Tagebücher 4 von Virginia Woolf, 2003, S.FischerTagebücher 4.
Tagebücher von Virginia Woolf (2003, S. Fischer - Übertragung Maria Bosse-Sporleder).
Besprechung von
Margrit Irgang für den SWR-Buchtipp:

Autorin                        Virginia Woolf schreibt Tagebuch, spontan und unzensiert. Ein Zettelkasten: der Streit mit dem Dienstmädchen, die neue Dauerwelle. Das Licht über den Hügeln, Besucher, Konzerte, ein Nachmittag im Park. Die Qual und Freude des Schreibens. Die für ihren ausgefeilten Stil berühmte Autorin erholt sich in ihren Tagebüchern geradezu von der Mühsal der sprachlichen Gestaltung, und besonders in diesem vierten Band sollte man weniger Literatur erwarten als den Rohstoff für Literatur. Vor allem aber geben die Notizen einen tiefen Einblick in eine Psyche, die zwischen extremen Gegensätzen schwankt. Es sind die Jahre 1931 bis 1935, Virginia Woolf steht im Zenit ihres Ruhms. Freunde und Verwandte geben sich die Klinke in die Hand. Ein Wirbel von Tee-Einladungen, Vernissagen, Kostümfesten entfaltet sich. Und Virginia, von Kopfschmerzen gepeinigt, notiert:

Virginia Woolf: ... die Anstrengung, in zwei Sphären zu leben: der Roman - und das Leben ist ein Kraftaufwand. Ich wünsche mir nichts als Spaziergänge & ein völlig spontanes kindliches Leben mit Leonard & das Gewohnte, wenn ich mit voller Kraft schreibe: mich Fremden gegenüber umsichtig und absichtsvoll benehmen zu müssen, reißt mich heraus in eine andere Region.

Autorin                        Nun könnte dieser endlose Strom von Besuchern ja ohne weiteres angehalten werden. Das aber ist keineswegs im Interesse von Virginia Woolf, die sich, sobald der Briefträger keine Post bringt, übergangen und ungeliebt fühlt. Tatsächlich braucht Virginia Woolf die unablässige Bestätigung ihrer Beliebtheit in Gestalt der gesellschaftlichen Verpflichtungen ebenso wie das ungestörte Eintauchen in ihre Tiefen. Licht und Dunkel, Ruhe und Sturm liegen in dieser Psyche gefährlich nahe beieinander. Immer wieder beschwört sie einen Zustand der Gelassenheit, der sich nicht einstellen will:

Virginia Woolf: Immun sein heißt jenseits von Reibungen, Schocks, Leiden zu existieren; außerhalb der Reichweite der Pfeile; genug zum Leben zu haben, ohne um Schmeicheleien und Erfolge zu buhlen; keine Einladungen annehmen zu müssen; nicht darunter zu leiden, dass andere gelobt werden; stark sein, zufrieden; Nessa und Duncan neidlos nach Paris fahren lassen; das Gefühl haben, dass niemand an mich denkt; das Gefühl haben, ich habe gewisse Dinge getan und kann jetzt ruhig sein.

Autorin                        In diesem Juli des Jahres 1932 hat Virginia Woolf bereits zehn Bücher sowie zahllose Rezensionen und Artikel veröffentlicht. Sie hat also durchaus „gewisse Dinge getan”, aber ruhig wird sie nie sein. Jeder bescheidene Erfolg ihrer Schwester, der Malerin Vanessa Bell, versetzt sie in Eifersucht, und sie scheut sich nicht, einen Misserfolg ihrer Freundin Rosamond Lehmann mit dem Satz zu kommentieren „Es hat etwas Angenehmes, das Unglück der Freunde”. Kritik an ihrer eigenen Arbeit kann sie geradezu vernichten:

Virginia Woolf: Ich bin hier heraufgekommen, zitternd in dem Gefühl vollständigen Versagens - ich meine The Waves - ich meine, Hugh Walpole gefällt es nicht - ich meine, John will gerade schreiben, um mir zu sagen, dass er es schlecht findet - ich meine, dass Leonard mir eine Sensibilität vorwirft, die an Wahnsinn grenze - ich meine, dass ich akut depressiv bin und schon spüre ich das Aufbäumen des harten und hornigen Rückens meines alten Freundes Kampf Kampf.

Autorin                        Ja, sie konnte kämpfen: mit Worten, die oft verletzend waren, mit sprühendem Charme und mit einer scheinbaren Unterwürfigkeit, die - ihr Mann Leonard und ihre Geliebte Vita Sackville-West wussten es - im Grunde ein subtiler Kontrollmechanismus war. Ein lebenslanger Kampf, der, wie wir jetzt sehen, die notwendige Balance wiederherstellte, wenn das mangelnde Selbstvertrauen die Waagschale nach unten gedrückt hatte. Auch die Anlage zur Depression wurde ausbalanciert: mit einem Glücksverlangen, das manchmal eine Heftigkeit annahm, die wieder in Depression mündete.

Virginia Woolf: ... die durch und durch schwungvolle und energiegeladene Lebensweise, die ich jetzt anstrebe. Ja, ich verschwende keinen Augenblick: Ich bin ständig in Bewegung, mit einer Menge Spielraum obendrein für schiere Frivolitäten. Die meisten Lebenspläne sind viel zu streng. Ich gebe eine großzügige Marge zu fürs Vergnügen.

Autorin                        Wer je behauptet hat, Virginia Woolf sei ein ätherisches Geschöpf gewesen, das der Schonung bedurfte, darf seine Ansicht korrigieren: Virginia bewältigt ein enormes Arbeitspensum. Sie schreibt, lektoriert Manuskripte für die Hogarth Press, packt Buchpakete, reist durch Europa, lernt Italienisch und erfüllt ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen. Aber auch Abschied kündigt sich an. Der Höhepunkt dieses Lebens scheint überschritten zu sein: Virginia Woolf wird als Autorin zunehmend angegriffen, Freunde sterben, die politischen Ereignisse in Deutschland werfen Schatten voraus. Und doch trägt etwas Virginia Woolf durch alle Schwierigkeiten hindurch, und das ist ihre Ehe.

Virginia Woolf: Ich glaube, wir sind nie so glücklich gewesen, alles in allem. Und so nah, und so völlig ganz, ich meine Leonard und ich. Wenn ich doch bloß nochmal fünfzig Jahre so weitermachen könnte - ein solches Leben ist ganz und gar zufriedenstellend.

Autorin                        Mit ihrem Mann hat Virginia eine Ehe erschaffen, die offensichtlich beiden Geborgenheit, Anregung und Freude bietet. Sie verliert nur wenige Worte darüber, wie sie überhaupt immer dann in sprödes Schweigen verfällt, wenn die Gefühle Tiefe annehmen. Virginia Woolf lotet lieber mit Hilfe von Worten aus, wie ihr Geist funktioniert. Und wir, die Leser, sehen ihr beim Denken zu, und das ist der Reiz dieses Tagebuchs. Denn wie auch in ihren Romanen wird das Persönliche hier exemplarisch: Der Geist von Virginia Woolf mit seinen Dunkelheiten und Glückmomenten unterscheidet sich nicht wesentlich vom Geist aller anderen Menschen.

                                                Dennoch wird sechs Jahre nach diesen Aufzeichnungen etwas geschehen: Die Fähigkeit, sich selbst aus der Distanz zu betrachten, ist Virginia Woolf verlorengegangen. Am 28. März 1941 wird sie sich das Leben nehmen. Dieses Wissen des Lesers gibt den Tagebüchern eine intensivere Qualität, als sie vielleicht dem Gehalt nach haben. Wie ein dunkler Grundton lässt das Ende der Virginia Woolf Äußerungen aufleuchten, die eine Kraft und einen Freiheitswillen zeigen, den wir nicht erwartet hatten, aber gerne im Gedächtnis bewahren wollen:

Virginia Woolf: Ich werde weiterhin Wagnisse eingehen, mich verändern, meinen Geist & meine Augen offenhalten, mich weigern, abgestempelt & stereotypisiert zu werden. Worum es geht ist, das Selbst zu befreien; es seine Dimensionen finden, es nicht einschränken zu lassen.

Leseprobe I Buchbestellung 0903 LYRIKwelt © Margrit Irgang