Tante
Semra im Leberkäseland.
Roman von Lale Akgün (2008,
Krüger).
Besprechung von Anna Schneider aus den Nürnberger
Nachrichten vom 25.05.2009:
Aus dem Leben von
Otto Normalmuslim
Lale
Akgün las aus ihrem Roman «Tante Semra im Leberkäseland«
Wie sieht der Alltag einer türkischstämmigen Familie in
Deutschland aus? Lale Akgün, Islambeauftragte der SPD-Fraktion, hat einen
Familien-Roman geschrieben. Darin erhebt sie für Migranten vor allem den
Anspruch auf Normalität. Unterstützt von Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) las
Akgün im Literaturhaus.
Lale Akgün ist nicht an einem Obststand am Hauptmarkt zu finden, sie putzt nicht
in der U-Bahn und ihre Eltern verkaufen auch keinen Döner. Es sind genau solche
Stereotypen, die uns entlarven. Doch Lale Akgün ist Abgeordnete im deutschen
Bundestag. Mit ihrem autobiographischen Roman «Tante Semra im Leberkäseland«
will sie eben diese tief verankerten Stereotypen aufbrechen.
Geschichten öffnen das Herz
«Ich glaube mit dem Erzählen von Geschichten kommen wir uns gegenseitig viel
näher«, sagt Akgün bei ihrer Lesung im ausverkauften Literaturhaus. Das Thema
sei lange genug ernst behandelt worden, auf einer abstrakt-globalen Ebene.
Geschichten aber, das weiß sie, öffnen das Herz.
Vielleicht ist es der leicht selbst-ironische Unterton von Akgüns Geschichten,
der dafür sorgt, dass man sich Lales Familie vom ersten Satz an verbunden fühlt.
Bei Familie Akgün geht es nie langweilig zu. Dafür sorgen die
unterschiedlichsten Familiencharaktere, die alle einfach herrlich menschlich
sind. Im Zentrum stehen der sozialistisch angehauchte Vater, ein Zahnarzt, und
die vornehme Mutter, Mathematikerin und überzeugte Kemalistin (Anhängerin des
ersten Präsidenten der Republik Türkei, Mustafa Kemal Atatürk). Immer mittendrin
ist Tante Semra, die gläubige Muslima, die bei der Auslegung religiöser
Vorschriften mehr als nur findig ist.
Leberkäse besteht aus Leber und Käse
Akgün hat die Lacher im vorwiegend deutschen Publikum auf ihrer Seite: Tante
Semras Leberkäse-Definition, nicht Schweinefleisch, sondern, wie der Name sagt,
aus Leber und Käse, rührt. Eine Heim-Weinprobe trägt Züge von
Loriots berühmter Famile Hoppenstedt und so mancher muss sich wohl im typisch deutschen Nachbarn
wiedererkennen.
Akgüns Geschichten erzählen aus dem Leben einer Familie, die nicht streng
gläubig lebt, aber doch zu den drei Millionen türkischstämmigen Bürgern
Deutschlands gehört. Ihre Botschaft ist simpel: «Die Türken gibt es so
wenig wie die Deutschen.« Lale Akgün vermeidet den erhobenen Zeigefinger,
doch ist ihr Buch nicht unpolitisch. Sie will das einseitige Bild von Migranten
in Deutschland durch ein differenzierteres ersetzen. Von der Politik wünscht sie
sich Normalität, von den Migranten selbst mehr Offenheit und von den Deutschen
einfach Neugier.
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