Tagebücher 5 von Virginia Woolf, 2008, S.Fischer

Tagebücher 5
1936-1941 von Virginia Woolf (2008, S. Fischer - Übertragung Claudia Wenner)
Besprechung von Renate Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau, 5.8.2008:

"Den Augenblick umarmen"

Tag für Tag meist vor dem Lunch in wenigen Minuten notiert, stellen die Eindrücke, Beobachtungen und Überlegungen Virginia Woolfs geradezu den Idealfall eines Tagebuchs dar. Sie zeigen ein in jeder Hinsicht waches Individuum in seiner Zeit. Nun ist der fünfte und letzte Band von Woolfs Tagebüchern auf deutsch erschienen: die Aufzeichnungen von 1936 - sie war gerade 54 geworden - bis zu ihrem Tod 1941.

Wie immer war die Dichterin und Essayistin auf vielfältige Weise tätig. Während sie ihren so zuversichtlich und freudig begonnenen umfangreichsten Roman, "The Years", verzweifelt immer wieder um- und neu schrieb, übte sie parallel dazu in dem Essay "Three Guineas" lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Kritik am pervertierten Männlichkeitswahn der "Diktatoren" Hitler und Mussolini. In den fiktiven "Years" und den faktenreichen "Guineas" sah sie ein einziges Buch, das ihr "Höllenqualen" und "wenig Verzückung" einbrachte. Daneben sammelte sie bereits Material und Ideen für eine Biographie über den 1934 verstorbenen Kunsthistoriker, Maler und engen Freund Roger Fry. Dessen Schwester und Virginia Woolfs Schwester, die Malerin Vanessa Bell, hatten sie darum gebeten. Diese Arbeit ließ für die freie Entfaltung ihrer Phantasie wenig Spielraum. Doch während der nicht selten als "Schinderei" empfundenen Niederschrift keimten bereits die Ideen für ihren nächsten, im ländlichen England spielenden Roman "Between the Acts". Er wurde gleichsam "zwischendurch" und "mit Vergnügen" geschrieben.

Diese schriftstellerische Produktion mit ihren Höhen und Tiefen war Teil des Alltags einer lebenszugewandten, heiteren, energischen, umsichtigen Frau, die ihre verzweifelte Schwester tröstete, als deren ältester Sohn im Spanischen Bürgerkrieg durch eine Granate zu Tode kam; die kein einziges Wort der Larmoyanz äußerte, als während eines Umzugs in London sowohl die alte Wohnung am Tavistock Square wie auch die neue am Mecklenburgh Square von deutschen Bombern zerstört wurden. Ihre Devise war: keine großen Pläne machen. Ihre "kleine Philosophie" lautete: "den gegenwärtigen Augenblick umarmen", ihn nicht Sorgen oder Neid überlassen.

Daher ihre Fähigkeit zu intensiver Wahrnehmung, z. B. von Naturschauspielen. Nach einem Sonnenuntergang bewundert sie den "Wirbel roter Wolken", eine "lilafarbene Wasserfarbenmasse", in die sich "dünne harte Scheiben von tiefgrünem Stein" schieben und "ein Gekräusel von karmesinrotem Licht" entstehen lassen. Sie skizziert pointierte Porträts ihrer Freunde: W. H. Auden, "ein kleiner Terriermann mit struppigem Haar"; Vita Sackville-West, "die niemals kneift, jedoch alle Feinheiten grob und großzügig überspringt"; T.S. Eliot "mit seinem sensiblen, scheuen, zaghaften, jedoch ganz eigenen Naturell".

Sie wusste: Für ihr Befinden und ihre Produktivität war es wichtig, geistig und körperlich in Bewegung zu bleiben. Sie las ungeheuer viel - beispielsweise Mme. de Sévigné, George Sand, Jules Michelet, Balzac auf französisch -, machte allein oder mit ihrem Mann Leonard lange Spaziergänge, spielte im Garten ihres Landhauses in Rodmell leidenschaftlich gern Bowls mit ihm und mit Freunden.

Und nüchtern und hellsichtig registrierte sie die politischen Ereignisse: den Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, die Besetzung des Sudetenlandes, den Überfall auf Polen, auf den dessen Bündnispartner und Garant England mit einer Kriegserklärung reagieren musste. Am 6. September 1939 dann der erste Fliegeralarm: "ein Trillern, das sich allmählich hereinschleicht, während ich im Bett liege. Dieser Krieg hat kaltblütig begonnen. Man spürt nur, dass die Tötungsmaschine in Gang gesetzt werden muss." Von da an ist auf fast jeder Seite vom Krieg die Rede. Er bedeutet Chaos, Grauen, "junge Männer, die zerschmettert werden", die brüllenden, tobenden Stimmen von Hitler, Goebbels, Ribbentrop im Radio, Verdunkelung, Gasmasken, Lebensmittelknappheit, Benzinrationierung, Stromausfall. Dazu eisige Kälte in den Wintern 1940 und 41.

Allein zwischen dem 7. September und dem 3. November 1940 wurde London jede Nacht von durchschnittlich 200 Bombern angegriffen. Die City von London - "unsere majestätische Stadt" - bestand nur noch aus Ruinen, aus Bergen von Schutt und Asche, aus Dröhnen, Prasseln, Klirren. Der Krieg verfolgte Virginia und Leonard Woolf, die nach der Zerstörung ihrer Londoner Wohnung in ihrem Sommerhaus in Rodmell lebten, auch dorthin: Sirenen, Luftangriffe, "als säge jemand genau über uns in der Luft" - während die Woolfs flach auf dem Bauch unter einem Baum liegen. Ins Tagebuch notiert sie den Schwur, sich von keinem Verzweiflungstief verschlingen zu lassen; meint, der Verlust ihres Besitzes in London habe "Erleichterung" gebracht; wünscht sich "10 weitere Jahre" für ihr nächstes Buch; will nicht zulassen, dass ihr Kopf "leer" wird. Doch "das seltsame Gefühl" bricht sich Bahn, dass "das schreibende ‚Ich\' verschwunden" ist. "Kein Publikum. Kein Echo. Das ist ein Teil des eigenen Todes." Die Klage, dass der Krieg die lebendige, die bei aller Problematik beflügelnde und belebende Beziehung zwischen Autorin und Publikum zerstört und zum Schweigen gebracht hat, taucht gegen Ende des Tagebuchs immer häufiger auf. Am 28. März 1941 ertränkte sich Virginia Woolf in der nahe an ihrem Haus vorbeifließenden Ouse.

Wie schon Band 2 ist auch dieser 5. Band der Tagebücher kongenial von Claudia Wenner ins Deutsche übersetzt, und wie die anderen Bände ist er mit kenntnisreichen Anmerkungen zu sozialen, politischen und topographischen Sachverhalten sowie einem einfühlsamen Vorwort von Anne Olivier Bell, der Frau von Virginia Woolfs Neffen und erstem Biographen Quentin Bell, ausgestattet.

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