Talschluss von Olga Flor, Zsolnay, 20051.) - 4.)

Talschluss.
Roman von Olga Flor (2005, Zsolnay).
Besprechung von Daniela Strigl aus Der Standard, Wien vom 26.3.2005:

Feindliche Übernahme des Geistes
Olga Flors gelungener Roman über den inneren Zerfall einer Familie: "Talschluss"

Vor mehr als vierzig Jahren hat Marlen Haushofer mit ihrem Roman Die Wand gezeigt, wie man eine weibliche Robinsonade als Parabel der Existenz ebenso wie als Gegenentwurf zur Ordnung der Wirtschaftswunderknaben erzählen kann. Auch Olga Flors neues Buch steckt den Claim in der Einschicht ab: Hier ist es eine Familie, die auf der Alm eine Auszeit vom Stadtleben nimmt, es passiert zwar keine Katastrophe, aber es bricht eine Rinderkrankheit aus und lässt die Protagonisten im Talschluss festsitzen."Endlich was Existenzielles", meint einer und denkt an Jagen und Pilzesammeln.

Hinter der Existenzanalyse im Gefolge einer durch die Natur verursachten Betriebsstörung steckt wiederum mehr: Ins Gewand eines psychologisch feingewirkten Familienromans hat Olga Flor eine radikale Kritik unserer Warenwelt gekleidet. Die Frau, die hier erzählt, gehört nicht zur Familie, aber doch fast. Grete, die Großmutter, hat sie gebeten, die Feier zu ihrem 60. Geburtstag zu organisieren; schließlich ist Katharina "Eventmanagerin" von Beruf, außerdem war sie einmal mit Gretes Sohn Thomas zusammen. Mit professioneller Akribie verwandelt sie das gemietete Bauernhaus in die Kopie eines seit Generationen vererbten Familiensitzes: Authentizität aus zweiter Hand. Katharina wird dafür bezahlt, maßgeschneiderte Lösungen zu liefern, aber hier verlangt sie nur Spesenersatz. Sie ist eine, deren ganze Energie in die Aufrechterhaltung der Fassade fließt, während die Substanz schon bröckelt. Sich selbst nimmt sie geradezu zwanghaft durch die Augen der anderen wahr, die sie ihrerseits ständig beobachtet, analysiert, bewertet. Sich keine Blöße zu geben, alles im Griff zu haben, nicht zuletzt sich selbst, ist ihr oberstes Ziel: "ich lächle immer, ich hoffe, dass mein Lächeln für mich spricht".

Mit Glück hat dieses Lächeln nichts zu tun, diese Frau scheint schon alles hinter sich zu haben: "Bald bin ich 35. Was denkst du, wie viel Zeit ich da schon hatte, jung zu sein, ich übe es seit zwanzig Jahren". Das sagt sie zu einem, der andeutet, sie wäre zu alt für das Verhältnis mit einem jungen Burschen, der mit von der Partie ist, nur ein bisschen Sex fürs Gemüt, wie sie sich einredet. Von Thomas, dem Exfreund, geht keine Gefahr mehr aus, fürchten muss sie sich nur vor den Kühen, eine Angst, der nachzugeben sie sich natürlich nicht gestattet.

Katharinas eigentlicher Widerpart ist Grete, eine ähnliche patente Frau, von deren unerschütterlichem Frohsinn und penetrant positiver Lebenseinstellung die Jüngere sich freilich unter Druck gesetzt fühlt. Grete hält psychotherapeutische Kurse, die ihre Klienten mit jener Welt versöhnen sollen, die ihr Gatte Ernst, Personalchef auf dem absteigenden Ast, mit sachlicher Brutalität erschafft. So arbeiten die Leute, die keine Arbeit mehr haben, wenigstens an sich selbst. Katharina sieht Grete als Mutter Courage, eine Kollaborateurin wie sie selbst: "Wir ziehen unsere Leiterwägen durch den freien Markt. Die feindliche Übernahme des Geistes durch die Maxime der wirtschaftlichen Verwertbarkeit hinterlässt eine Leere, in die wir vorstoßen können". Dann wäre der Feind nicht die Natur, nicht Tod und Verfall, gegen die alle hier ankämpfen, sondern das ökonomische Prinzip, in dessen Namen sie das tun?

So deutlich wird die Botschaft in diesem Buch selten formuliert. Auch im Licht der Ironie erscheinen Flors Figuren nicht als Karikaturen. Die Ich-Erzählerin erzählt nicht, sie nimmt wahr: Der Text steht fast durchgehend im Präsens, er folgt dem klassischen Bewusstseinsfluss. Mäandernd in Beobachtungen, Gedanken, Dialogen, zieht er auch den widerstrebenden Leser hinein in den allzu ordentlich aufgeräumten Hirnkasten einer ziemlich anstrengenden Person. Nicht ein Tag wird hier durchleuchtet, sondern ein Wochenende, der Höhepunkt, das sechsgängige Festmahl am zweiten Abend, wird kapitelweise zelebriert, vom Avocado-Birnen-Dialog bis zum Käse. Flors Sprache widmet sich dem Banalen wie dem Erhabenen mit derselben tückischen Sorgfalt, irgendetwas droht zwischen Zeilen, es ist nicht das Wolfsfell, das im Vorraum hängt, auch nicht die Rinderseuche, die allen den Genuss der unpasteurisierten Butter vergällt - man kann dem Buch ankreiden, dass das äußere Bedrohungsszenario der aufgebauten Spannung nicht adäquat ist: Man stirbt nun einmal nicht an Maul- und Klauenseuche.

Anders als in ihrem Debüt Erlkönig konzentriert Olga Flor sich hier auf den inneren Zerfall einer Familie, einer Marketenderin des freien Marktes, und das ist beklemmend genug. Der Talschluss wird zur Sackgasse, in die sich eine Gesellschaft begeben hat. So sieht, im besten Fall, eine Literatur aus, die Sand ins postideologisch funktionierende Räderwerk des Kapitalismus streut.

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Talschluss von Olga Flor, Zsolnay, 20052.)

Talschluss.
Roman von Olga Flor (2005, Zsolnay).
Besprechung von Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 21.04.2005:

Am Ende, nicht am Ziel
Olga Flors Zeitroman «Talschluss»

Man fürchte sich nicht. Wenn die Elementarkatastrophen der österreichischen Literatur in Olga Flors neuem Roman «Talschluss» noch einmal ihr Werk tun, dann nur als Schatten ihrer selbst. Friedlich grasen die Kühe, und es ist kein existenzielles Siechtum, das die Heimat befällt, sondern ein veterinärmedizinisches Problem.

Olga Flor, die vor drei Jahren mit ihrem fein gesponnenen Roman «Erlkönig» debütierte, schickt in ihrem neuen Buch eine Familie ans Ende der Welt. Im hintersten Winkel eines kleinen Seitentales trifft man sich, um den 60. Geburtstag der Mutter zu feiern. Das Klaustrophobe, das solche Zusammenkünfte ohnehin haben können, wird noch durch den Umstand verschärft, dass unter den ringsum weidenden Kühen eine Seuche ausbricht - Abreise nicht möglich. Man isst, man trinkt und gibt sich heiter, doch in Olga Flors Mikrosoziologie ist nicht nur die Landschaft am Ende. Da sitzen sie für drei Tage beisammen, ein Abriss der Gesellschaft - dauerbelastete Powermütter, Esoteriktanten und ein fitnessbewusstes mittleres Management.

Man wird Olga Flors Roman nicht anders lesen können, als einen subtilen und bisweilen satirischen Kommentar zu den Zuständen der Welt, einer tiefgreifend ökonomisierten Welt wohlgemerkt. Längst vergangen die Zeiten, als der Knick im Leben noch als private Midlife-Crisis auftrat. Eine ubiquitäre Ökonomie sorgt auch für das globalisierte Auftreten der Krisen - im Guten wie im Schlechten. Unter all den wankenden Karrieren der versammelten Familienmitglieder prosperiert das Geschäft der ich-erzählenden Event-Managerin, die das Fest mitsamt der kunstvollen Natur der angemieteten Almhütte organisiert. Und auch die Unternehmungen der feiernden Mutter laufen bestens. «Wir ziehen unsere Leiterwägen durch den freien Markt», sind sich beide einig. «Die feindliche Übernahme des Geistes durch die Maxime der wirtschaftlichen Verwertbarkeit hinterlässt eine Leere, in die wir vorstossen können.»

Als Selbsterfahrungspsychologin ist die Mutter mit ihren Kursen höchst erfolgreich. Die Jubilarin, die mit dem Namen Grete umfassend benannt ist, bildet das behäbige Gravitationszentrum in Olga Flors Roman. Nichts wird dem Leser vom Konversationsstoff erspart, der in esoterisch-alternativen Zirkeln zu haben ist. Gewürzt wird das Gerede vom «kosmischen Bewusstsein» dank dem anwesenden Personalchef noch mit dem Jargon der Wirtschaft. In den Gesprächen von Flors erfundener Familie mündet jeder analytische Versuch in der Paralyse. Die Figuren reden sich um Kopf und Kragen. Die Ich-Erzählerin tut das auf besonders ergreifende Weise. Auch darin zeigt sich grosse Kunst. Stockend vor Selbstbeherrschung, der Sehnsucht in einer schnellen sexuellen Affäre und in einer minuziösen Liebe zur Natur erliegend, steht sie zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen imperativen Anforderungsprofilen und dem umfassenden Scheitern. Es geschieht nicht viel in diesem Roman, der gerade einmal drei Tage aus dem Leben einer Familie schildert. Und doch ist die Gemächlichkeit, mit der die im Präsens erzählten Geschehnisse ablaufen, nur die Tarnung einer Hölle. Mit wacher Intelligenz und präziser Sprache nimmt Olga Flor noch die feinsten Schwingungen einer umfassenden gesellschaftlichen Krise auf. Das Reiseziel Erfüllung wird in «Talschluss» nicht erreicht, da mag sich die tückisch schöne Landschaft des Romans noch so sehr ins Zeug legen.

Olga Flor ist dabei, sich mit grossem Können in die erste Reihe der österreichischen Literatur zu schreiben. Auch deren Embleme hat sie in ihrem Roman nicht vergessen. Mühelos wird auf Traditionen angespielt. Wer aus der heimischen Literatur einen existenzialistischen Ton kennt, der wird in «Talschluss» ein Ende dieses transzendentalen Schreckens erkennen. Hier ist die Angst privatisiert. Die Wolfshaut, in Hans Leberts gleichnamigem Roman noch ein Fanal, hängt bei Olga Flor schon in dekorativer Unschuld an der Hüttenwand. Die Schriftstellerin spielt in ihrem Roman mit solchen Bezügen. «Immer habe ich diese Vorstellung, dass ich am Rand meiner Routen irgendwann auf von unwirtlicher Witterung freigelegte Leichenteile stossen müsste», heisst es einmal im Roman. Die unwirtliche Witterung, bei der sich andere österreichische Schriftsteller erst richtig erwärmen, gibt es in «Talschluss» nur noch als ironisches Zitat. Wenn die Bergkämme aus Olga Flors detailversessener und poetischer Prosa leuchten, dann wird die dahinter liegende Freiheit nicht parabelhaft überhöht, sondern zur schlichten Sehnsucht. Zur Sehnsucht in Zeiten einer kippenden Ökologie. Die Berge allerdings, «die Berge sind ungerührt».

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Talschluss von Olga Flor, Zsolnay, 20053.)

Talschluss.
Roman von Olga Flor (2005, Zsolnay).
Besprechung von Wolfgang Kühn in DUM - Das alternative Magazin:

DAS SCHWEIGEN IST MIR MEIN
LIEBSTES WERKZEUG

Solche und ähnlich schöne Sätze finden sich in Olga Flors zweiten Roman „Talschluß“. Schweigen gleichbedeutend mit Idylle gleichbedeutend mit Ruhe. Wahrscheinlich ist es nicht so sehr die Handlung des Buches, die –  obwohl neu – sich nicht unbekannt und unerwartet anpirscht, sondern vielmehr der Duktus der Florschen Sprache, die obwohl zumeist verschlüsselt, doch leicht und angenehm zu lesen ist.
Die Katastrophe, auf die sich die Handlung hin zuspitzt, bleibt aus, auch das macht den Roman sympathisch, ohne Höhepunkte bleibt er dennoch nicht, das mindert etwaige Enttäuschungen.
Olga Flors Psychogramm einer vielfach gescheiterten Familie ist eine Vielzahl facettenreicher, farbenfroher Sittengemälde, in denen mit allzu grellen Farben gespart wird. Wir lesen uns durch die knapp hundertsiebzig Seiten wie wir uns durch die Bilder einer Ausstellung sehen, verweilen oft, betrachten, bewegen uns aber dennoch steten Schrittes dem Ausgang zu, weil wir auf das letzte Bild, die letzte Seite gieren.
Olga Flors „Sittengemälde in Worten“ ist eines der meistbeachtetsten Bücher einer jüngeren Autorin (Geburtsjahr 1968), die in diesem Jahr veröffentlicht wurden, und das hat durchaus seine Berechtigung!

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Talschluss von Olga Flor, Zsolnay, 20054.)

Talschluss.
Roman von Olga Flor (2005, Zsolnay).
Besprechung von Harald Klauhs aus Rezensionen-online *LuK*, 2005:

Feindliche Übernahme / Olga Flor seziert das moderne Leben.
Eine schrecklich nette Familie. Sauber und ordentlich. Höflich und sittsam.

Gebildet und erfolgreich. Eine österreichische Musterfamilie. Zur Feier des 60. Geburtstags der Patriarchin Grete organisiert die seit langem mit der Familie befreundete Event-Managerin Katharina ein paar Tage auf einer Almhütte. Mit allem Pipapo: Eine Spedition bringt die richtigen Möbel, eine Haushälterin sorgt für die richtigen Speisen und Getränke, sogar an ein Kurzzeitabonnement für die richtige Zeitung hat sie gedacht. Eine wohlgeordnete Welt in ungetrübter Natur. (Wären da nicht die Kühe.)

Zu Beginn von Olga Flors Roman "Talschluss" steht Grete schon in der Tür, als Katharina eintrifft, und weist ihr einen Parkplatz zu. Grete hat stets alles im Griff. Ihren Mann Ernst hat sie zum Manager in der Automobilzulieferungsindustrie werden lassen, zwei Kinder, Thomas und Sabine, hat sie großgezogen, und sich dann, als die außer Haus waren, einer neuen Herausforderung gestellt, hat Psychokurse besucht, danach selbst Seminare abgehalten und schließlich ein eigenes Institut gegründet, um "mein Wissen wandern zu lassen, dass es Wurzeln schlägt und Früchte trägt, sich wandelt und neue Gestalt annimmt". Grete ist in eins mit sich und der Natur. (Wären da nicht die Kuhfladen.)

Anders Katharina, die Nachbarstochter, die einst mit Thomas liiert war. Sie hat Angst vor Kühen. Nach einem Begrüßungstee beschließen die Frauen, noch einen Spaziergang zum kleinen Almsee an diesem Spätsommerabend zu machen. Dazu müssen sie entweder den Umweg über die Forststraße nehmen oder das Weideland durchqueren, auf dem Jungrinder grasen. Grete steuert natürlich geradewegs auf die Weide zu und Katharina trottet ihr nach, weil sie sich keine Blöße geben will. Wie gut, sagt sie nur, dass die Tiere nicht wissen, "wie schwer sie sind, wie leicht wir, wie leicht man so etwas wie uns einfach wegräumen könnte". Für sie ist die Natur unberechenbar. (Es kommt ihnen kein Rindvieh in die Quere.)

Als die Frauen von ihrem Spaziergang zurückkehren, sehen sie vor dem Tor auf der Forststraße einen Wagen stehen, aus dem Thomas, dessen Stiefsohn Artur und zwei seiner Freunde steigen. Statt seiner Frau Gudrun hat Thomas überraschenderweise die drei jungen Männer mitgebracht, weil die ein Konzert in der Nähe besuchen wollen. Artur ist Geiger, kahl geschoren und hat ein Piercing an der Zungenspitze. Das verleiht ihm, im Gegensatz zum fitnessstudiogestählten Thomas, etwas Wildes, Raubtierhaftes. "Wir finden schon einen Platz" für die unerwarteten Gäste, meint Grete mit Blick auf Katharina, die für einen reibungslosen Ablauf verantwortlich ist. Doch es gibt neben dem Haus ohnehin noch einen Schuppen, in dem drei Räume eingebaut worden sind, "eine holzgestützte Jenseitskonstruktion, das Innere eines Schiffsbugs". Es ist eine Art umgedrehte Arche Naoh, in die sich Artur dann zum Üben zurückzieht. Als ihn Katharina dort sucht, um im Auftrag Gretes die drei Freunde zum Essen einzuladen, hört sie seine Musik aus dem Schuppen. Ganz allein spielt Artur in dem finsteren Raum. Katharina setzt sich, lauscht ergriffen und vermutet in den Winkeln des Raumes "Nester organischen Materials" wie Vogelkot oder Spinnweben sowie Fledermäuse. Später am Abend treffen noch Ernst, Sabine und deren Kinder ein. (Die Rinder grasen friedlich vor dem Haus.)

Die Almhütte als Labor des modernen Lebens, in dem alles fengshuimäßig eingerichtet ist, der Heuschober als kirchenschiffähnliches Refugium der Kunst und der Natur. Olga Flor findet eindringliche Bilder, mit denen sie uns vor Augen führt, wie gut sich Wirtschaft und Esoterik vertragen, ja geradezu bedingen, und Kunst und Natur ins Abseits drängen. Ernst und Grete, ein Paar wie aus McKinseys Musterbuch: Er sorgt mit Leistungsbereitschaft ("Wer was erreichen will, muss hart zu sich sein") und Konsumismus ("Ausrüstungsfetischismus" nennt das Katharina) für jene Sicherheit, die das Leben beherrschbar aussehen lässt. Sie sorgt mit Esoterik-Sprüchen ("Lass dich ein auf das, was du tust, geh auf in jeder noch so kleinen Tätigkeit") dafür, ausgepowerte Manager wieder fit für die Firma zu machen (und sie den Verfall ihres Körpers und den Tod vergessen zu lassen). Und beide kassieren dabei kräftig.

Mit Katharina und Artur gibt es jedoch eine Art Gegenpaar. Die Event-Managerin hat ihn nämlich längst satt, den Robinson-Crusoe-Event von Neckermann, sie hat genug vom Abenteuer im Wasserglas. Sie organisiert sich deshalb einen echten, einen erotischen Event - mit ungewissem Ausgang. Sie verführt den um zirka zehn Jahre jüngeren Artur. Denn mit ihm bricht die nicht planbare Kunst und die ungezügelte Vitalität in das kontrollierte und gestylte Paradies ein. Und dann platzt auch noch der Gummi und sie liegt in einem kleinen Samensee - und genießt das, selbst dann noch, als ihr bewusst wird, dass sie nun schwanger sein könnte.

Dem Einbruch des Lebens geht allerdings der Einbruch des Todes voraus. Wir sind längst in der Früh des nächsten Tages, als Katharina die Zeitung vom Gatter holt und irgendetwas von "Verdacht auf Maul- und Klauenseuche" liest. Man schenkt der Meldung erst einmal keine Beachtung. Erst später, als Ernst den Nachbarn trifft und der etwas von Viehseuche faselt, von der auch die hiesigen Tiere infiziert sein könnten, wird's ernst. Alle sind inzwischen durch die Weide gestapft und möglicherweise in eine der vielen Kuhfladen getreten. "Endlich was Existenzielles", sagt später einer von Arturs Freunden. Doch als Worte wie Seuchenteppich und "Nicht-mehr-raus Kommen" fallen, wird Grete allmählich (kontrolliert natürlich) nervös und fordert Katharinas Krisenmanagement.

"Talschluss" war längst fertig, als der Tsunami Tod und Verderben in die südostasiatischen Urlaubsparadiese brachte. Der plötzliche Einbruch der Natur in eine scheinbar sichere Welt ist jedoch auch ein Thema dieses Romans. Wobei die 1968 in Wien geborene Autorin den Roman dialektisch und vieschichtig angelegt hat: Natur und Zivilisation, Kunst und Technik, Religion und Wirtschaft, Freiheit und Sicherheit, all diese Begriffe stehen hier in einem Spannungsverhältnis. Und sehr stimmig sind all diesen Begriffen Personen und Symbole zugeordnet. So wackelt etwa die Kleiderpuppe, auf der Gretes teurer Kimono hängt, als Katharina sich unter das an der Wand hängende Wolfsfell setzt, um auf Artur zu warten.

Mit naturwissenschaftlicher Präzision beschreibt die ausgebildete Physikerin "die feindliche Übernahme des Geistes durch die Maxime der wirtschaftlichen Verwertbarkeit", schildert sie die Unmöglichkeit, sich der Diktatur der Optimisten und Jasager zu entziehen. Olga Flor hat sich seit ihren ersten Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften zur Chefanalytikerin der Zurichtungen des Privatlebens durch die wirtschaftlichen Verhältnisse entwickelt. 2001 erhielt sie den Alfred-Döblin-Preis, im Jahr 2003 folgte, nach dem viel-, wenn auch erst spät vom deutschen Feuilleton beachteten Debütroman "Erlkönig" (2002), der Reinhard-Priessnitz-Preis. Erst kürzlich wurde der in Graz ansässigen Autorin nun der Otto-Stoessl-Preis zuerkannt. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen in den neuen Roman.

Erzählt wird aus der Perspektive Katharinas. Vieles spielt sich in ihrem Kopf ab und wird (wie auch ein paar Gedanken anderer Figuren) oft in Klammern neben jene Worte gesetzt, die sie tatsächlich sagt. Auf diese Weise verschränkt Olga Flor einerseits die äußere mit der inneren Wirklichkeit und macht andererseits die Differenz der beiden Welten deutlich.

Und Katharinas Situation ist die unsere, die der westlichen Welt: Wir sind in gewisser Weise am Talschluss angelangt und feiern dort eine riesen Party. Draußen jedoch wartet der Tsunami, die verseuchten Kühe oder sonst etwas. Der Rest spielt sich zwischen Feiern und Fürchten, nicht mehr rauszukommen, ab.

Gibt es einen Ausweg? Die bürgerliche Wohlanständigkeit hat am Ende ein paar Risse bekommen, aber sonst bleibt alles in Schwebe. In der zweiten Nacht stehlen sich Artur und Katharina heimlich in ihre Arche. Ein anarchischer Akt in dieser "brave new world". Als Katharina am Morgen des dritten Tages aufwacht, hört sie den dumpfen Laut eines Rinds. Sie steht auf, geht zum Waschbecken, um Zähne zu putzen. Plötzlich hört sie ein Schmatzen - hinter ihr steht der riesenhafte Leib einer Kuh. Der Weg ins Freie ist verstellt. Doch sie fürchtet sich nicht mehr.

"Wie erbärmlich, dass der ganze selbstbestimmte Suchende an diesem obszön sterblichen Körper hängt", heißt es einmal. Und wie schön, dass der Literaturbetrieb immer noch Autorinnen hervorbringt, welche die klassischen Tugenden der Literatur, nämlich uns mit ästhetischen Mitteln etwas bewusst zu machen, so beherrschen wie Olga Flor.

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