Tanz mit dem
Schafsmann.
Roman
von Haruki
Murakami
(2002, DuMont - Übertragung Sabine Mangold).
Besprechung von Ludger Lütkehaus in DIE
ZEIT, 14/2002:
Die Innenseite des Terrors
Haruki Murakami kämpft mit Schafen und
berichtet vom Anschlag auf die Untergrundbahn in Tokyo
Ein Autor, der es mit Schafen und mit glorios schönen Frauenohren hat - die nähere Verbindung lassen wir im Dunkeln. In Haruki Murakamis Roman Wilde Schafsjagd, 1982 auf Japanisch, 1991 auf Deutsch erschienen, macht sich der von einer Geheimorganisation erpresste Ich-Erzähler im hohen japanischen Norden auf die Suche nach einem Schaf. Dessen tiefere Bedeutung wird trotz seiner symbolischen Trächtigkeit auch nach 306 Seiten nicht unbedingt klar, soll das auch gar nicht. Genug, dass der Leser sich immer mal wieder an den Ohren der Geliebten des Erzählers erfreuen kann, die sie sonst nur den Werbefotografen und ihren Intimfreunden zeigt. Den doppelten Fetischismus für Schaf und Ohr - im Griechischen dasselbe Wort - müsste ein Psychiater wohl auf den Namen Oisophilie taufen.
Jetzt, in Murakamis Roman Tanz mit dem Schafsmann, 1988 in Japan erschienen, treibt sich der nomadisierende Ich-Erzähler, Verfasser von journalistischen Gebrauchstexten, wieder auf Hokkaido herum. In den dunklen Hinterwelten eines modernen Hotelkomplexes begegnet er einem alten Schafsmann, der ihm suggestiv das Tanzen in einem sonst wenig dazu einladenden Leben empfiehlt.
Die tiefere Bedeutung des Schafsmannes ist nach 461 Seiten, auf denen auch ein Callgirl-Krimi, mehrere Liebes- und Freundschaftsgeschichten nebst einigen Ausflügen in die Medienindustrie und den kulturellen Spätkapitalismus Platz finden, immerhin etwas klarer: Irgendwie scheint alles mit der Initiation in die Wirklichkeit und der Stiftung wahrer Beziehungen zwischen den Menschen zu tun zu haben. Aber allzu deutlich soll das alles wieder nicht sein. Im Schafsmann wie in der Schafsjagd kommt es auf die Verbindung von Thrillerrealismus mit sur- oder sousrealistischer Fantastik an. Auf die schönen Ohren eines begehrten Callgirls ist hier freilich nur bedingt Verlass. Wie weitere weibliche Attraktionen des Romans fällt ihre Besitzerin einem Mord zum Opfer.
Die Wilde Schafsjagd ist vor, der Schafsmann zwischen den beiden Romanen erschienen, die Haruki Murakami auch hierzulande bekannt gemacht haben: Naokos Lächeln und Gefährliche Geliebte. Dieses chronologische Potpourri, das weit zurückliegende und jüngere Texte wie Kraut und Rüben mischt, macht es nicht eben einfacher, präzisere Eindrücke von einem Autor zu gewinnen, der ein Proteus ist.
Murakami hat viele Gesichter. Wie etliche seiner Figuren ist er schwer zu identifizieren. Seine Ich-Erzähler sind unauffällig, unaufdringlich, aber von einer abgründigen Normalität, die die Unter- und Hinterwelten sucht. Literaturtechnisch gesehen kann er fast alles. Konstant allein, dass er einem entschieden zeitgenössischen Lebensgefühl Eingang in den japanischen Gegenwartsroman verschafft, das vom Ästhetizismus Yasunari Kawabatas, aber auch dem ästhetisierten Faschismus Yukio Mishimas gleich weit entfernt ist wie von dem Humanismus Yasushi Inoues oder dem sozialkritischen Engagement Kenzaburo Oes.
Oe hat Murakami vorgeworfen, dass er sich widerstandslos der kommerzialisierten Popkultur unterworfen habe, "um seine innere imaginäre Welt aus sich herauszuspinnen, als lauschte er einer Hintergrundsmusik". Von dem, was man im Westen gern für typisch japanisch hält, ist bei Murakami bis auf die allgegenwärtige Melancholietradition jedenfalls kaum noch etwas zu spüren. Stattdessen prägt die Cola-Culture das Bild, das Endlosband der Popmusik die akustische Szene. Die Kommerzialisierung der visuellen Kultur Japans trifft sich mit dem unaufhaltsamen Aufstieg eines synthetischen Muzak-Mix zum primären Medium.
Anziehende Bockigkeit
Das Proteushafte an Murakami macht das literaturkritische Urteil über sein Werk schwierig. Naokos Lächeln und Gefährliche Geliebte haben überwiegend Zustimmung gefunden, mit einigem Recht. Freilich verdankt sich Murakamis Ruhm hierzulande (mindestens ebenso sehr wie der Ruhm dieser beiden Liebesromane) zwei Kontroversen, mit denen er selber eher indirekt zu tun hat: der heftigen, mit Sigrid Löfflers Ausscheiden aus dem Literarischen Quartett beendeten Debatte über das "hirnerweichende Vögeln" und ähnlich schöne Dinge in seinen Liebesromanen; in Verbindung damit dem Streit über die Legitimität von Sekundärübersetzungen aus dem Englischen mit ihren unvermeidlichen Vergröberungen. Darüber muss man sich nun nicht mehr streiten: Seit Naokos Lächeln wird Murakami direkt aus dem Japanischen übersetzt.
Umso deutlicher die problematischen Aspekte, die von den im Ganzen eher atypischen Liebesromanen überdeckt worden sind. Wie bei den beiden Monsterromanen Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt und Mister Aufziehvogel folgt Murakami auch im Tanz mit dem Schafsmann seiner Neigung zu einem gesuchten "Misterioso", dessen ästhetischer Mehrwert nur schwer zu entdecken ist. Der bemühten Verrätselung durch das Krause und Wirre korrespondieren ziemlich platte Symbolismen. Zumal die Rahmenhandlung des Romans leidet darunter.
Gewiss, Murakamis lakonisch-cooler Realismus, seine Fähigkeiten zur knappen Schilderung von Personen, Beziehungen, Verhältnissen kommen ihm auch hier nicht abhanden. Fulminant etwa das Porträt einer Dreizehnjährigen, die weder Kind noch Lolita ist, sondern einfach ihrer anziehenden Direktheit und Bockigkeit wegen in Erinnerung bleibt. Aber in der Großform, zu welcher der Novellistiker Murakami sich öfters ohne Not zwingt, will er leider partout auf mehr hinaus. Und das tut dem Roman nicht gut.
Ein Ereignis ist demgegenüber Murakamis gleichzeitig erschienener Untergrundkrieg. Wieder begegnet man einem ganz anderen Murakami, diesmal aber einem, der sich, behutsam und zugleich engagiert, auf höchst verantwortliche Weise mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität Japans auseinander setzt.
1997 und 1998, wenige Jahre nach dem heimtückischen Giftgasanschlag von Aum Shinrikyo, der Sekte Shoko Asaharas, auf die Tokyoter Untergrundbahn am 20. März 1995, bei dem zwölf Menschen durch das einst von Deutschen entwickelte Sarin starben und Tausende zum Teil schwer verletzt wurden, hat Murakami seine Interviews mit Überlebenden des Anschlags, mit Angehörigen der Opfer und Mitgliedern der Sekte in zwei Bänden publiziert. Diese Interviews werden jetzt in der deutschen Ausgabe mit dem Untertitel Der Anschlag von Tokyo zusammengefasst.
Das Buch beeindruckt durch seine Einfühlsamkeit. Weitgehend suggestionsfrei, erfüllt von einem seltenen Respekt vor den direkt oder indirekt Betroffenen, lässt es die Interviewten zu Wort kommen. Dass Murakami ein hoch begabter Beobachter und sensibler Registrator ist, wird hier noch deutlicher als sonst. Aber es kommt ein spürbares Mitgefühl hinzu.
Tierliebe und Menschenhass
Den Anstoß des Buches hat Murakami ein Leserbrief gegeben, in dem die Frau eines Anschlagopfers von der skandalösen Brutalität einer Gesellschaft berichtete, die, wie schon nach Hiroshima und Nagasaki, Leidtragende gern als Verlierer exkommuniziert - auf dass der noch einmal getreten werde, den das Schicksal, als Karma oder wie auch immer ideologisiert, schon geschlagen hat. Berührend dagegen die Loyalität unter den Opfern, die eiserne, nötigenfalls suizidale Pflichterfüllung der Bahnbeamten, aber auch die Beispiele einer Zivilcourage, von der das auf den obligatorischen japanischen "Dulder" fixierte Klischee nichts weiß. Murakami lässt den durch die Katastrophe zwangskollektivierten Individuen ihr Gesicht.
Frappierender noch die Genauigkeit, mit der Murakami, ohne die Grenzen zu verwischen, die Täter - durchweg Akademiker mit gesteigertem Rationalisierungspotenzial - porträtiert und den Sektenmitgliedern, ehemaligen oder noch "treuen", zuhört. Der klassischen Falle jeder Antiterrorkoalition, der Teilung der Gesellschaft in Hüben und Drüben, "wir" und "sie", erliegt Murakami nicht. Eindrücklicher, als es jede Analyse von außen könnte, zeichnet sich bei ihm das Bild einer Sekte, die aus der Kälte und Leere der Gesellschaft ihr spirituelles und emotionales Kapital schlägt, um sie an Brutalität noch zu überbieten.
Alles, was man bisher von autoritären Heilsorganisationen zu wissen glaubte, wird hier zum Exzess getrieben: die rigide Hierarchie, bei Aum sogar mit der Einrichtung eines der Politik abgesehenen Schattenkabinetts für den Fall der Machtübernahme; der bedingungslose Guruzentrismus, mit "Personenkult" viel zu moderat bezeichnet; ein System kategorischer Befehle und absoluten Gehorsams; "erzieherische" Maßnahmen vom demütigenden Erwerb von "Verdiensten" bis zur Gehirnwäsche und Folter im Falle eines noch nicht gebrochenen Eigenwillens; die Synthese von Tierliebe und Menschenhass; die Kapitalisierung des Heils; die Verbindung von ökonomischer und sexueller Ausbeutung; die obligate Eschatologie, die Lebenszeit und Endzeit gleichschaltet; die strenge Trennung zwischen dem Reich des Guten und dem Reich des Bösen, auf dass man sich auf der richtigen, der Siegerseite finde, wenn es zum apokalyptischen Finale kommt - und alles unter dem Heiligenschein einer eklektischen religiösen Ideologie, die sich mit einer wirren Wissenschaft und dem kalkulierten Einsatz einer destruktiven Technologie verbindet.
Der Terror eines islamistischen, hinduistischen oder auch christlichen Fundamentalismus mutet demgegenüber vergleichsweise schlicht an. Aber Interviews von der Innenseite des Terrors, zumal solche wie die Murakamis, stehen hier noch aus. Ein vielgesichtiger Romancier von sehr unterschiedlicher Qualität hat zusammen mit denjenigen, denen er zuhört, ein großes Buch geschrieben.
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