in / Wilmersdorf. Bald knallen die Kastanien / Leute aus Afrika fegen Laub / Langsam damit die Arbeit nicht ausgeht“.

Rolf Haufs wurde am 31. Dezember 1935 in Düsseldorf geboren. Seit 1960 lebt er in Berlin. Die Bilder des Rheinlands sind geblieben. „Als Junge reiste ich mit dem Personenzug / Ich sah mit großen Entzücken auf eine Landschaft / Die die meine war / Die Züge waren oft überfüllt / So dass ich / Auf dem Trittbrett überlebte“. Geblieben ist auch etwas von dem, bei ihm melancholisch getränkten Frohsinn, den man Rheinländern nachsagt, zumindest in Form des allerdings oft schwarzen Humors. „Andererseits stinken Sie nicht“.

Rolf Haufs wuchs in einer Zeit auf, die noch vom 19. Jahrhundert geprägt war. „Meine Großmutter hatte zwölf weibliche Geschwister.“ Er erlebte als Kind die letzten nationalsozialistischen Jahre, den Zweiten Weltkrieg, die Zerstörung, das Elend, der Jugendliche dann den Wiederaufbau, die Restauration der fünfziger Jahre. „Dampfende Lokomotiven damals /Begann das sogenannte Leben“.

So überspannt sein Erfahrungshorizont drei Jahrhunderte. Er kennt wie kaum ein anderer die literarische Tradition, aber er hält sich an den Alltag, seine persönlichen Erfahrungen. Die Tiefe seiner Gedichte erschließt sich von der Oberfläche her.

Am heutigen Freitag wird Rolf Haufs fünfundsiebzig Jahre alt. Wir gratulieren ihm, grüßen einen großen Dichter und wünschen uns, dass er noch lange weiter schreibt.

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