
1.) - 4.)
Taghelle
Gegend.
Roma von Angelika Reitzer (2007,
Haymon).
Besprechung Cornelia Gstöttnger aus Rezensionen-online
*bn*, 2007:
Poetisch ausgeleuchtete Bilder
vom Erwachsenwerden. (DR)
Orientierungslos streicht die junge Frau
durch die Stadt, ja durch ihr Leben und versucht, ihren Weg zu
finden. Auf dem Gang durch diese "taghelle Gegend" fängt die
präzise Beobachterin ihre Eindrücke in sprachlich dichten
Landschaftsbildern ein. Blitzartig tauchen dabei Assoziationen
auf, die weit zurückreichen und gemeinsam Erlebtes mit der
Großmutter und dem kleinen Bruder wieder lebendig machen. Häufig
schieben sich Gedanken an den deutlich älteren Regisseur Flammer,
an diese Amour fou, eine unglückliche Liebe voller Distanz und
Sehnsucht, in den Vordergrund. Maria ist auf der Suche nach sich
selbst, der eigenen Identität, einem gelingenden Lebensentwurf,
sie schleicht auf ihren Streifzügen immer auch um sich selbst
herum: "Manchmal rempelt sie sich selber von der Seite an, dann
passiert hie und da etwas. Oder sie überholt sich plötzlich […]
und die Zeit vergeht im Warten auf sich." (S. 114) Stets wird
ihre Unsicherheit beim Anprobieren eines neuen Lebensentwurfs
spürbar, vielleicht gibt es da auch ein traumatisches Erlebnis
in ihrer Kindheit, das immer noch schmerzlich in die Gegenwart
ausstrahlt und an einem befreiten Dasein hindert.
Aneinandergereihte Episoden schildern
Szenen aus Marias Leben, mosaikartig setzt sich vor den Augen
der LeserInnen ein (Lebens-)Bild zusammen. Angelika Reitzer
lässt Momentaufnahmen, Traumsequenzen, Rückblenden in die
Kindheit einander abwechseln und wählt dadurch eine sehr
komplexe Erzähltechnik, die aufmerksames Lesen erfordert und die
LeserInnen gleichsam auffordert, tiefer in den Text
hineinzugleiten. Für LiebhaberInnen anspruchsvoller Literatur,
die gerne in komplexe Texte eintauchen, ihre Melodie nachklingen
lassen und sich an poetischen Sprach- und Landschaftsbildern
erfreuen. Ein bemerkenswert dichtes Debüt, das zu Recht für den
aspekte-Preis nominiert wurde.
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0608 LYRIKwelt
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2.)
Taghelle
Gegend.
Roma von Angelika Reitzer (2007,
Haymon).
Besprechung Ulrike Matzer aus Rezensionen-online
*LuK*, März 2008:
Luzide Bilder
Angelika Reitzers Debüt "Taghelle Gegend"
Bevor all das Licht dahingeht/bevor das Licht sich
ausschaltet mit Wolken, Linden, Sonnenschalter; bevor alles verweht: gehe ich
selber. Nehme Anlauf und fliege irgendwohin." Einhalten, Luft holen, anheben zum
Satz lässt solch ein frei gestellter Doppelpunkt, und macht Raum auf - Anfang
von etwas. "In keinem ihrer Elemente ist die Sprache so musikähnlich wie in den
Satzzeichen", vermerkt
Adorno
in seinen "Noten zur Literatur": von eigenem physiognomischen Stellenwert,
eigenem Ausdruck, der nicht zu trennen sei von der syntaktischen Funktion, aber
doch keineswegs in ihr sich erschöpfe; Zeichen, "von deren körperloser Gegenwart
der Sprachleib zehrt".1) Der ist in Reitzers Prosatext (das Etikett Roman ist
trügerisch) dissoziiert, fragmentiert in einzelne Bilder und Sequenzen, um alle
(paar) Seiten in
Johnson'scher
Lakonik "schlicht und streng anzufangen so"2: Beschreibungen von Situationen,
beginnend klein geschrieben in zwei fettlettrig gesetzten Wörtern.
Bilder, die fotografisch wirken, und Sequenzen wie aus
Episodenfilmen: Angelika Reitzers Blick ist foto- und kinematografisch; einer,
der etwas festhalten respektive etwas folgen will. Ihr Narrativ engagiert
optische Metaphern, die wie Objektive scharf stellen oder bewusst flou. Mit
Über- und Unterbelichtungen wird operiert, die die Szenen jäh umleuchten
jeweils: Gleißende Helle folgt auf Düsteres, dazwischen schwimmt einiges im
Diffusen: da die lichte Weite einer neuen Welt, der Großstadt Berlin, in die
eine junge Frau ausreißt oder aufbricht; dort dumpfer provinzieller Muff und die
Enge der "Familieneinheit", die sie, Maria, flieht. Was sich wann ereignet, wo
wer sich befindet und wie wird allerdings selten sofort klar: Nur langsam
entwickelt sich jedes Bild, werden Konturen schärfer, Zusammenhänge evident. In
Vor-, Rück- und Zwischenblenden mischt sich Faktisches mit vage Erinnertem,
Tagträumen und Andeutungen von Traumata, die die Protagonistin neben sich stehen
lassen oder auf befremdliche Weise am Boden sein: "Sind das Flügelschläge im
Liegen, bei gebrochenem Hals." Über Fragen, die keine sind, über
Erzählperspektiven, die zwischen außen und innen springen, schildert die Autorin
nüchtern aber einfühlsam wie eine flügge wird, etwas früh womöglich; ein
Erwachen und Erwachsen, in das Erlebnisse des Kindseins bildern: Die Zeit der
Cordfauteuils und Kurbeltische, die Zeit, in der es plötzlich einen kleinen
Bruder gibt und die Großmutter verscheidet, am Ostermontag, dem Geburtstag von
Maria. Nur angedeutet und doch deutlich ein missbräuchlicher Untergriff auf "das
Kind" (Mia, Ria) durch einen Nachbarsbuben, und das Ertrinken des jüngeren
Geschwisters, für das sie Verantwortung tragen hätte sollen beim Schwimmen im
Bad. Auch der ältere Bruder kommt ihr zeitweise abhanden, im Internat zuerst,
auf Entzug dann immer wieder. Schulfreundinnen verlieren sich, schwinden wie
Lucia (sic!) umdunkelt von Depressionen. Maria dagegen sucht zunehmend das
Weite, "aus dem Raum dem Staub" der Familie macht sie sich, aus dem Abseits ins
Leben hinein und die Liebe, was recht unbekümmerte Liebschaften meint: Ein
bisschen blauäugig, zurückhaltend verwegen, blau nicht selten auch (physikalisch
wie psychologisch die Farbe, die flieht) oder bekifft setzt sie sich aus:
over-exposed. "(Bin ich als Ganzes ein explodierendes Feld oder liege ich darauf
verstreut. Die Augen sind auch ganz flach, wahrscheinlich ohne Wimpern und
Lider/denn hätt ich welche, dachte ich: würden sie schmerzen und: wenn ich
diesen Fetzen Stoff wegschiebe, würde ich feststellen, dass ich nicht im Bett
liege.)"
Nicht die Zeichensetzungen alleine zeigen, dass Reitzer
Literatisches poetisch denkt und formuliert. Ihre Sprache, sparsam, präzis,
bedacht, unterscheidet sich wohltuend von flapsig-flotter Schreibe, wie sie das
skizzierte coole Milieu prekärer Existenzen der Berliner Hausbesetzerszene nahe
legt. Im Fragmentarischen, im Ausschnitthaften intarsieren sich sinnlich
Einzelheiten in enormer Dichte: eine leise Intensität. Momente gefestigter
Präsenz im Jetzt kippen in solche, in denen alles wieder unsicher wird,
unbestimmt. Dabei greift trotzdem eins ins andere, der Rhythmus des Gebundenen
geleitet einen gut, ja fesselt: Spannung spielt immer mit.
Für Flammer, den schöngeistigen Theaterregisseur und
intellektuellen Mentor - altersmäßig möchte er wohl ihr Vater sein - heißt Maria
als Geliebte "Felicitas": "Er summt wieder, malt mir lange Haare an den Kopf und
ein rotes Kleid, das schmale Träger hat, ich fühle mich wie am ersten Tag im
Freibad, wenn ich die Schnellste beim Umziehen war und der Körper ist sich
plötzlich fremd in dieser Freiheit des warmen aber noch nicht heißen
Sommertages." Andere Namen annehmen, Lebensmodelle probieren wie Kleider,
mögliche Männer, Geschichten erfinden, sich selbst: Schneidernd jobbt Maria eine
Zeit in ungezwungenem Beisammensein mit jungen Frauen, später im Kulturbetrieb,
als Telefonistin, wo sie gewisse Sicherheiten und Strukturen wieder schätzen
lernt: "Das Headset für Ohr und Stimme macht eine funktionierende Person aus
ihr."
Freilich: Identitätsfindung, das Abenteuer Adoleszenz sind
alt bekannte Themen; an solchen Topoi sich bewusst anlehnen "oder aus ihnen
hinaus", um mit der Autorin zu sprechen, eine Herausforderung offenbar für
Reitzer. Jeder Stoff ist so elastisch, wie manfrau ihn webt: In gedehnte
Wahrnehmung bis zum nunc stans schießt akzeleriertes feeling, unversehens: "Das
ist ein neues Tempo oder das Gegenteil/Antigeschwindigkeit", heißt es im Buch,
und in angelika express, Reitzers blog, lesen wir: "Aus der selbstbewussten
weiblichen Perspektive kann denn auch natürlich jedes Thema beleuchtet werden,
wie groß oder wie klein es angeblich sein mag."3 Nun, diese Reflexionen sind
sehr licht, luzide, leuchtend.
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3.)
Taghelle
Gegend.
Roma von Angelika Reitzer (2007,
Haymon).
Besprechung von Erika Wurzenrainer in DUM
- Das alternative Magazin, 2008:
In Schritten betrachtet A. R. eine junge Frau und ihr
junges Leben. Kommentiert zwischen Punkten, Doppelpunkten und Klammern die einen
an P. H. erinnern lassen und seine Art, Ereignisse durch Gedanken zu vertiefen,
setzt sie erklärende Zeilen zu erzählerischen. Geschickt wird man an der
alternden Melancholie vorbeimanövriert, an der doch manchmal recht
mitleiderregenden Sehnsucht vieler Erwachsener an alles Vergangene dockt man
nicht an und das tut wirklich gut.
A. R. tanzt einen pas de deux mit dem eigenen Text, in einer plastischen, Bilder
hervorrufenden Sprache. Nicht immer ist sofort klar worum oder um wen es geht,
daher lässt man sich führen und man lässt sich die Geschichte von sich selbst
erzählen.
Über den Maria gerne erzählt
Gedankenvoller Text der nicht den Bezug zu Handlung und Bewegung in der
Geschichte verliert. Wenn Sie Zeit haben, dann besuchen sie die Mutter die nicht
mehr Klavier spielt, den Vater, der sich nichts selbst aus der Küche holt, den
Bruder, über den man spricht und Flammer, über den ihnen Maria gerne mehr
erzählt.
Fazit: Als Romandebüt beachtlich eigenständig, graziler Stil mit einer
interessanten Familiengeschichte.
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4.)
Taghelle
Gegend.
Roma von Angelika Reitzer (2007,
Haymon).
Besprechung von Helmut Schönauer,
2008:
Es gibt wirklich diese lichten Romane,
die vom Titel weg bis zur letzten Zeile etwas Speedig-Helles ausstrahlen.
In Angelika Reitzers Roman wird es schon auf der ersten
Seite in einem Innenhof hell, die Bäume sind zwar für diese Saison am Ende der
Blüte, aber zu ihren Füssen steht in einer Sandkiste bereits das Spielzeug
bereit, um bei Bedarf jederzeit ein Stück Kindheit in den Sand zu spielen. Und
diese Kindheit kann überall aus der Hüfte heraus einsetzen und bringt die
Protagonistin in eine optimistische Stimmung.
Der Roman schiebt seinen Inhalt mit fröhlicher Peristaltik
durch den Schacht der Erinnerung. Da gibt es ganz kurze Sequenzen, die fast
schon zu einem lyrischen Andachtsbild komprimiert sind, und längere
Erlebnisläufe, die trotz aller Üppigkeit immer kontrolliert in den vorgesehenen
Bahnen bleiben.
Maria geht nach dem Prinzip „Ria“ vor, wie sie in ihrer
Kindheit oft genannt wurde, Ria heißt hier soviel wie easy. „Freiheit und leben
ohne Auftrag also!“ (86)
Der Roman ist durchflutet von Trennungen und Begegnungen,
es macht keinen Unterschied, ob eine Beziehung am Anfang oder am Ende ist,
Hauptsache, die Beteiligten ziehen einander nicht in ein depressives Loch.
Einmal wird Maria von einem Berufskraftfahrer mitgenommen, als er seine
Ruhepause einhalten muss, pocht er auf seine Lust auf Sex, aber die Maria ist
kein leichtes Mädchen, sie nimmt nur alles leicht. Fast selbstverständlich sagt
sie nein, woraufhin sich der abgewiesene Mann zu dem traurigen Satz hinreißen
lässt: ‚Sie haben ja noch ihr ganzes Leben vor sich’. (53) Ja eben, und für den
Mann war es vielleicht die letzte Chance noch einmal einen Hauch von Sex zu
kriegen.
Zwischendurch ist Maria als Schneiderin für Theaterkostüme
tätig, dabei erschneidert sie sich ganze Rollen, mit jeder Naht hüft sie in das
Innere der jeweiligen Figur und gibt ihr Konturen. Natürlich ist sie
zwischendurch Feuer und Flamme für den Regisseur Flammer, der dann
Radiomoderator wird. Oft schreibt sie ihm Briefe, die dann als Bumerang
zurückkommen (97). So lässt sich zwischen dem Fortschleudern der Gedanken und
ihrer Rückkehr an den Absender gut vermessen, wie sich die Beziehung verändert
hat.
Scheinbar aus heiterem Himmel huschen dann taghelle
Flocken aus der Kindheit über das Erinnerungsfirmament. Der frisch geborene
Bruder etwa kommt im Winter mit dem Schneepflug, man sieht die Gummistiefel der
Mutter, wie sie den Hof betreten, aus der Fahrerkabine wird ein Bündel
herausgehoben, so betreten gute Menschen diese Welt. Andererseits stirbt die
Großmutter so unterhaltsam, dass sie die ganze Familie aus dem Häuschen bringt.
Die Trauernden schreien sich gegenseitig an und machen einander sinnlose
Vorhaltungen, dass die Großmutter zur Unzeit gestorben ist, wo niemand Zeit hat
für so etwas.
Angelika Reitzers Thema ist frech, nämlich die Gegend mit
sonnigem Gemüt auszuleuchten, die Erzählweise ist angenehm, man kann als Leser
kurz einmal aus dem Text hinausgehen und dieser wartet wohlerzogen, bis man
wieder weiter liest. So also schaut ein moderner Roman aus, der wie einst ‚Aus
dem Leben eines Taugenichts’ das Romantische so ungewöhnlich erzählt, dass es
völlig normal wirkt.
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Leseprobe I Buchbestellung 0505
LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer