Taghaus, Nachthaus.
Roman von Olga
Tokarczuk (2001, DVA).
Besprechung von Carsten Hueck in der Frankfurter Rundschau, 14.2.2002:
Haus,
Himmel, Welt
Olga Tokarczuk findet die Totalität des
Daseins im Detail
Wer im Grenzgebiet lebt, ist immer dem Anderen nah. Je nach politischer, historischer oder persönlicher Disposition kann man das als Erweiterung oder Bedrohung eigener Kultur und Existenz erfahren. Olga Tokarczuk lebt seit mehreren Jahren in einem kleinen Dorf im Sudetenland. Ihr Haus ist das letzte vor der Grenze. Die knapp vierzigjährige polnische Autorin ist die populärste ihrer Generation. Seit vor zwei Jahren der Roman Ur und andere Zeiten sowie ihr Erzählband Der Schrank in Deutschland erschienen ist, gilt sie auch hierzulande als Repräsentantin neuer polnischer Literatur. Tiefgründig ist ihr Erzählen, einfach und beinahe altmodisch in der Form, originell in den Bildern. Dabei hebt sie souverän Grenzen von Zeit und Raum auf, verbindet Reales mit Mythischem, Rationales und Phantastisches.
Taghaus, Nachthaus ist der vierte Roman der studierten Psychologin und zugleich ihr persönlichster. Teile daraus sind bereits in dem Band Der Schrank abgedruckt. Im Kontext des Romans erschließen sie sich noch besser, obgleich sie als kleine Einheiten bestehen können - als Fabel, Tagebuchaufzeichnung oder Legende, als poetologisches Fragment oder aitiologische Sequenz. Patchworkstruktur und mehrere Handlungsfäden machen Taghaus, Nachthaus zu einem vielschichtigen Puzzle. Wie immer man die einzelnen Teile miteinander in Berührung bringt, ergeben sie ein Bild der Welt. Das Leben auf dem Land, der Aufenthalt in der niederschlesischen Provinz, bildet hierfür den Rahmen. Eine namenlose Erzählerin bezieht bei Frühlingsbeginn ein altes Haus unweit der Grenze zu Tschechien. Von dort aus führt sie durch Jahreszeiten und Historie der Gegend, beobachtet Vegetation und Bevölkerung. Sie schreibt vom Schicksal einzelner Dorfbewohner in Gegenwart und Vergangenheit, sammelt Geschichten: die eines Messers, eines Autos, eines Traums. Allen eingeschrieben ist die Vergänglichkeit von Sicherheiten und die Relativität von Wahrheit.
Olga Tokarczuk errichtet aus individueller Erfahrung dieses Ortes einen Kosmos. Häufig bedient sie sich dabei der Sprache und Logik des Traums. Ihr Begriff von Realität ist universell, scheinbar Gegensätzliches gilt ihr als eins. Die Heiligenlegende steht neben dem Küchenrezept, der blutspendende Werwolf sucht ebenso Erlösung wie der heimatvertriebene Tourist. Olga Tokarczuk ist dualistisches Denken fremd. Mit religiösem Empfinden deutet sie Bewegungen am Himmel und auf Erden, die Verwurzelung der Pilze entspricht der eines Menschen. Nichts ist ihr profan, alles lebt in allem und mit allem, ist gesättigt mit Sein. Immer wieder kehrt die Erzählerin zum Haus zurück, seiner Einrichtung, seinem Innenleben. Es ist nicht nur der feste Punkt, von dem aus sie sich orientiert, das Zentrum ihrer Welt, sondern die Welt selbst. Makro- und Mikrokosmos gehen ineinander über.
Die Aufzeichnungen der Erzählerin enden im Spätherbst. Nachbarin Marta, die alte Perückenmacherin, zieht sich zum Winterschlaf in ihren Keller zurück. Ein Mann kauft eine Kamera. Im nächsten Frühling will er sie auf die Veranda des Hauses stellen: "Jeden Tag wird er ein Foto machen, selbst dann, wenn sich der Himmel mit einer dichten grauen Wolkendecke überzieht. R. ist sicher, dass dabei etwas herauskommen wird, und dass wir im Herbst eine Serie von Himmelsaufnahmen auf die Platte gebannt haben werden, die Sinn und Bedeutung hat. Man kann dann die Aufnahmen wie ein Puzzle zusammenlegen. Oder sie im Computer übereinanderlegen. Oder man kann mithilfe eines Programms einen einzigen Himmel daraus bilden. Und dann werden wir es wissen." Wer es versteht, Taghaus, Nachthaus wie den Himmel zu lesen, wird erkennen, dass Olga Tokarczuk eine der wichtigsten Erzählerinnen unserer Gegenwart ist, deren Grau sie grenzenlos durchdringt.
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