Talk Talkvon T.C. Boyle, 2006, Hanser1.) - 2.)

Talk Talk.
Roman von T. C. Boyle (2006, Hanser - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Fitzgerald Kusz in den Nürnberger Nachrichten vom 14.8.2006:

Dem Dieb auf der Spur
T. C. Boyles neueste Lese-Droge heißt „Talk Talk“

„Page-turner“ sind randvoll mit Spannung gefüllte Bücher, die süchtig machen, denen man - Seite für Seite - bis zum bitteren Ende schutzlos ausgeliefert ist, „page-turner“ sind Lese-Drogen. Der amerikanische Kult-Autor T.C. (Coraghessan) Boyle ist vielleicht im Moment der größte Spezialist für diese Art von energiegeladener Belletristik.

Es begann mit „Wassermusik“ (1982), es folgten unter anderem die Romane „World´s End“ (1987). „América“ (1995) und „Drop City“ (2003). „Dr. Sex“ (2005), der „historische“ Roman über den Sexforscher Alfred Kinsey, passt als einziger nicht in dieses Raster.

Jetzt hat die lebende Schreibfabrik T.C. Boyle schon wieder zugeschlagen: Seine neueste Lesedroge heißt „Talk Talk“. Der Geschwätzigkeit suggerierende Titel ist in Wirklichkeit ein Begriff aus der Gebärdensprache der Gehörlosen. Die knapp 30 Jahre alte, attraktive gehörlose Protagonistin Dr. Dana Halter wird, als sie ein Stoppschild überfährt, von der Polizei in Untersuchungshaft genommen.

Kafkaesker Einstieg

Doch die Delikte, derer man sie bezichtigt, haben damit nichts zu tun. Man klagt sie wegen Autodiebstahls, Drogenmissbrauchs und wegen Angriffs mit einer tödlichen Waffe an. Sie ist auf einmal „schuldlos schuldig“, ein geradezu kafkaesker Einstieg in die Handlung. Es stellt sich heraus, daß Dana Opfer eines Identitätsdiebs geworden ist, der sich ihrer Kreditkarte bemächtigt und Schecks auf ihren Namen ausgestellt hat.

Als sie nach einigen für sie extrem demütigenden Tagen das Gefängnis wieder verlassen darf, hat sie nur noch ein Bestreben: Sie will sich an diesem Mann, der ihre Identität gestohlen hat, rächen. Die Rache wird von da an zum Motor der Handlung.

Dana und ihr um ein paar Jahre jüngerer Freund Bridger Martin - er arbeitet für eine Computeranimations-Firma, die Science-Fiction-Trash-Filme produziert - verfolgen den Identitätsdieb in einem furiosen „road-movie“ von Kalifornien bis Peterskill bei New York. Bridger vergöttert Dana so sehr, dass er die Gebärdensprache erlernt hat.

„Talk Talk“ benutzt die Gut-und-Böse-Schablone, wie wir sie aus den Comics kennen, und dreht sie um. Der Böse ist nicht nur böse und die Guten sind nicht nur gut. Der „bad guy“, der Identitätsdieb Peck William nämlich, ein den schönen Dingen des Lebens zugetaner Lebemann, wird gegen Ende des Romans immer sympathischer. Seine Fallhöhe könnte nicht dramatischer sein.

Er verliert sein tolles Haus, seine kaufsüchtige schicke Freundin Natalia aus den GUS-Staaten, seinen mit fremdem Geld erworbenen Luxus und landet sprichwörtlich im Dreck. Er muss wieder bei Null anfangen und sich erneut eine Identität zusammenstehlen und neue Kreditkarten plündern.

Der Showdown

Der finale Showdown zwischen der Protagonistin Dana und dem Antagonisten Peck geht aus wie das Hornberger Schießen. Mehr sei hier nicht verraten. Die raffiniert konstruierte Handlung ist das Herzstück eines „page-turners“. Ohne sie würde das ganze Gefüge zusammenbrechen wie ein Kartenhaus.

„Talk Talk“ gehört nicht unbedingt zu den stärksten Büchern T.C. Boyles. Aber eine spannende Lektüre für ein verregnetes Wochenende ist es allemal.

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Talk Talkvon T.C. Boyle, 2006, Hanser2.)

Talk Talk.
Roman von T. C. Boyle (2006, Hanser - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 5.9.2006:

Boyle mit Beulen
An Kafka verhoben: "Talk Talk" zeigt den großen T.C. in einer erstaunlichen Formkrise.

Immer ist die Welt, in der gerade gelebt wird, die mo- dernste. Und immer ist es eine Aufgabe der Schriftsteller, die allgemeine Fortschrittseuphorie ein wenig zu dämpfen. Wie eine gigantische Erzählmanufaktur hat T. C. Boyle das bislang in zehn dicken Romanen getan. Die Leser folgten ihm bis ans Ende der Welt, ins ernährungsdiktatorische Sanatorium des John Harvey Kellogg, mit Stanley McCormick auf eine frauenfreie Festung, auf Hanffelder, in Hippiekommunen und unlängst erst durch die enthemmten Versuchsanordnungen des Sex-Doktors Alfred Kinsey. Die Leser folgten ihm gern, weil sie heftig unterhalten wurden und auch noch etwas Finsteres fürs Leben lernen durften. Nun gibt sich der Autor eine Steilvorlage, die er nicht erlaufen kann. Wie in einem Kafka-Roman sollte es zugehen im neuen Buch, das sein schwächstes geworden ist, weil fast nichts von dem zu finden ist, was Boyle so unnachahmlich machte. Nicht das reifenquietschende Tempo, nicht die ins Absurde gesteigerte Normalität, keine Figuren, die man ihm glaubt, keine Eskapaden des Absonderlichen, kaum diese wie aus dem Stand kommenden aberwitzigen Beschreibungen kleiner Dinge und schon gar kein Großesganzes, das normal beginnt, um sich ins finale Desaster zu steigern. Dabei waren Start und Zielvorgabe durchaus vielversprechend. Modernisierung heißt heute Modemisierung. Jeder ist rund um die Uhr mit jedem verkabelt. Alles wird ins Netz gespeist, doch Handys und Computer haben viele doppelte Böden. In den alles beherrschenden Maschinen ist die Identität des Einzelnen in Gefahr. Zumindest sofern sie aus Kontobewegungen, Versicherungspolicen, Leasingverträgen und anderen Lebensorganisationsformen besteht. Was passiert, wenn sich einer der Daten bemächtigt, mit ihnen jongliert, manipuliert und spekuliert, bis sie seine eigenen sind? Was, wenn sich alles verselbstständigt und der Gegner anonym bleibt? Was, wenn die gute alte Polizei vor soviel Neuem versagt, weil sie mit den traditionellen Serienmördern, Kinderschändern und Sadisten mehr als beschäftigt ist?

Ein Autor und seine Pappkameradin

Mit sehr viel Sendungsbewusstsein berichtet T. C. Boyle davon, wie eine von einer solchen Welt im Stich gelassen wird und sich wie weiland Michael Kohlhaas selber helfen muss. Dabei hat die unbescholtene Lehrerin und Freizeitschriftstellerin Dr. Dana Halter eigentlich nur ein Stoppschild überfahren... Doch ein Boyle in frappierender Formkrise macht sie zu einer gebeutelten Pappkameradin, die er für seine Botschaften instrumentalisiert. Das ergibt ein mächtiges Phantasie-Eindämmungsprogramm und also so ziemlich das exakte Gegenteil zu allen seinen anderen Büchern. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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